Heimat im Hunsrück


Mit "Heimat" bezeichnen die Menschen im allgemeinen den Ort oder die Region, wo sie geboren wurden oder wo, sie die längste Zeit ihres Lebens verbrachten. Mit diesem Ort identifizieren sie sich, von ihm wurden sie maßgeblich geprägt. Sie sprechen in der Regel die dort verbreitete Mundart, nehmen Charakterzüge des dort lebenden Menschenschlages an und -dies vor allem- sind gemeinhin stolz darauf, gerade dort beheimatet zu sein. Vor allem dann, wenn diese Region weithin von sich reden macht, wie beispielsweise der vielbesuchte Mittelrhein oder geschichtsträchtige Städte wie Mainz oder Trier, gilt es als besonders schick, zu sagen: "Ich komme aus..." Landschaftliche Schönheit oder historische Vergangenheit sorgen für einen gewissen Bekanntheitsgrad der jeweiligen Region. Dies alles schien oder scheint für die Hunsrücker nicht unbedingt zu gelten. Wer im Karree zwischen Rhein, Mosel, Saar und Nahe zu Hause ist und eine Urlaubsreise antritt, muß immer eine passende Erklärung auf die Frage: "Wo kommen Sie her" parat haben. Mir selbst ist es oft so gegangen und stets befriedigte die Antwort "vom Hunsrück" den Fragesteller wenig. Damit konnte er, schlicht gesagt, nichts anfangen. Dem fragenden Blick begegnete ich gewöhnlich mit einer etwas weitschweifenderen Erklärung: "Zwischen Koblenz und Mainz, ziemlich genau in der Mitte, etwa zwanzig Kilometer Luftlinie Richtung Westen!" Was den Hunsrück bekanntmachte in den Jahren des Kalten Krieges, das waren die Raketenstationierungen in massivster Form - nicht unbedingt dazu angetan, eine Region als Erholungsgebiet darzustellen. Vom "Flugzeugträger der NATO" sprachen die Friedensdemonstranten der Hunsrück ist also alles andere als ein Reiseparadies. In den späten fünfziger und während der gesamten sechziger Jahre schien sich so etwas wie eine Sommerfrische-Tradition anzubahnen, als meistens ältere Herrschaften aus dem Ruhrgebiet oder anderen Ballungszentren per Auto oder dem damals noch regelmäßig verkehrenden Bummelzug den Weg zu uns fanden. In meinem Heimatdorf, damals vielleicht von 600 Menschen bewohnt, hatten einige Familien Zimmer vermietet für die Fremde oder Kurgäste. Wir Kinder begegneten ihnen zwischen Frühjahr und Herbst während ihrer Spaziergänge, kannten sie schließlich recht gut; denn sie kamen meistens im nächsten Jahr wieder... und im übernächsten... und... . Das beschauliche und überschaubare Dorfgeschehen bescherte den Sommerfrischlern so etwas wie Idylle. Die suchten und schätzten sie, deshalb kamen sie immer wieder. Sie nahmen ihre Mahlzeiten mit den Vermieterfamilien ein, galten fast als Angehörige und halfen sogar in der Landwirtschaft mit. Nicht selten sah man sie auf hochbeladenen Heuwagen oder auf Traktoren sitzend durchs Dorf fahren. Der Hunsrücker ist genau wie seine Heimat mit rauher Schale versehen, hat jedoch einen weichen Kern. Wen er einmal ins Herz geschlossen hat, der bleibt auch dort drin.
Meine Familie betrieb zwar keine Ferienpension, aber durch regelmäßige Besuche einer Großcousine meiner Oma erlebte ich hautnah mit, wie die Gäste mein Dorf und die Menschen hier annahmen und von ihnen angenommen wurden. Tante Frieda kam aus Gelsenkirchen, ihre Enkelin, die sie stets mitbrachte, hatte mein Alter. Das war für uns Kinder schon was besonderes, Gäste aus dem Ruhrgebiet zu haben, mit deren Anwesenheit "anzugeben" und denen etwas vom Leben auf dem Lande beizubringen. Wie konnte man sich nur so dumm anstellen und nicht mal eine Kuh, wenn sie abends von der Weide geholt wurde, richtig an der Kette zu packen? Oder in der Kartoffelernte nicht mal einen Traktor im Kriechgang an den aufzuladenden Säcken vorbei steuern zu können? Aber es machte Spaß mit den Besuchern und wir freuten uns schon bei der Abreise auf den nächsten Besuch. Zum Abschied nahm Tante Frieda immer mindestens zwei große Bauernbrote aus unserer Bäckerei mit: "So gute Brote kann ich bei uns nicht kaufen", meinte sie stets. Und geschmeckt hat es den Gelsenkirchenern immer bei uns, denn sie "fraßen wie die Scheunendrescher" - wie der Hunsrücker zu sagen pflegt, wenn es jemand besonders gut schmeckt. Dies ist gewiß nicht despektierlich gemeint, es drückt lediglich den Einfluß der guten Luft auf den Appetit der Städter aus. Nicht verwunderlich, daß die mir gleichaltrige Enkelin von Tante Frieda, an sich ein sehr schmales Geschöpf, nach zwei Wochen Aufenthalt im Hunsrück stets einige Pfunde mehr auf die Waage brachte. Wie gesagt, viele Kurgäste kamen über lange Jahre in unser Dorf und wenn einer einmal fehlte, wurde gefragt: "Ist der... gestorben?" Anzunehmen, er hätte ein anderes Reiseziel als unseren Ort gewählt oder schlicht die Nase voll vom Dorf, kam uns gar nicht in den Sinn. Schließlich hatte er doch eine Ruhebank gestiftet, die am Waldrand zur Rast einlud. Ein kleines Metallschild "Gespendet von..." prangte an der Rückenlehne. Solche Vermächtnisse an das Dorf gab es einige und die örtliche Sektion des Hunsrückvereins nahm sich dem Aufstellen der Bänke im Frühjahr und dem Einwintern im Spätherbst an.
Irgendwann war der ganze Spuk vorbei. Bevorzugten die Pensionsgäste mehr und mehr andere Reiseziele mit vielleicht mehr Zimmerkomfort oder benötigten die Vermieterfamilien die zuvor bereitgestellten Unterkünfte nun für den Eigenbedarf? Wahrscheinlich von allem etwas. Jedenfalls blieb letztlich nur die Dorfschänke übrig, die noch Fremdenverkehr betrieb - vielfach jedoch für Übernachtungsgäste die weniger in ihrer Freizeit als von Berufswegen im Dorf weilten.
Weite Teile des Hunsrücks schienen (und scheinen) es nicht zu verstehen, die Region professionell anzupreisen. Auch das Filmepos "Heimat" von Edgar Reitz, der unseren Landstrich bis nach Schweden, Japan und Amerika publik machte, hinterließ wenige Spuren im Fremdenverkehr. Anfangs reisten viele Menschen in den Hunsrück, um "Schabbach" zu begutachten und sich an die Spuren der Film-Simons zu heften. Sogar unzählige Laienspieler unserer Heimat wirkten in "Heimat" mit. Übriggeblieben ist kaum etwas von der Euphorie, die den Hunsrück zunächst erfaßt hatte und die Orte mit Pensionsangeboten außerhalb der Hotels und Gaststätten sind leicht zu zählen. "Ferien auf dem Bauernhof" lassen sich natürlich auch immer schwieriger gestalten, denn die Zahl der Landwirte im Hunsrück geht stetig zurück. Auch damit geht ein Stück Ursprünglichkeit verloren. Aus Scheunen und Ställen sind Wohnungen und Garagen geworden.
Immerhin ist in den letzten Jahren vermehrt festzustellen, daß die Verbandsgemeinden sich deutlich um den Fremdenverkehr bemühen. Hochglanzprospekte und Zimmernachweise machen auf unsere Heimat aufmerksam. Heini Wahl besingt in seinen Weisen den Hunsrück. Erfreulich auch, daß sich die Menschen heute mit Stolz in der Fremde zeigen und Autoaufkleber mit dem Konterfei des Schinderhannes, eines berüchtigten Räuberhauptmannes aus alter Zeit, und dem Schriftzug "Eich sinn in Hunsricker" spazierenfahren.
Es ging einst die Mär vom Reisenden aus Mainz, der den ersten Ort Richtung Trier passierte und fragte: "Ist hier der Hunsrück?" Verneinend wies der solcherart befragte Einheimische gen Westen und meinte: "Der beginnt dort hinten!". Dem Reisenden wurde im nächsten Ort das gleiche Antwort-Schicksal zuteil und im übernächsten wieder und so fort. Irgendwann -er war Trier schon recht gut entgegengekommen- wechselte die Richtung des Fingerzeigs der Dörfler: Der ausgestreckte Arm wies nun nach Osten, die Antwort lautete: "Nein, hier nicht mehr, sie kommen doch gerade vom Hunsrück!"
Es klingt zwar wie ein Schwank, beinhaltet aber eine gehörige Portion Wahrheit. Der Hunsrücker schämte sich seiner Herkunft. Vielleicht, weil seine Heimat karg, kalt und ärmlich war, vielleicht weil er so wenig Sehenswertes birgt. Heute sind die Hunsrücker tatsächlich stolz auf ihren Landstrich - sie schämen sich weder ihrer Herkunft, noch ihrer Sprache. Und der Feriengast, der sich einmal hierher "verirrte", kommt mit Sicherheit mindestens noch einmal wieder. Denn die früher oft naserümpfend als "hinterwäldlerisch" abgetane Abgeschiedenheit gilt in der Hektik und dem Streß unserer Tage als Kleinod der Beschaulichkeit.