Alte Handwerke und Gewerbe

Über alle Dörfer verstreut fanden sich in früheren Zeiten Handwerker und Gewerbetreibende, die für die bäuerliche Bevölkerung arbeiteten. Maschinelle Fertigungen gab es nicht, und was im Dorf selbst nicht hergestellt werden konnte, brachten „fliegende“ Händler oder Handwerker. Heute sind die meisten dieser Gewerbezweige verschwunden, die Industrie stellt all das, was früher in Handarbeit geschaffen wurde, wesentlich billiger und schneller her - wenn auch nicht in allen Fällen besser oder haltbarer.

Die Leineweber dürften die größte Verbreitung aller Handwerker gefunden haben, es gab sie wohl in fast jeder Ansiedlung und meistens zu mehreren; denn der bescheidene Reichtum der Landbevölkerung ließ sich vor allem am Leinen in den Tücher- und Kleidertruhen ablesen. Eine Tochter mit guter Mitgift brachte immer eine wohlgefüllte Truhe mit in die Ehe. Das bäuerliche Leinen, aus Flachs gesponnen, gab es in verschiedenen Ausführungen: Hoodche (ganz grobe Sackleinwand), Zieche (Spreusäcke, auf denen anstelle von Matrazen die Bauersfamilie schlief), Bettücher (grobes Leinen), Bettleinen (mittleres Leinen), Gebildt (feines gemustertes Leinen, unter anderem für Tischtücher), Rippigte Tücher (geripptes feines Leinen, unter anderem für Handtücher). Die Bezeichnungen können von Dorf zu Dorf unterschiedlich gewesen sein, diese hier sind in meinem Heimatort noch geläufig.

Die Bauern mit Geschick für diese Kunstfertigkeit hatten in der Regel einen Webstuhl zu Hause stehen und betätigten ihn in Heimarbeit neben der Landwirtschaft. Durch den Anbau von Flachs versorgten sich die Menschen seit dem 16. Jahrhundert mit Tuchen für Wäsche aller Art, für Arbeitskleidung und für Säcke und Wagentücher. Schon Mitte des 15. Jahrhunderts ist der Familienname „Leineweber“, zugleich Berufsbezeichnung, im Hunsrück (Mengerschied) nachgewiesen. In der Stadt Kirchberg wurde 1596 eine Zunftordnung für das Leineweberhandwerk erlassen. 1768 sind im Kreis Simmern 350 Leineweber aktenkundig, 1864 48 Vollerwerbs-Leineweber und 1139 nebenberufliche. Und um 1900 klapperten 1457 Webstühle in Hunsrücker Stuben.

Als Napoleon die Rheinlande besetzt hielt, berichtete eine Statistik 1802 von 36000 Ellen produziertem Leinen. Die fleißigsten Bauern erhielten für ihre Arbeitsleistungen Auszeichnungen.

Nicht nur für den Hausgebrauch produzierten die Bauern Leinen, sondern sie verkauften es auch und besserten so die kärgliche Haushaltskasse auf. Das Hunsrücker Leinen zählte qualitativ zum besten im Rheinland.

Die Leineweber trafen sich regelmäßig zu ihren Jahrestagen. Da wurden sogar kirchliche Bettage versäumt, um an einem Treffen der Berufskollegen teilzunehmen.

Die Wichtigkeit des Flachses, des Leinen-Grundstoffes, für die Menschen ist anhand eines alten Versleins leicht nachzuempfinden:
Als ich klein war, war ich ein Pudelchen,
als ich größer ward, bekam ich ein blaues Hütchen auf,
als ich noch größer ward, wurd’ ich gerupft und gezupft und geschlagen
und zuletzt von Kaiser und König getragen.

Schon vor 4000 Jahren bauten die Ägypter Flachs an, es handelt sich wohl um die älteste Pflanze, deren Fasern die Menschen nutzten. Die Phönizier brachten den Römern die Kunde vom wertvollen Leinen und diese ließen auf ihren europäischen Beutezügen überall den Flachs Einzug halten. Flachs (Linum Usitatissimum) liefert neben dem Leinen noch Leinsamen zur Ölgewinnung, wobei die ausgepressten Samenkörner ein ausgezeichnetes Viehfutter abgeben.

Der Hunsrück bot ein hervorragendes Umfeld für den Flachsanbau: Schwere lehmige Böden und kühle, feuchte Sommermonate. Früh im April werden die Samenkörner ausgesät. Die etwa anderhalb Meter hohe Flachspflanze blüht blaßblau und beim Verwelken der Blüten beginnen sich die Samen zu bilden. Jetzt schon, bevor der Samen ausgereift ist, wird geerntet, weil der Leineweber in erster Linie Wert auf die Qualität der Stengelfasern legt.

Nach dem Trocknen der von Hand geernteten Pflanzen werden diese durch einen Stahlkamm gezogen, um die Samenkapseln abzustreifen. Nach dem Rösten sondert das Schwingen die brauchbaren Leinenfäden vom Pflanzenstengel ab. Das geschieht auf der Flachsbrech. Beim anschließenden Hecheln werden die Fasern entfernt, die sich zum Spinnen wegen ihrer geringen Länge nicht eigenen.

Das letztlich gewonnene Leinen ist noch ungebleicht und hat eine leicht gräuliche Farbe.

Dieter Diether

Quellen:
Dieter Diether: Ellern - Im Schatten der Erle, Argenthal 1995
Gustav Schellack: Flachsanbau auf dem Hunsrück. In: Hunsrücker Heimatblätter 57/1983, Seite 253 ff
James Seymour: Vergessene Künste, Bilder vom alten Handwerk, London 1984
Willi Wagner: Die Gewerbetreibenden in der Landbürgermeisterei Simmern im Jahre 1820.
In: Hunsrücker Heimatblätter Nr. 82/1991, Seite 56 ff