Ein Hunsrücker schuf den Straßenwärterberuf

In der Zeit kurz vor der Jahrhundertwende begannen in Deutschland die Gewerkschaften Konturen anzunehmen. Die erste Interessenvereinigung gründeten 1892 die Metaller. Kleinere Verbände schlossen sich zusammen, so zum Beispiel die Maurer, Bauhilfsarbeiter und Isolierer zum Bauarbeiterverband oder Handels- und Transportarbeiter, Hafenarbeiter und Seeleute zum Deutschen Transportarbeiterverband.

Dis Bismarck’sche Politik hatte durch das Sozialistengesetz zunächst die Arbeiterbewegung verboten. Als dieses schikanöse Gesetz schließlich wieder eliminiert wurde, endeten die Behinderungen für die Gewerkschaften jedoch keineswegs. So drohte Kaiser Wilhelm II. 1897 in einer Rede in Bielefeld Streikenden Zuchthausstrafen an. Vereinzelt „zeichneten sich“ Gerichte dadurch aus, daß sie Arbeiter nach deren Teilnahmen an Arbeitskämpfen brutal verurteilten.

Die Arbeitergeberseite fuhr schwere Geschütze auf: Aussperrungen, sogenannte Schwarze Listen oder Gründung von Gegenorganisationen behinderten die Gewerkschaftsbewegung, konnten sie jedoch letztlich nicht verhindern: Der Mitgliederzulauf war hier wesentlich höher als bei den politischen Parteien. Und parteipolitische Unabhängigkeit war ein wesentliches Ziel der Gewerkschaften. Kirche und Bürgertum übten Druck auf den Staat aus, für Milderung zu sorgen. Evangelische und katholische Arbeitervereine begannen ihre Arbeit.

Die katastrophale Lebenslage der arbeitenden Bevölkerung war offenkundig. Um die Familien zu ernähren, mußten die Kinder bei der Beschaffung der nötigen Finanzen mithelfen: Etwa ein Achtel aller Schüler in Deutschland arbeitete in der Industrie. Um die Jahrhundertwende fuhren noch etwa 4000 Kinder in die Stollen der Bergwerke ein. Die elementarsten Lebensprobleme bestimmten die Existenz der Menschen. Der mit eigener Hände Arbeit mühsam erwirtschaftete Ertrag war, wie man sagt, zu gering zum Leben und zuviel zum Sterben. Die Sorgen um den Unterhalt der Seinen gruben dem Familienvater die Sorgenfalten täglich neu ins Gesicht. Die rechtliche und soziale Absicherung der Arbeiter steckte noch nicht einmal in den Kinderschuhen. Die „gute, alte Zeit“ war halb so gemütlich, wie wir es uns heute ausmalen.

Hinzu kam, daß der in Deutschland gerade einsetzende Wandel vom bäuerlich geprägten Land zum Industriestaat die Landflucht begünstigte - mit dem Ergebnis, daß die Dörfer ausbluteten und die Ballungsräume überquollen. Mit den Erwerbsmöglichkeiten in den Städten sank zwar die Zahl der Arbeitslosen, aber nun kletterten die Lebenshaltungskosten.

In der letzten Dekade des 19. Jahrhunderts begann ein Hunsrücker seine bedeutende Tätigkeit für einen ganzen Berufsstand und gründete die Straßenwärter-Gewerkschaft, heute eine der mitgliederstärksten in Deutschland. Ein Chausseearbeiter brachte im Durchschnitt 1,60 Reichsmark am Tag nach Hause, dafür schuftete er zwölf Stunden lang. Das reichte gerade aus, eine mittlere Familie ohne Magenknurren durchs Leben zu bringen, für Kleidung ohne Flicken und Wohnung ohne Flecken fehlte aber das Geld.

Jakob Peter Leonhard erblickte am 27. März 1866 das Licht der Welt - im gleichen Jahr focht Preußen mit Österreich den „Deutschen Krieg“ aus, wurde der Dichter Hermann Löns geboren und schrieb der russische Schriftsteller Dostojewski seinen Roman „Schuld und Sühne“.

Jakobs Vater war ein armer Landwirt und Tagelöhner im Hunsrückdorf Ellern. Im Familienstammbuch ist er als „Hülfsarbeiter“ aufgeführt. Kaum vorstellbar enge Wohnverhältnisse hatten wohl auch Einfluß darauf, daß der kleine Jakob einziges Kind der Leonhards blieb. Die Familie führte ein unscheinbares Dasein. Als der Bub 1880 die Volksschule verließ, war es mit Arbeitsmöglichkeiten auf dem platten Land nicht weit her. Jakob fand Arbeit in Mainz-Weisenau und blieb die Woche über dort. Die wenigen Stunden am heimischen Herd von Samstagmorgen bis Sonntagnachmittag waren sicherlich zum Teil gefüllt mit Tätigkeiten in der elterlichen Landwirtschaft; Freizeit blieb kaum. Allenfalls dem heimischen Männergesangverein trat der junge Mann bei - ein Chor, den er viele Jahre später einmal dirigieren sollte.

Auch der Kriegerverein seines Dorfes hat ihn unzweifelhaft geprägt. Unmittelbar nach dem Krieg von 1870/71 gegen den „Erbfeind“ Frankreich gründeten sich überall im Hunsrück diese Veteranenvereine. Nur wer aktiv gedient hatte, konnte Mitglied werden. Das Hochhalten der vaterländischen Gesinnung und des nationalen Deutschtums gehörte zu den obersten Maximen dieser Vereinigungen. Jakob Leonhard war von 1888 bis 1890 beim Militär, und zwar bei dem Infanterie-Regiment 5tes Badisches Nr. 113 in Freiburg, von dem er als Gefreiter entlassen wurde.

1894 schlug der mittlerweile 28jährige den Berufsweg des „Chaussee-Arbeiters“ ein. Das Bewußtsein um die sozialen Probleme der Arbeiter beschäftigte ihn bereits vorher. Ein nebensächlicher Zufall wollte es, daß die politische Arbeiterbewegung in den USA mit der „National Labour Union“ 1866 begann - Leonhards Geburtsjahr.

Der junge Straßenarbeiter war erst ein Jahr „auf der Chaussee“, als er 1895 einen Zusammenschluß anstrebte. Aber es gab eigentlich noch gar keinen Straßenwärterberuf. Die Chaussee-Arbeiter waren bei behördlichen oder privaten Auftraggebern zeitweise beschäftigt und konnten ihren Lebensunterhalt davon nicht bestreiten. Nach am 1. April 1894 die preußische Rheinprovinz Straßenwärterstrecken von bis zu zehn Kilometern Länge bildete, die gewartet werden mußten, blieb den „Wärtern“ immer weniger Zeit für Haus, Hof und Feld. Die Dienstzeit lag fest, die Arbeitskraft wurde voll beansprucht, aber der Lohn blieb bescheiden. Ein Teufelskreis: Ohne zusätzliche Landwirtschaft war die Familie nicht zu ernähren, ohne Arbeit auf der Straße aber auch nicht. Jeweils für das andere fehlte die Zeit, weil das eine sie so sehr mit Beschlag belegte.

Leonhard besprach mit Kollegen die Problematik. Schon da war sein starker Glaube an das Mögliche, sein gesunder Idealismus und seine Bereitschaft, selbst den Opfergänger zu spielen, ausgeprägt. Zudem konnte er wie kaum ein zweiter durch seine rhetorischen Fähigkeiten immer wieder ein Solidaritätsgefühl vermitteln.

Die Bemühungen des jungen und agilen Hunsrückers hatten Erfolg. Nach schier pausenlosem Werben und Antreiben kam es am 18. Juni 1895 anläßlich eines Treffens in seiner Ellerner Wohnung zur Gründung des „Rheinischen Straßenwärter-Verbandes“ mit dem Ziel, die wirtschaftliche Notlage der Arbeiter zu beheben. Zudem sollte schon damals der Lehrberuf „Straßenwärter“ geschaffen werden, was letztlich jedoch erst ein Dreiviertel-Jahrhundert später gelang. Jakob Leonhard war zweifelsohne der geistige Urheber der zunächst satzungslosen Vereinigung, und die trug in der Folge viel zur besseren Lebensqualität der Arbeiter und ihrer Familien bei.

Zunächst kam der Verband nur schwer auf Touren, aber Leonhards dauernde Bemühungen um die Mitarbeit von Kollegen auch in anderen Reichsteilen zeigte erste Erfolge, als der „Rheinische“ Verband zur Jahrhundertwende mit dem „Pfälzischen“ einen ersten Bruder bekam. Weitere fünf Jahre danach stand das Gros der Straßenwärter beim Landesbauamt Bad Kreuznach hinter der jungen Organisation, dementsprechend konnte jetzt eine Satzung verabschiedet werden. Verbandssitz war Ellern, Leonhard offizieller Vorstand. Der Mitgliedsbeitrag betrug 45 Pfennige im Monat. Damit konnte den Mitgliedern im Falle einer Erkrankung eine tägliche Unterstützung in Höhe von 50 Pfennigen und im Todesfall den Hinterbliebenen ein Sterbegeld von 20 Mark gezahlt werden.

Der Verband schien nun festgefügt, Leonhard richtete seinen Blick weiter aus: Eine Verbandszeitung sollte her, um neue Mitglieder zu werben, aber auch, um die räumliche Entfernung zwischen den vielfach als Einzelkämpfern tätigen Straßenwärtern zu überbrücken. Am 8. Januar 1906 erschien die Erstlingsausgabe von „Der Rheinische Straßenwärter“. Fortan kam das von Leonhard initiierte und redigierte Blatt alle zwei Wochen in die Häuser der Abonnenten.

Der erste finanziell sichtbare Erfolg der Organisation war die Gründung einer eigenen Krankenkasse, und nach der staatlichen Genehmigung nahm die „Kranken- und Sterbekasse des Rheinischen Straßenwärterverbandes“ am 1. Juli 1907 ihre Arbeit auf. Dies war lange vor Inkrafttreten der „Reichsversicherungsordnung“.

Genau zwei Jahre später markierte Jakob Leonhard mit einer weiteren Errungenschaft die Verbandsgeschichte. Der Wunsch nach einheitlicher Arbeitskleidung war nur durch eine „Kleiderkasse“ zu realisieren. Von diesem 1. Juli 1909 an entrichteten die Bediensteten einen monatlichen Obolus in die „Kleiderkasse der Rheinischen Provinzial-Straßenbauverwaltung“, einer nach genossenschaftlichen Prinzipien arbeitenden Einrichtung. Von November 1909 bis Juni 1910 erhielt jeder an der Kasse Beteiligter eine Ledertuchhose, eine Litevka, einen Umhang mit Kapuze, eine Mütze und eine blaue Drillichjacke.

Nach dem Ersten Weltkrieg faßte der Verband schnell wieder Fuß. Jetzt packte Leonhard ein Problem an, dessen Lösung zum bisherigen Höhepunkt seiner Verbandsarbeit werden sollte: Er begann sich mit der Provinzialverwaltung hinsichtlich eines Tarifvertrages zu verständigen, um die Arbeiter und ihre Familien langfristig abzusichern. Am 18. Juni 1930 war es vollbracht - die Straßenwärter wurden ins Angestelltenverhältnis übernommen, sie konnten sich auf ein Ruhegehalt freuen.

Was fehlte, war der reichsweite Zusammenschluß aller regionalen Verbände. Dem ersten Schritt Anfang 1926, als die Straßenwärter Westfalens und des Rheinlandes zusammengingen, sollten weitere folgen. Aber die politische Lage im Deutschland des Dritten Reiches stoppte eine umfassende Konzentration. Seit 1926 firmierte die Organisation unter der Bezeichung „Verband Deutscher Straßenwärter“.

1933 wurden alle Gewerkschaften zwangsaufgelöst und durch die „Deutsche Arbeitsfront“ ersetzt. Leonhard erhielt eine Vorladung zur Kreisleitung der „DAF“ und mußte das beschlagnahmte Vermögen des Verbandes in Höhe von 28.000 Reichsmark mitbringen. Leonhard selbst hatte mit dem Nationalsozialismus wenig im Sinn, bei der späteren Entnazifizierung wurde er als „Mitläufer“ eingestuft.

Der Zweite Weltkrieg zerstörte viel, keinesfalls jedoch das Interesse und die Ideale Leonhards und seiner Kollegen, ihre Gewerkschaft wieder zum Leben zu erwecken. Der greise Herr stand mittlerweile im 80. Lebensjahr, dennoch unternahm er für die Wiedergründung Werbefahrten, inszenierte Versammlungen und war überall in den Regionen Trier und Koblenz zugange. Am 30. Oktober 1949 konnte er die erneute Gründung des „Rheinischen Verbandes“ in Koblenz noch miterleben. Sogar die Geschicke dieses seines Heimatverbandes leitete er nochmal kurzzeitig, legte dann jedoch die Führung in die Hände der nachdrängenden Generation.

Ein langwieriges Blasenleiden fesselte ihn schließlich über Monate ans Krankenbett. Am 30. November 1952 verstarb diese agile und weithin geschätzte Persönlichkeit im 86. Lebensjahr. Der Tod ereilte ihn auf den Tag genau drei Jahre und einen Monat nach Wiedergründung „seines“ Rheinischen Verbandes.

Sein unbeugsames Standesbewußtsein und sein stets realistisches Einschätzen von Forderungen und Machbarem trugen ihm in allen Kreisen eine hohe Wertschätzung ein. Er ist zweifelsohne der Bahnbrecher auf sozialem Gebiet für einen ganzen Berufsstand. Der Name Jakob Leonhard wird in der Geschichte des „Verbandes Deutscher Straßenwärter“ und des Straßenwärterberufes überhaupt immer an vorderster Stelle genannt werden.

Dieter Diether

 

Quellen:
Auszüge aus dem Aufsatz des Autors im Festbuch: 100 Jahre Verband Deutscher Straßenwärter (1895-1995) „Jakob Leonhard - ein Lebensbild des Verbandsgründers“
Aus einem weiteren Aufsatz im gleichen Buch „Allgemeine Gewerkschaftsentwicklung“ wurden Passagen verwendet.