Der Hunsrücker Geschichtsverein

Nicht immer galt es als schick, sich mit Altertümchen, Histörchen und Anekdötchen zu beschäftigen. Woraus in unseren Tagen viele Menschen ein Hobby machen -nämlich das Schmökern in alten Schriften, das Aufzeichnen von Familiendaten oder das Sammeln alter Urkunden und Fotos- galt aus leicht nachvollziehbaren Gründen zum Beispiel in der Nachkriegszeit als wenig erstrebenswert. Alles Neue, die Zukunft, war damals gefragt. Wer erinnerte sich dabei noch gern einer Zeit, die gottseidank vorüber war? Was Wunder, sei nur an das Erstellen des Ariernachweises im Dritten Reich gedacht oder die Scheu der Schullehrer, im Fach Geschichte Vergangenheitsbewältigung zu betreiben.

Heute gipfelt die "Historiemania" im Verfassen von Ortschroniken selbst kleinster Siedlungen. Dabei werden manchmal äußerst zweifelhafte Jahreszahlen aus der Geschichte herangezogen, nur um ein rundes Jubiläum mit einer Schrift zu krönen - dies nur am Rand vermerkt. Jedenfalls ist es den Menschen heute ein Bedürfnis, mehr über ihre Vergangenheit und die ihres Wohnortes zu erfahren.

1958 gründeten in Simmern Männer um den Studienrat Ernst Siegel den HUNSRÜCKER GESCHICHTSVEREIN neu. Bereits 1890 tauchte dieser Name in der örtlichen Presse auf, allerdings konnte erst 1901 von einem richtigen Verein mit Vorstand, Satzungen und anderen Regularien gesprochen werden. Diese Institution hatte sich das Sammeln und Aufbereiten alter Quellen und Begebenheiten zur Aufgabe gemacht. In Ermangelung einer vereinseigenen Publikation veröffentlichten die Historiker ihre Aufsätze in einer Beilage der "Hunsrücker Zeitung" mit Namen "Hunsrücker Erzähler".

Am 8. Juni 1890 versammelten sich in Kirchberg auf Einladung von Pfarrer Reeder (Kappel) und Lehrer Röhrig (Dill) Freunde der heimathlichen Geschichte..behufs Gründung eines KIRCHBERGER VEREINS FÜR HUNSRÜCKER GESCHICHTE. Ein Vierteljahr später, am 8. Oktober, wollte auch Simmern nicht zurückstehen. Vier Herren veröffentlichten in der Presse eine Einladung zum Vortrag des Herrn Pfarrer Müller .. und Besprechung über Organisation des Vereins. Diese Versammlung lockte nur wenige Interessierte an und die Initiatoren sahen es als ihre vordringlichste Aufgabe an, allmählich mehr Interesse für die heimatliche Geschichte zu wecken.

Es dauerte noch ein gutes Jahrzehnt bis zum November 1901, ehe der HUNSRÜCKER GESCHICHTSVEREIN aus der Wiege gehoben werden konnte. Der damalige Landrat Dr. von Beckerath zählte zu den Gründungsmitgliedern. Den Vorsitz übernahm Pfarrer Echternach aus Pleizenhausen. Der Verein machte es sich zur Aufgabe, durch die Beschäftigung mit der Geschichte Heimatsinn und Heimatliebe im Hunsrücker Volk zu stärken.

Ein Jahr später hatten sich bereits 86 Mitglieder eingetragen und ein Aufruf zur Stiftung von Altertümern zeigte ungeahnten Erfolg: 80 Münzen, 43 Handschriften und 170 Bücher.

Durchaus Erwähnung verdient, mit welchem Maßstab Beitrittswillige gemessen wurden. Landrat von Beckerath sprach sich für die Mitgliedschaft eines Lehrer aus, da er sehr rührig und für die Heimatkunde interessiert ist...er macht einen intelligenten Eindruck, stammt vom Hunsrück und hat eine recht gute Ortschronik geschrieben.

Vikar Alfred Zillessen führte ab 1904 den Verein, der im Ersten Weltkrieg ein vorläufiges Ende fand. 1919 besetzte Studienrat Dr. Lueben den Stuhl des Vorsitzenden im neuen VEREIN für VOLKSBILDUNG in Simmern. Dieser verschmolz 1922 zusammen mit dem kleinen Häuflein ehemaliger Geschichtsvereins-Jünger zum VEREIN FÜR GESCHICHTE UND VOLKSBILDUNG. Die reichhaltigen Sammlungen wurden 1921 im Schinderhannes-Turm zusammengetragen und bildeten fortan ein Heimatmuseum. Der "Hunsrückkalender", ein seit 1930 erscheinendes Jahrbuch, herausgegeben vom Kreis Simmern, wurde zum Forum für die Volkskundler und Geschichtsforscher unserer Heimat. Bedeutende Heimatforscher aus jener Zeit waren Walter Diener, der 1925 eine "Hunsrücker Volkskunde" veröffentlichte und Peter Meyer mit der im Jahr zuvor herausgegebenen "Hunsrücker Heimatkunde".

Auch im Zweiten Weltkrieg ruhte die Alterstumsforschung im Hunsrück weitestgehend, ehe sich wie erwähnt 1958 die Wiedergründung des Geschichtsvereins konkretisierte. Ein Name ist untrennbar mit dem Verein verbunden: Studienrat Ernst Siegel, Lehrer am Herzog-Johann-Gymnasium Simmern, hatte seit Jahren gesammelt, was nur irgendwie für die Heimatforschung von Nutzen sein konnte. In seinen Aktivitäten unterstützten ihn weitere heimatkundlich Interessierte und eine umfangreiche Geschichtsbücherei in einem Seitenflügel des Simmerner Schlosses. Die Wiedergründung des Geschichtsvereins blieb bei solcherlei Engagement nur eine Frage der Zeit, Siegel wurde Vorsitzender.

Die Aufgaben des Vereins sind einem Vorwort der Nummer eins der "Hunsrücker Heimatblätter" vom September 1961 beschrieben: "... die Liebe zur Hunsrücker Heimat zu wecken und zu vertiefen, die Geschichtskenntnisse auszubauen, die Heimatforschung anzuregen, zu unterstützen und zu fördern, die Sammlung von Archivalien, Funden, Quellen und Urkunden fortzusetzen und die Herausgabe von Schrifttum zu ermöglichen ..."

1963 löste Gustav Schellack, Lehrer in Mengerschied, Ernst Siegel ab. Schellack fungierte seit 1961 bereits als verantwortlicher Schriftleiter der HUNSRÜCKER HEIMATBLÄTTER, dem Organ des Vereins. In mittlerweile 102 Ausgaben seit 1961, mehrere pro Jahr, arbeiteten die Autoren unsere Heimatgeschichte umfassend auf. In der Regel handelt es sich bei den Aufsätzen um Erstveröffentlichungen aus alter und neuer Geschichte, Kunst, Kultur, Natur, Wirtschaft, sowie der Schul- und Kirchenhistorie. Die Publikationen erhalten alle Vereinsmitglieder, abgedeckt über den Jahresbeitrag. Andere Interessenten können das Heft für einen kleinen Obolus bei der Redaktionsleitung beziehen (55490 Mengerschied, Bahnhofstraße 2). Beispielgebend soll das Aufsatzverzeichnis der ersten und der derzeit aktuellsten Ausgabe hier wiedergegeben werden.

Nummer 1 (September 1961):
Der Ravengiersburger Klosterhof zu Bingen; Der Simmerner Münzfund von 1961; Die militärische Besetzung des Amtsbezirks Kastellaun (I); Der Maler der Diller Kirche; Wie ich unsere seltenste Orchidee fand; Die Schafzucht auf dem Hunsrück; Die Chronik von Gemünden im Hunsrück; Von den Leiden der Hunsrücker im 30jährigen Krieg.

Nummer 102 (August 1997):
Stroh - vom Rechtssymbol zum Werbeträger; Das Rixnersche Turnierbuch von 1530 aus der Simmerner Hofdruckerei; Fragment eines gemalten Retabel-Flügels aus der Stephanskirche in Simmern; Unverfälschtes "Hunsrückisch" in Brasilia - Porträt eines deutschstämmigen Auswanderers der 5. Generation; Ein alter Zunftbrief - ein Vorfahre des Dichters Jakob Kneip erhielt ihn; Evangelische Kirche in Lindenschied; Vom "Bickelfleisch" zum Schnitzel - Hunsrücker Nahrungsgewohnheiten im Strukturwandel; Die Eberesche - Baum des Jahres 1997.

Gustav Schellack gab den Vereinsvorsitz 1982 an seinen Sohn Fritz ab, widmet sich aber bis auf den heutigen Tag noch der Redaktionsleitung der Heimatblätter. Den Vorstand des HUNSRÜCKER GESCHICHTSVEREINS bilden heute Dr. Fritz Schellack (1. Vorsitzender); Dr. Achim Baumgarten (2. Vorsitzender); Gerhard Franz (Schatzmeister); Hans Schubach (Schriftführer); Alfred Bauer, Dieter Diether, Adolf Weckmüller (Beisitzer); Gustav Schellack (Redaktionsleiter) und Willi Wagner (Kreisgeschichtsbücherei). Dieter Diether

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Quellen:
Hunsrücker Heimatblätter
Nr. 1 (1961): Vorwort
Nr. 38 (1976): Georg Friedrich Böhm: 75 Jahre Hunsrücker Geschichtsverein
Nr. 38 (1976): Gustav Schellack: Aus der Chronik des Hunsrücker Geschichtsvereins
Nr. 100 (1996): Gustav Schellack: Nr. 100 der Hunsrücker Heimatblätter
Registerband der Hunsrücker Heimatblätter (1997): Der Hunsrücker Geschichtsverein e.V.