Aus der Heimat ältester Zeit.


1. Von den Kelten
Unsere Heimat war vor vielen Jahrhunderten ein rauhes, wüstes und unfreundliches Land. Fruchtbare Felder und saftige Wiesen suchte man vergebens. Dörfer und Städte waren nirgends zu finden, gebaute Straßen fehlten, überall, wohin das Auge schaute, sah man Wald, nichts als Wald, in dem noch zahlreiche Wölfe hausten.
Die ältesten Bewohner unserer Gegend, von denen wir Kunde haben, waren die Kelten. Ihre Wohnstätten lagen vereinzelt. Sie wohnten in Erdhöhlen und in Hütten, die sie aus Balken, Brettern und Weidengeflecht, selten aus Stein ausführten. Sie waren Jäger und Hirten. Der nur spärlich angebaute Acker lieferte Hirse, die neben Rüben, Fischen und Fleisch das wichtigste Nahrungsmittel war. Pfeile und Lanzenspitzen aus Bronze und Eisen, die man in der Gegend von Rheinböllen und Hermeskeil gefunden hat, kennzeichnen ihre Bewaffnung. Auch die Totenbestattung dieser Zeit hat Spuren hinterlassen. Zahlreiche Hünengräber hat man bei Dickenschied, Woppenroth und im Hochwalde gefunden.
Die auffälligsten Denkmäler der Keltenzeit sind die großen Steinringe, die wir vielfach auf den Bergen des Hoch- und Soonwaldes vorfinden. Der größte derselben ist bei Otzenhausen, kleinere sind auf der Wildburg und der Altenburg im Soonwalde ziemlich erhalten. Diese Ringe sind von verschiedener Größe. Während der bei Otzenhausen einen Umfang von 1360 m hat, beträgt der Durchmesser des Ringes auf der Altenburg nur etwa 100 Schritte. Die Ringe sind aus den an Ort und Stelle gefunden Steinen erbaut, die ohne Bindemittel aufeinandergefügt sind. Zu dauerndem Aufenthalt können sie nicht gedient haben, da sie in den seltensten Fällen einen Quell umschließen. Sie sind vielmehr als Stätten der Götterverehrung zu betrachten, auch wurde wohl Gericht dort abgehalten. Zur Zeit der Gefahr boten sie Menschen und Tieren Schutz.


2. Unsere Heimat zur Römerzeit
Zur Zeit der Geburt Christi kamen die Römer in unsere Gegend, wo sie über 400 Jahre herrschten. Um gegen die Einfälle der Germanen geschützt zu sein, erbauten sie am Rheine entlang Festungen. Die bedeutendsten waren Mainz, Bingen, Boppard, Koblenz und Köln, die wichtigste Stadt diesseits der Alpen war Trier. Zwischen Mainz und Trier legten die Römer einige Jahrzehnte nach Christi Geburt Militärstraßen an, deren Spuren noch heute im Kreise Simmern vielerorts sichtbar sind. Die Römerstraße, Steinstraße genannt, die am Rhein bei Diebach beginnend, über Dichtelbach, Rheinböllen, an Mörschbach, Wahlbach und Simmern vorbei durch Kirchberg führte, war für die Erschließung des Hunsrücks auch in späteren Zeiten von großer Bedeutung. Von der Hauptstraße zweigten Nebenstraßen ab. So mündete eine solche, von Bingen über Stromberg, Thiergarten, Riesweiler kommend, in der Nähe Kirchberg.
Die Römer mußten für ihre Truppen nach jedem Tagesmarsch für Unterkunftsräume sorgen, Stallungen für Pferde waren erforderlich. Solche Stationen waren Dumnissus, das heutige Kirchberg und die Tabernen, das waren Wirtshäuser, am Hahnenbach in der Nähe von Dumnissus. Zum Schutze der Straßen waren Ministerposten notwendig, die in gewissen Entfernungen in Türmen Wache hielten. Ausgediente Soldaten erhielten auf den Stationen Land zugewiesen, wo sie ihren Lebensunterhalt verdienten. Diese legten Äcker und Wiesen an, faßten Brunnen, bauten Zentralheizungen und Werkstätten. Die aus fernen Gegenden kommenden Soldaten brachten fremdländische Gewächse mit. Landwirtschaft, Obst- und Gartenbau erfuhren eine merkliche Besserung.
Im Jahre 368 reiste ein vornehmer Römer, Ausonius mit Namen, über den Hunsrück. In seiner Dichtung Mosella schreibt er von unserer Gegend:

"Tief in die Wälder hinein nun tauchte die einsame Straße,
Weit blieb jegliche Spur zurück des menschlichen Anbaus,
An Dumnissus kam ich vorbei, auf trockenen Fluren
Dürstend gelegen, und dann bei den quellreichen Tabernen,
Auch am Gefilde, das jüngst sarmatischen Pflanzen verliehen ward.
Endlich winkt sie, die herrliche Burg von weiland Kaiser Konstantin, Neumagen, im vorderen belgischen Lande."

Die Sarmaten waren ein von dem römischen Kaiser Konstantin unterworfener Volksstamm, der weit von der Donau herauf hier auf den Hunsrück gebracht worden war, die Namen der Dörfer Nieder- und Oberkostenz erinnern noch heute an jenes Volk, außer den Orten, die Niederlassungen in unserem Gebiete. Eine solche war beispielsweise Ohlweiler. Dort hat man nämlich umgestürzte Säulen römischen Ursprungs, Umfassungsmauern mit fein geschliffenem Putzmörtel in roter Farbe, Dachziegelstücke, gebrannte, verzierte Deckplatten über den Heizungskanälen unter dem Fußboden gefunden. Bei dem Dorfe Womrath stieß man auf römische Münzen. Auch zahlreiche Römergräber hat man geöffnet. Ein solches Grab, das im Walde bei Mörschbach gefunden wurde, stammt aus der Zeit des Kaisers Augustus, wie sich aus dem Toten mitgegebenen Geldstück, mit welchem er in der Unterwelt die Überfahrt bezahlen sollte, und den beigegebenen Gefäßen schließen läßt.

3. Die Franken als Herren dies Hunsrücks.
Als das Römerreich 486 durch den Sieg des Frankenkönigs Chlodwig auch in Gallien seinen Untergang hatte, wurde der Hunsrück von den Römern ganz verlassen. Ihre Niederlassungen, die zum Teil schon 445 durch die Hunnen verwüstet worden waren, sind bei diesem Rückzuge wohl sämtlich zerstört worden. Nur ganz spärliche Reste blieben von der einheimischen Bevölkerung zurück, die sich nach und nach durch Ansiedler, die aus den Flußtälern des Rheines, der Mosel und Nahe die Höhen erstiegen, wieder verdichtete. Bald waren die
Franken Herren des Hunsrücks. Sie unterwarfen die Bevölkerung, die sie vorfanden und verteilten das eroberte Land. Die Orte, an denen ehemals Römerkastelle oder Römerschanzen gewesen waren, besonders solche, die in der Nähe bedeutender Waldungen lagen, wurden dem Könige zugeteilt. So wurde das alte Dumnissus, das zur Frankenzeit den Namen Tonnense (Denzen) führte, ein königlicher Kammerhof. Von den Resten des Landes eignete sich der freie Franke soviel an, als ihm beliebte, sein Stammeshaupt ihm beließ und der fränkische Nachbar ihm nicht streitig machte. Die Schluchten des Soon-, Idar- und Hochwaldes bevorzugte der Franke, deren Anblick und Klima ihm am lebendigsten die rauhen Waldhügel und Wiesenbäche seiner rechtsrheinischen Heimat im Westerwald, an der Sieg und im Sauerland ins Gedächtnis zurückriefen. Hier siedelte sich der fränkische Krieger mit Weib und Kind, mitgebrachtem germanischem Gesinde und gallischen Kriegsgefangenen an. Seine Wohnung baute er möglichst geschieden von der des Stammesgenossen. Sehr gefielen ihm die Wälder, wo die Jagd Ersatz für den Krieg gewährte.
Das Ackerland, dessen Bestellung der Freie den Knechten und Sklaven überließ, wurde nach der Art und Weise der Dreifelderwirtschaft bebaut. Man säte im ersten Jahre abwechselnd Roggen, Weizen oder Wintergerste, im zweiten Gerste oder Hafer und ließ das Feld im dritten Jahre brach liegen. Diese Art der Feldbewirtschaftung hat sich auf dem Hunsrück teilweise bis in das 19. Jahrhundert hin erhalten.
Die Franken teilten das Land in Gaue ein. Unser Gebiet gehörte größtenteils zum Nahegau. Der oberste Verwalter des Gaues war der Gaugraf, ein königlicher Beamter, der in dem ihm unterstellten Gebiete die Gerichtsbarkeit ausübte, die königlichen Kammergüter beaufsichtigte und in Kriegszeiten den Heerbann aushob und anführte. Er unterstand dem Pfalzgrafen, der in der Regel am Königshofe weilte. Der Gau zerfiel in
Hundertschaften oder Zehnten, an ihrer Spitze standen die Zehntgrafen. Daß die Zehnten, auch Hundreden genannt, immer jede aus hundert einzelnen Höfen bestand, war weniger von Bedeutung, das wichtigste war, daß die Hundertschaften eine in sich abgeschlossene Gemeinschaft bildeten, deren Bewohner, wie weit ihre Wohnungen auch auseinander lagen, Wasser, Weide und Wald gemeinsam hatten. Jede hundrede hatte ihr eigenes Gericht, das unter dem Vorsitz des Zehntgrafen auf einer in der Mitte des Zehntbezirks gelegenen Höhe, wie an der Nunkirche, auf der Höhe Izzelbach bei Biebern und auf dem sogenannten Hunsrück bei Gemünden zusammentrat. Gerichtet wurde durch 7, 12 oder 14 ältere erfahrene Männer, Schöffen genannt, über Verbrechen, Vergehen und bürgerliche Streitigkeiten. Ebenso wurde auf den Gerichtstagungen die Rechtsgrundsätze geweiset d. h. festgelegt.
Als die Nacht der deutschen Kaiser sank, zerfiel die alte Gauverfassung. Die Gaugrafen betrachteten das von ihnen verwaltete Land schließlich als Eigentum, dessen Besitz ihnen auch von den Kaisern nicht streitig gemacht wurde. So sind die Grafen von Sponheim und die ihnen verwandten Grafengeschlechter der von Veldenz, die Wild- und Raugrafen als Nachkommen der alten Nahegaugrafen in den Besitz ihres weitausgedehnten Gebietes gekommen.

4. Was die Dorflinde aus germanischer Zeit erzählt.
In gemütvoller Sinnigkeit steht die Linde als der einigende Mittelpunkt in vielen Dörfern des Hunsrücks. Von traurigen und lieblichen Geschichten, von Sagen und Märchen aus alten längst vergangenen Zeiten rauscht es in der gewaltigen Laubkrone. Von Mund zu Mund, von Geschlecht zu Geschlecht wird's weiter getragen, was sie erzählt als tausendjährige Zeugin und Hüterin deutscher Zucht und Sitte, deutscher Treue und Heimatliebe. Bei den Germanen ward Sie gehütet und als heiliger Baum hochgeschätzt, der um seiner Schönheit und seines kühlen Schattens willen der Göttin Frigga oder Freia geweiht war. Nach der Alten Glauben ruhen unter der Dorflinde die Väter der Sippe, d. i. der durch Blutsverwandtschaft zusammengehörigen Dorfgemeinde. Sie ruhen und wohnen in Friggas Frieden. Die hehre Göttin, des Allvaters Wodan Gemahlin, ist die Schirmherrin alles Familienglücks, der Inbegriff edelster Weiblichkeit. Die silberne Spindel schwingend, fördert Sie die Frauenarbeit und freut sich, wenn die Mägdlein die Spindel auf dem Estrich hurtig tanzen lassen. Sie ist das Urbild der echten deutschen Frau, wie ja "Frigga", der Name, nichts anderes ist als unser hochdeutsches Wort "Frau". Der ihr geweihte Baum steht als heiliges Mal inmitten der Ansiedlung auf dem Anger die Dorflinde. Was heute die Kirche, das bedeutete die Dorflinde in der damaligen Zeit. Mit ihr teilte sie den Frieden und die Heiligkeit des Ortes; Geburt, Hochzeit, Tod, dies hohen Zeiten im Lebenslauf des Menschen, fanden hier Ihre Weihe und Verklärung, wie heute im Gotteshause. Im Schatten der Dorflinde wuchsen unter den Augen der Göttin die munteren Knaben und Mägdlein auf und lernten nach alten Weisheitssprüchen Zucht und Sitte oder lauschten den Götter- und Heldensagen. Hier tanzte die fröhliche Jugend, behütet von Frigga, welche die Erziehung segnete. Hier empfing jeder Ehebund seine Gültigkeit und Weihe, jeder Verstorbene seine Gedenkfeier und Ruhestatt. Unter der Linde war die Stätte der Gemeindeversammlung und des Dorfgerichts, wo die Schulzen und Schöffen gewählt, Streitsachen geschlichtet und Vergehen gesühnt wurden. Vor allem aber war hier der Ort der geselligen Zusammenkünfte und der Volksbelustigungen. Selbst der Einsamste im Leben fand unter der Linde die Seinen und ihre Teilname an seinen Freuden und Leiden. Der Geächtete und Verfolgte durfte im Schatten der Dorflinde gefahrlos sein müdes Haupt niederlegen. Wie eine Mutter bot sie ihm eine Freistatt, einen Frieden, denn selbst der bitterste Feind nicht zu stören wagte. Wenn aber die hohen Festzeiten des Jahres nahten, die Zeiten der großen Bitt-, Dank- und Sühneopfer im Frühling, Hochsommer und Spätherbst, dann wallfahrten von allen Gehöften die Sippen hinaus zum heiligen Hain, um hier an der Wiege des Volksstammes als eine große Familie sich zusammen zu finden und nach gemeinsam vollbrachtem Opfer Stammesangelegenheiten zu verhandeln. Da wallten auch Frauen und Kinder in der Schar, um an den Festen und Spielen, am Schmause und Tauschhandel teilzunehmen. Wie um das Dorfkirchlein heute der Kirchhof sich lagert, so war auch das Heiligtum des Gaues, in dessen Mitte die Linde ihre gewaltige Laubkrone breitete, in weitem Kreise mit Haselzweigen und einer Schnur umfriedet. Mit heiliger Scheu betrat man diesen gefriedeten Hof. Wehe, wer hier ruchlos den Frieden störte! Geächtet verlor er das Beste, den Schutz seiner Heimat. Unstet und flüchtig wie Kain ging er ins "Elend" d. h. in das Ausland. Ungestraft durfte ihn töten, wer ihn fand. Waffenlos betrat man dies Heiligtum, oft mit gefesselten Händen, als Zeichen der eigenen Ohnmacht gegenüber der Gottheit. Unweit des Malbaumes steht der mit geheimnisvollen Zeichen geweihte Opferstein. Das geweihte Opfertier wird gebraten. Die in weißes Linnen gehüllte Priesterin, das Gesicht gegen Norden gewendet, redet zu den Feiernden von des Festes Bedeutung. Knaben und Mädchen umkreisen im Reigen den Opferstein, der Gottheit lobsingend und heilige Kräuter auf den flammenden Opferherd werfend. Dann reicht die Priesterin den Feiernden die Trinkschale, der Götter "Minne" zu trinken, und um die Linde gelagert, hält die Versammlung ihren Opferschmaus. Bevor im heiligen Hain außerhalb des gefriedeten Raumes die laute Festfreude mit dem bunten Treiben des Tauschhandels, mit den Spielen und Reigentänzen zu ihrem Rechte kam, wurden unter dem Malbaume über ernste Streitsachen Gericht gehalten. Den Vorsitz führte der Gaugraf im weitfaltigen blauen Mantel, den weißen Richterstab in der Hand. Er mußte sitzend das Urteil fällen, weshalb man noch heute sagt "zu Gericht sitzen". Es war ihm vorgeschrieben, daß er beim Sitzen den rechten Fuß über das linke Bein schlage, und wenn die Sache unklar war, sollte er dieselbe 123 mal d. i. 3x40 mit dreimaliger Zugabe überlegen. 120 war das Großhundert. Die Beinverschränkung galt bei den Germanen als Zeichen der Betrachtung und Ruhe. Als das Christentum die heidnischen Götter verdrängte, erhielt die Gottesverehrung ihren Mittelpunkt im Kirchlein des Dorfes. Die alten heiligen Stätten verloren zumeist ihre religiöse Bedeutung, oder es wurde da, wo ehedem die Mallinde ihre Äste breitete, die Kirche errichtet, und ihr gehegter und geweihter Hof, der Kirchhof, ward fortan die Ruhestätte der Verstorbenen. Als Denkmalbaum über den Gräbern aber hat sich die Linde bis zu heutigen Tage erhalten, die als ein Sinnbild des Friedens über manchem Schläfer rauscht, der auf den jüngsten Tag wartet.