Aus: "Hunsrücker Heimatblätter" ISSN 0947-1405


Hunsrücker Geschichtsverein e.V. Nr. 103
Jahrgang 37
Dezember 1997

 


titel.jpg (14772 Byte)

Stromburg im Hunsrück. Zeitweise Wohnsitz des Hans Michael von Obentraut während der Amtmannszeit seines Vaters Johann Barthel von Obentraut (1582-1610): Innenhof mit Torturm (li) und Bergfried (re). Foto: Werner Dupuis.

 


Gustav Schellack

Wo der “Deutsche Michel” starb
und wo er begraben wurde

Für den Lokal- oder Regionalhistoriker ist es eine interessante Aufgabe, außerhalb der engeren Grenzen des eigenen Forschungsgebietes den Spuren von Persönlichkeiten, von Bauten und Denkmälern zu folgen, die Beziehungen zur eigenen Heimat aufweisen. Solche Spuren finden sich beispielsweise in Seelze, einem kleinen Städtchen westlich der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover, wo im Dreißigjährigen Kriege der Reitergeneral Michael von Obentraut gefallen ist. Obentraut, geboren auf der Stromburg im Hunsrück, gilt nach dem Urteil des Schriftstellers Uwe Anhäuser als Personifizierung des “Deutschen Michel”.(1)
Die Forschung hat allerdings festgestellt, daß der Namensbegriff allerlei Wandlungen und Interpretationen unterworfen war. Bereits im 16. Jahrhundert tauchte der Name auf und meinte einen bestimmten Menschentypus, nämlich den ungebildeten, bäuerlichen Menschen im Gegensatz zu den Gelehrten des Humanismus. Umgekehrt haben Sprachgesellschaften im 17. Jahrhundert den Deutschen Michel als Figur der Ehrlichkeit, Einfachheit und Geradheit propagiert, also hier schon genau gegenteilige Interpretationen, negativ und positiv zugleich. Erst viele Jahrzehnte nach seinem Tod (1669) trat der Name Michael Germanicus (Der Teutsche Michel ) auf. 1701 wurde dann in einem Werk bekanntgegeben, Obentraut habe den respektvollen Namen (Miguel aleman) von seinem spanische Gegner erhalten, 1732 erschien der Beiname in einem Lexikon und wurde populär.
Eine dritte Variante als Vetter Michel tauchte ebenfalls im 18. Jahrhundert als Inbegriff eines kleinkarierten deutschen Spießbürgers auf, wobei ein Vers von Goethe zitiert wird:
“Laß den Witzling uns besticheln!
Glücklich, wenn ein deutscher Mann
Seinem Freunde, Vetter Micheln
Guten Abend bieten kann.”
Im 19. Jahrhundert wurde diese Figur mit der Zipfel- oder Schlafmütze auch von den Karikaturisten entdeckt. Es gibt also viele Theorien, Spekulationen, angefangen, die Herkunft bei dem Erzengel Michael als dem Schutzpatron des Heiligen Römischen Reiches zu suchen über die o.a. Versionen bis zu den beiden Weltkriegen, als Michael von Obentraut als nationales Soldatenvorbild herhalten mußte.(2)

 

michel.jpg (17262 Byte)
Hans michael von Obentraut,
Repro: theatrum Erupeum, Bd1.
pyr1.jpg (4351 Byte)
1675
pyr2.jpg (4651 Byte)
Tuschezeichnung 18. Jh.

pyr3.jpg (13952 Byte)
Obentraut-Denkmal in Seelze bei hannover um 1940 Stadtarchiv Seelze


Biograpische Skizze
Am 2. Oktober 1574 geboren als Sohn des adligen Schultheißen zu Heddesheim, Kurpf. Rat und später auf der Stromburg residierenden Amtmanns (1581 - 1610) Johann Barthel von Obentraut, Jugendjahre auf der Stromburg verbracht und danach wahrscheinlich Studium (nicht belegt), Militärdienst beim kurpfälzischen Landesherrn, 1605 Rittmeister über 200 Pferde, 1620 Oberst über 500 Pferde. Er verläßt seinen Herrn, den glücklosen “Winterkönig” Friedrich V., und schlägt sich mit seinen Söldnern nach Norddeutschland durch. Als Generalleutnant tritt er in Dienste des dänischen Königs, der den protestantischen Fürsten zu Hilfe gekommen war. Diese in der Union vereinigten Fürsten standen im Kampf gegen den Kaiser und den Oberbefehlshaber und Feldherrn der Katholischen Liga, Tilly. In einer mörderischen Schlacht bei dem Dorf Seelze, westlich von Hannover, trafen die Parteien aufeinander, wobei von Obentraut tödlich verwundet wurde.(3)

In der Marktkirche von Hannover
Auf Grund eines Zeitungsartikels in der Hannoverschen NEUEN PRESSE mit der Überschrift DER DEUTSCHE MICHEL IST DER GROSSE HELD DES KLEINEN SEELZE (4) hatte ich bereits 1994 geplant, die Marktkirche zu Hannover zu besuchen, um in einem Nebenraum des unter dem Gotteshaus liegenden Bödekersaales Erinnerungsstücke in Augenschein zu nehmen. Aus Zeitgründen gelang es nicht, doch dann hatte ich im September 1997 eine gute Gelegenheit, und zwar zusammen mit einer Hannoverschen Grundschulklasse, die sich dort zur Besichtigung angemeldet hatte.
Eine von der Kirchengemeinde angestellte Pädagogin führt dort Schulklassen, erzählt in einem mit Tischen und Stühlen ausgestattetem Raum an Hand der dort befindlichen Wappentafeln, (Totenschilden) und anderer historischer Ausstellungsstücke aus der Geschichte, u.a. auch über Hans Michael von Obentraut, den Reitergeneral des Dreißigjährigen Krieges, der, nachdem er zuerst in der jetzt zerstörten St. Ägidienkirche beerdigt war, drei Jahre später in die Marktkirche umgebettet wurde, allerdings sei die Stelle nicht mehr zu lokalisieren. Überliefert aber ist eine “Teutsche Grabschrift”, die bis vor dem 2. Weltkrieg an einer Wand der Marktkirche hing und jetzt verschwunden ist (s. Kopie)

 

grab.jpg (29071 Byte)  vitr.jpg (8456 Byte)
Vitrine mit dem michael von obentraut zugeschriebenen Helm und seinen handschuh in der Marktkirche/Hannover. Foto: Gustav Schellack, 1997


In einer Glasvitrine konnten dann der Stechhelm, die eisernen Stulpenhandschuhe des Michael Obentraut besichtigt werden. Dazu allerdings wird in den Seelzer Geschichtsblättern gesagt, daß sich die bei der Bestattung üblichen Utensilien, der Wappenschild und Teile der Rüstung bereits zu Beginn des Jahrhunderts nicht mehr in der Marktkirche befanden, vielmehr in der Neustädter Kirche /St. Johannis aufbewahrt würden. Auch bestätigt 1937 ein Museumsdirektor, daß nur noch der Totenschild in der Marktkirche ausgestellt sei. Bis auf diesen Schild gelten Obentrauts Grabbeigaben als verschollen. 1982 entdeckte der Küster der Marktkirche in einem Verschlag einige Rüstungsteile, die in der ersten Begeisterung als die des Michael von Obentraut bezeichnet wurden, einer späteren Untersuchung aber nicht standhielten, d.h. als spätere Anfertigung erkannt wurden. Bis auf den Totenschild sind wohl die übrigen Stücke im Bombenhagel der Jahre 1943/44, als große Teile Hannovers und auch der Kirche zerstört wurden, verlorengegangen”. (5) Immerhin aber geben die Ausstellungsstücke Hinweise auf die ehemalige Bewaffnung, wie sie auch der Reitergeneral getragen haben mag.
Authentisch dagegen ist die bei den Rüstungsgegenständen liegende Kopie aus dem Hannoverschen Kirchenbuch, wo das Sterben des Michael von Obentraut angezeigt ist.(6)
Der Text lautet: ”Hanß Michell von Obentraut von May zu December General Leutenandt über die Cavellerey V(und) Oberst, welcher ist Ao 1625 den 25 8bris (Oktober) vor Seelse geblieben..in S. Georgen Kirche uffs Chor begraben, uff Jun(ker) Conradt Niclaß von Obentraut (Bruder von Hans Michael) provision (?) den 28 .Febr.....
Eine andere Version des Kirchenbucheintrags lautet:
“Den 4. Martii ist Hans Michael Obentrauts, Königl. Maj. in Denenmark gewesener General- Lieutenant über die Cavellerie und Obrister, welcher Ao 1625 den 25, Oct. vor Seelße geblieben, Körper in S. Georgen Kirche aufs Chor zur Erden bestattet und aus S. Aegidien Capelle da derselben den 17. Febr. 1626 so lange beygesetzet, solenniter (feierlich) mit Läuten und Singen hergebracht.”(7)
Ein ehemals vorhandener Grabstein in der Marktkirche ist nicht mehr aufgefunden worden, jedoch ist eine Beschreibung der Grabstätte mit folgendem Wortlaut erhalten:
“In offgemeltem diesem Kirchen-Chore wird auch des tapfferen Helden Hans Michael von Obentraut, Erbgesessen in Winternheimb Pfaltz bey Rein, der Königl. Mayest, zu Dennenmarck Obrist-Lieutenanten, welcher bey die 26 Kriegs-Züge ganz ritterlich gethan, Chrsitseel. Gedächtniß, Epitaphium, Panier, güldener Helm, Schwerdt und Wappen gesehen. Er ist in der scharffen Recontre bey Seltze an der Laine eine Meile von Hannover (..) bey männlichem ritterlichen Fechten geblieben in Anno Christi 1625, den 5.(?) November.”(8)
Nachdem ich bei der Besichtigung zusammen mit der Schulklasse den Kindern als Gast aus der Heimat des Michael von Obentraut vorgestellt worden war, durfte ich den interessiert lauschenden Schülern etwas von der Stromburg im Hunsrück, dem Lebensraum des Reitergenerals in seiner Jugend, erzählen. Bei dieser Gelegenheit machte ich Fotos, auch vom Wappen (Toten)schild, der in der heraldischen Sprache wie folgt beschrieben wird: ”In Weiß drei rote Pfähle unter einem mit drei goldenen Lilien belegten blauen Schildhaupt.” (Diese Beschreibung betrifft das 1353 von den Gebrüdern Obentraut Roderich und Wilhelm geführt wurde.(9)
wappen.jpg (8241 Byte)
Totenschild des Hans Michael von Obenttraut in der Marktkirche/Hannover. Foto: Gustav Schellack

 

Bei einer kurzen Fahrt nach Seelze im Jahre 1994 auf der Suche nach dem Obentraut -Denkmal fand ich nur das Gasthaus, in dem der Sage nach der verwundete Michael von Obentraut gebracht worden sein soll. Es handelte sich um den ALTEN KRUG, ein wunderschönes niederdeutsches Fachwerkgebäude, dessen Dach damals mit einer Plane abgedeckt war. In einem Abschnitt über Nachleben und Legendenbildung hieß dazu: "Zeitweilige habe Obentraut dort sein Hauptquartier gehabt und sei nach seiner Verwundung dorthin gebracht worden und gestorben. Deshalb gab es dort seit den 30er Jahren bis zur Schließung eine Michel-Stube, auch Obentraut-Zimmer genannt.”(10) Das jedoch wird in einem Antwortschreiben von Herrn Norbert Saul, Leiter des Stadtarchivs Seelze, auf meine Anfrage hin bezweifelt. Er schreibt: „Der Alte Krug war nach der Seelzer Legende das Sterbelager Obentrauts; den Wahrheitsgehalt wird niemand mehr überprüfen können; ich schenke ihr nicht sehr viel Glauben.”(11)
Als ich dann 1997 von Hannover nach Seelze fuhr, um Versäumtes nachzuholen, war das zuerst mit einer Enttäuschung verbunden. Der ALTE KRUG war nicht mehr aufzufinden, vielmehr traf ich an dieser Stelle auf eine große Baustelle für ein Seniorenheim, wobei allerdings den Baustellenschautafeln nach zu urteilen, die wunderschöne Fachwerkfront vom ALTEN KRUG wieder eingebaut werden soll. Beim Weiterfahren auf der Hauptstraße plötzlich zur Linken eine Obentraut-Apotheke und rechts abbiegend die Obentrautstraße, und auf der Ecke die Bushaltestation SEELZE//OBENTRAUTDENKMAL. Erst jetzt bemerkte ich den spitzen Obelisk. Fast hätte ich ihn übersehen, den düster wirkenden, fast 6 m hohen Sandstein, mitten in einer kleinen von Bäumen bestandenen Anlage, die allerdings das Fotografieren bei der tiefstehenden Sonne stark behinderte, so daß ich mich bei der Wiedergabe lieber auf ältere, jedoch bessere Fotos und Zeichnungen beschränke.
Eine kleine Tafel berichtetet dem Besucher folgendes:
„Im Dreißigjährigen Krieg starb hier am 25. 10. 1625 Johann Elias Michael von Obentraut. Generalleutnant im Heere des dänischen Königs Christian IV.
Wegen seiner Ritterlichkeit erhielt er den Namen „Deutscher Michel“. In der Schlacht bei Seelze überraschte der gegnerische Feldherr Graf von Tilly das dänische Heer. Obentraut griff sofort in den Kampf ein, der Sage nach ohne Helm, nur mit einem Stiefel bekleidet. Er wurde im Gefecht tödlich verwundet und in der Marktkirche zu Hannover beigesetzt.“
Daß in Seelze dieses Obentraut-Denkmal steht, ist in der Hunsrückliteratur meist nur mit einem Satz abgetan, und nur in dem Buch STROMBERG von Robert Schmitt (vgl. Anmk. 3) gibt es davon ein Foto. Um die Kenntnis darüber einwenig zu erweitern, möchte ich, ebenfalls auf Grund meines Besuchs und eines speziellen Aufsatzes in den Seelzer Geschichtsblättern, einiges mehr darüber berichten.
Der Schöpfer des Gedenksteines, Jeremias Sutel, ein Hannoveraner Bildhauer (1588-1631) erhielt den Auftrag kurz nach dem Tod von Obentraut von dessen Bruder Conrad Niclaß, der auch die Umbettung des Leichnames von Seelze in die Ägidienkapelle nach Hannover veranlaßt hatte. Das Denkmal war nicht der Schlacht bei Seelze, sondern ganz dem Bruder gewidmet, denn die darauf angebrachte lateinische Inschrift lautet (Die Buchstaben in Klammern lösen die Abkürzungen auf):
DEO O(PTIMO) M(AXIMO) S (ACRUM)
HOC MONUMENTUM INTREPIDO
NOBILISSIMO AC HEROI D (OMI)NO
JO(ANNI) MICHAELI AB OBENTRAUT
EQ(UITI) RHENAN(O) REGIAE DANIC(AE)
MAIEST(ATIS) C 4
EQUITUM LOCUMTENENTI GENERALI
QUI HIC DIE MARTIS
25 8BR(IS) A(NN)O 1625
FORTITER PRO PATR(IA) ET LIBER(TATE)
OCCUBUIT. FF:
Darunter ist das Meisterzeichen des Bildhauers Sutel angebracht. Bei dem als C4 angegebenen Zeichen handelt es sich um ein gekröntes C, in dessen Rundung die 4 hineingeschrieben ist.
Die Übersetzung der Inschrift lautet:
GOTT DEM BESTEN GRÖSSTEN GEWEIHT
DIESES DENKMAL DEM UNERSCHROCKENEN
SEHR EDLEN UND HELDENHAFTEN HERREN
JOHANN MICHAEL VON OBENTRAUT
RHEINISCHER RITTER DER KÖNIGLICH
DÄNISCHEN MAJESTÄT CHRISTIAN IV:
GENERAL-LEUTNANT DER REITEREI
DER HIER AM TAGE DES MARS
25. OKTOBER 1625

TAPFER FÜR VATERLAND UND FREIHEIT FIEL:
Die beiden FF am Ende der Inschrift können gedeutet werden als frater fratri (der Bruder dem Bruder); ist jedoch als Interpretation umstritten.
Von dem Zeitpunkt des Entstehens bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts stand das Monument weithin sichtbar im freien Feld an der Landstraße nach Wunsdorf. Wanderer hielten dort Rast und mögen wohl hier und da ein Erinnerungsstückchen aus dem Stein gebrochen haben, so daß das Denkmal bereits 1721 stark beschädigt war und repariert werden mußte. 1782 waren die Steine von Moos überwachsen, denn mit den von der Königlichen Kammer bewilligten 7 Talern konnten nur dringende Ausbesserungen vorgenommen werden. 1825 wurde die völlig verwitterte Schrifttafel anläßlich des 200. Todestages erneuert. 1888 geschah eine gründliche Renovierung. 1935 konnte eine geplante Versetzung des Denkmals verhindert werden, zwei Jahre später kaufte man von einem Privatbesitzer 18 a umgebendes Gelände und richtete eine kleine mit Bäumen bestandene Anlage ein. Sie wurde in den Nachkriegsjahren zeitweise wegen der kritischen Ernährungslage mit Kartoffeln und Gemüse bepflanzt.
Der dann einsetzende Wohnungsbau umgab bald die Gedenkstätte. Eine Omnibushaltestelle trägt den Namen Obentraut, ebenfalls die dort nach rechts abzweigende Straße.
Daß die letzte restauratorische Pflege bereits wieder 25 Jahre (1973) zurückliegt, konnte ich bei meinem Besuch im September 1997 an den dunklen mit Flechten überzogenen Steinen und der fast unlesbar gewordenen Inschrift feststellen.
1975 fand anläßlich des 250. Todestages eine Gedenkfeier statt, in die auch Schüler und Schülerinnen mit einem Malwettbewerb eingebunden waren. Trotz Gegnern, aber auch Befürwortern, stellte man 1982 einen von Spenden finanzierten überdimensionalen Bronzestiefel und 1989 einen ebenfalls riesengroßen eisernen Helm neben das Denkmal.
Beide Requisiten gehen auf eine nicht belegbare historische Legende zurück, daß der überrumpelte Michael von Obentraut am Morgen des 25. Okt. 1625 nur mangelhaft bestiefelt und behelmt in das Kampfesgetümmel gestürzt sei (auch noch mit der Zipfelmütze auf dem Kopf-daher der schlafmützige Deutsche Michel) und dabei tödlich verwundet wurde.
stiefel.jpg (5938 Byte)
Weitere Sagen und Legenden um dieses Denkmal in Seelze, die in den Aufsätzen erzählt werden, haben wohl nur lokale Bedeutung. Die Bevölkerung der Stadt allerdings ist mit dem Denkmal und der Person, der es gewidmet war, stark verbunden, wie es z. B. in einem in den 60er Jahren entstandenen Heimatlied hieß:
„Schlaf wohl, du Ritter Ehrenwert,
sollst nicht vergessen sein!
Denn unser Herz, es pflegt und ehrt
den alten Denkmalstein“.(12)
Seit 10 Jahren wird an dieser Stelle ein Stadtteilfest, das Obentrautfest, gefeiert, in diesem Seelze, das aus mehreren kleinen Dörfern 1974 zur Großgemeinde und 1977 zur Stadt erhoben wurde und heute 34 000 Einwohner zählt. Die Verkehrsanbindung an die Eisenbahnlinie Minden- Hannover, die Wasserstraße des Mittellandkanals und eine Bundesstraße mit der nahen Autobahn haben Industrien aller Art dort entstehen lassen. Um die Stadt aber dehnen sich weite Felder, ziehen Straßen durchs Land und, man trifft in den dörflichen Bezirken auf wunderschönen Fachwerkbauten.
Mit einer kurzen Erinnerung an das Kampfgeschehen im Oktober 1625, dem Zusammentreffen am Sterbebett Obentrauts und den von Tilly und ihm gewechselten legendären Worten möge das Kapitel Deutscher Michel und Michael von Obentraut abgeschlossen werden.
Das Gefecht auf der Seelzer Weide, südlich des Dorfes nahm einen unglücklichen Verlauf. Während Obentraut in Hannover weilte, um über die Einquartierung dänischer Soldaten während des Winters zu verhandeln, formierte sein Gegner Tilly sein zuvor geschlagenes Heer neu. Die Annahme der Dänen, Tilly würde seine Truppen wegen der Belagerung einer Festung aufteilen, verleitete sie zu einem Überfall unter dem Kommando von Friedrich von Sachsen-Altenburg. Durch einen wahrscheinlichen Verrat mißlang dieses Vorhaben, und Tilly stieß mit seiner gesamten Heeresmacht so schnell vor, daß die Vorposten der Dänen überrannt und ein Gegenangriff verhindert wurde.
Der mit seiner Reiterei zu Hilfe eilende von Obentraut konnte die Lage vorübergehend retten. Doch ein zweiter Angriff der TiIllyschen Reiterei und ein Flankenangriff von in Wäldern versteckten Fußtruppen brachen das dänische Heer auseinander. In dem Kampfesgetümmel wurde Obentraut von mehreren Pistolenschüssen in den Leib schwer verwundet und geriet in Gefangenschaft, der 28 jährige von Altenburg wurde auf der Flucht getötet.
Das nun führerlose Heer versuchte, in Seelze über die Leine zu entkommen. Von nun an beginnt die Legendenbildung. Einmal soll Obentraut in dem Wagen des Grafen von Anholt nach wenigen Stunden im Alter von 51 Jahren verstorben sein, zum andern soll er in dem bereits erwähnten Alten Krug in Seelze seinen Verletzungen erlegen sein.
Andere nicht belegbare Quellen berichten, man habe ihn zu Tilly gebracht, der seinen Feldscheren den Auftrag gab, ihn zu retten. Bei diesem Treffen sollen dann die inhaltsschweren Worte gefallen sein, die ebenfalls in verschiedenen Versionen wiedergegeben werden: In Französisch „Tel pre tel lis, solche Wiese, solche Lilien”; nach anderer Überlieferung “ in solchem Felde pflückt man solche Rosen” und fortfahrend : “Denk an das Reich, Tilly, an das Reich!”
Wohl kein Geschichtsbuch berichtet heute noch über den in den Kämpfen des Dreißigjährigen Krieges berühmt gewordenen Hans Michael von Obentraut, der in der Legendenbildung den Beinamen Deutscher Michel erhielt. Im vergangenen Jahrhundert dagegen widmete ihm der Dichter Börries Freiherr von Münchhausen ein langes Gedicht “ Des Deutschen Michels Tod”, dessen erster Vers lautet:
“Bei Seelze liegen die Felder brach
Und kennen nicht Sense noch Sichel,
Bei Seelze liegt im brachen Feld
Todwund der Deutsche Michel.”

Anmerkungen
1 Der Hunsrücker Schriftsteller Uwe Anhäuser sieht in seinem Aufsatz unter dem Titel “Tapfer, treu und unverzagt” in dem Buch Sagenhafter Hunsrück, neben anderen Hinweisen in Hans Michael von Obentraut den eigentlichen Deutschen Michel. Vgl. Anhäuser, Uwe: Sagenhafter Hunsrück, Briedel/Mosel 1994, S.109-111.
Ich verweise insbesondere auf die Seelzer Geschichtsblätter, Heft 9, Juli 1994, Beiträge zum Dreißigjährigen Krieg im Raum Seelze. Die Veröffentlichung von Texten, Zeichnungen und Fotos aus diesem Heft für die Hunsrücker Heimatblätter wurde vom Leiter des Stadtarchivs Seelze, Herrn Norbert Saul, freundlicherweise genehmigt. Dafür herzlichen Dank!
2 Vgl. Sasse, Wilfried: Vom Deutschen Michel, Seelzer Geschichtsblätter, 9/1994, S.29.
3 Vgl. Schmitt, Robert: Stromberg. Die Stadt am Soonwald, Trier 1971, S.70-75.
4 Neue Presse, Hannover, 21.Sept.1994, Nr. 221.
5 Vgl.Sasse, Wilfried: Michael von Obentraut in: Seelzer Geschichtsblätter, 9/1994, S.25-26.
6 Die Kopie aus dem Hannoverschen Kirchenbuch wurde mir dankenswerterweise von Frau Kürschner, Pädagogin bei der lutherischen Marktkirchengemeinde/Hannover, übermittelt, desgleichen die Kopie der verlorengegangenen Grabinschrift.
7 Seelzer Geschichtsblätter 9/1994, S.25.
8 Ebenda, S.25.
9 Gruber, Otto: Wappenbilder-Index, Landeskundliche Vierteljahrsblätter, Trier 1967, S.105.
10 Seelzer Geschichtsblätter 9/1994 S.26.
11 Brief an die Redaktion der Hunsrücker Heimatblätter vom 6.10.1997.
12 Vgl. Saul, Norbert: Das Obentrautdenkmal in Seelze und sein Schöpfer Jeremias Sutel, Seelzer Geschichtsblätter 9/1994, S. 33 - 38.
13 Vgl. Sasse, Wilfried: Michael von Obentraut, Seelzer Geschichtsblätter 9/1994, S. 18-28.