VII Recht, Gesetz und Landesverwaltung.

1.Ein Hundtgeding an der Nunkirche.

Es ist im Jahre 1370. Die Strahlen der aufgehenden Sonne beleuchten die Höhen des Hunsrücks, der eben in seinem schönsten Frühlingsschmuck prangt. An der Nunkirche scheint heute etwas Besonders vor sich zu gehen. Auf dem freien Platze vor der Linde sind zahlreiche Sitze errichtet, auf denen schon eine Reihe von allen Seiten herbei. Die Männer begrüßen sich und schütteln einander die Hände. Ein lautes Fragen und Antworten hebt an. Jetzt kommen auch einige Pater des Klosters Ravengiersburg im Festgewand. Von allen werden sie ehrfürchtig begrüßt, vorne in der ersten Reihe nehmen sie Platz.

Da verstummt das Stimmgewirr. Einige Männer haben auf erhöhten Sitzen Platz genommen.

Es ist der Schultheiß der Propstei Ravengiersburg mit seinen Schöffen. Nach einer langen Pause von sieben Jahren soll heute wieder einmal an gewohnter Stätte ein Hundtgeding d. h. ein Gerichtstag abgehalten werden. Schon von 6 Wochen und drei Tagen wurde dasselbe in allen Kirchen und Kapellen des Propsteibezirkes dem Volke öffentlich angekündigt, der ersten Verkündigung folgte eine zweite und dritte, die dritte zehn Tage vor dem Dingtag. Der Schultheiß hatte darüber zu wachen, daß das Geding überall in der vorgeschriebenen Weise verkündigt wurde.

Auf dem Platz an der Nunkirche hat schon manches Geding stattgefunden. Dies Gedinge wurden schon gehalten in jener Zeit, als Deutschland noch in Gaue und diese wieder in Hundertschaften geteilt waren. Der Gaugraf oder sein Bevollmächtigter, der Zentgraf, leitete damals die Verhandlungen. Die Schöffen berieten und der Vorsitzende fällte das Urteil. In der alten Zeit fanden jährlich 2 oder 3 Dingtage statt. Als die alte Gauverfassung längst nicht mehr bestand, blieb das Hundtgeding an der Nunkirche bestehen. Nur wurde es jedesmal berufen und zwar von sieben zu sieben Jahre.

Der Schultheiß eröffnet das Geding. Mit lauter Stimme macht er die Versammelten darauf aufmerksam, daß alle zuzuhören haben, wer schlafe, das Geding in irgend einer Weise störe oder es verachte, der habe entweder Wein zu bezahlen oder statt dessen 20 Pfg. zu entrichten. Die versammelte Menge spendet Beifall.

Nun wendet sich der Schultheiß an die um ihn herumsitzenden Schöffen mit den Worten:

"Was ist in Bezug auf Maß und Gewicht zu weisen? Einer der Schöffen erhebt sich und spricht: "Wer Händler ist oder Webetuch macht, der soll ein gerechtes Maß und Gewicht haben. Das findet er an dem Gericht der 14 Schöffen. Soweit es sich um Frucht oder Mehlmaß handelt, so ist es Gewohnheit, auf der Moselseite Kirchberger, auf der Seite nach dem Soon aber Binger Maß zu halten. Auf der Moselseite soll man das Fruchtmaß in der Klostermühle zu Fronhofen holen, auf der Soonseite verwahre man es in Holzbach. Das Weinmaß soll in der ganzen Propstei in dem Klosterkeller zu Ravengiersburg genommen werden. Der Müller dar als Mahllohn von 30 Maltern eins für sich behalten." Der Schultheiß stellt die zweite Frage an die Schöffen: "Wie müssen Straßen und Wege beschaffen sein?" Ein Brückenweg soll so breit sein, daß ein Paar gejochte Ochsen ungehindert hinüber gehen können. Einem Flur- oder Wagenweg sind 8, einem Born- oder Brunnenweg 4, einem Fußpfad 3 Schuh zuzuteilen. Wer die Winkel, die eine Gemeinde hat, einengt oder verbaut, beim Pflügen die Breite der Straße verletzt, Dornen oder Sträucher, die von seinem Acker die Straße versperren, nicht abhaut, wird bestraft." So werden viele Gewohnheiten und Rechte der Propstei geweiset.

Nun beginnt die Prüfung der verschiedenen Maße. Zu diesem Zweck haben die Wirte ihr Weinmaß und die Bauern ihre Fruchtmaße mitgebracht. Diesmal scheint niemand den Gewohnheiten der Propstei zuwidergehandelt zu haben, denn die Schöffen verlangen keine Bestrafungen. Es folgen noch verschiedene Anweisungen für die Bauern über das diesjährige Mähen, einige werden an die Abgabe des Zehnten erinnert, mit denen sie noch im Rückstand sind. So endet am späten Nachmittag das Gericht. Die Männer stehen noch eine Weile im Gespräch beieinander und wandern dann den heimatlichen Dörfern zu.

2. Ein peinliches Gericht an der Nunkirche
Ein trüber Herbstmorgen. Dicke Nebelschwaden füllen das Tal nach dem Soon hin. Hie und da heiseres Rabegekrächze. Der Nebel ballt sich zusammen und graues Gewölke hängt niedrig über dem freien Platz an der Nunkirche. Leise fängt es an zu regnen. So rechtes Wetter, um einem "missetätigen Menschen" das Gericht zu machen.

Aus den Dörfern der Umgebung nahen die Männer, deren Pflicht es ist, die Richtstätte zu bereiten. Denn der Galgen wird jedesmal neu errichtet, wenn ein armer Sünder nach Rechtsgebrauch vom Leben zum Tode gebracht werden soll. Ein ernster Gruß, kein munteres Scherzwort wie sonst, wenn sich Einwohner der Nachbardörfer treffen. – Die Tiefenbacher bringen die zwei "Steil", die senkrecht stehenden Pfosten des Galgens. Die Riesweiler tragen den Querbalken, den "First" herbei. Die Weidelbacher haben zwei Leitern zu stellen, die Holzbacher Seil und Kordel. Die von Buchstock liefern einen Knüppel aus Hainbuchenholz. Für den Richterstuhl haben die von Ohlweiler Sorge zu tragen und die Mengerschieder für das Tuch, das dem Gerichteten das Gesicht bedecken soll. Aber auch viele müßige Gaffer finden sich ein, die das traurige Schauspiel sich nicht entgehen lassen wollen.- Der Galgen ist errichtet. Nun naht auch der Richter mit seinen Schöffen, den "Dingkerlen", und das Gericht kann seinen Anfang nehmen.

Der arme Wicht wird vorgeführt. Was hat er begangen? Gestohlen hat er den mageren Klepper eines Bauern, der auf der Weide ging. Aber er kam nicht weit mit seinem Raube. Im Soonwalde hatten sie ihn schon gefangen. Sie schleppten ihn in den Fronhof Denzen. Dort lag er zwei Tage lang am Block, bewacht am ersten Tage von Männern der Soonseite, am zweiten Tage von Leuten der Moselseite. So ist es Brauch. Nun steht er hier vor seinem Richter. Diesmal waltet nicht der Propst oder Schultheiß von Ravengiersburg seines Amtes, sondern der Schirmvogt des Klosters, der Herr ist über Hals, Halsbein und Haupt. Des armen Sünders Urteilspruch ist schnell gefällt. Was soll er einwenden? Er weiß zu gut, daß sein Leben verwirkt ist, daß er büßen muß für seine Schuld.

Bald wimmert das Armsünderglöcklein der Nunkirche, zum Zeichen, daß der Gerechtigkeit genüge geschehen ist. Still sucht jeder seinen Heimweg. Leise rinnt der Regen.

3. Von Aberglauben und Hexen.
Wie allerwärts, so war auch in unserer Gegend im Mittelalter das christliche Glaubensleben durch mancherlei Aberglaube, der zum Teil aus heidnischer Vorzeit herrührte und durch allerlei Einflüsse sich immer wieder neu entfaltete, stark getrübt. Ueberall gab es Wahrsager, Beschwörer, Zeichendeuter und Zauberer. Allerlei Leute, vor allem aber Schweine- und Kuhhirten, auch wohl Jäger sprachen über Brot, Kräuter und andere Dinge Zauberreime, schrieben sie auf und verbargen das Schreiben in hohlen Bäumen oder warfen es auf Scheide- und Kreuzwege, in der Meinung, die Tiere von Seuchen und anderen Uebeln frei zu halben oder sie gesundheitlich zu schädigen oder zu töten. Männer und Frauen, von denen man annahm, sie könnten durch Zaubergetränke und Zaubersprüche Krankheiten von Menschen und Vieh wegnehmen, oder allerlei Uebel über Menschen und Vieh bringen, hatten starken Zulauf und wurden bald in dieses, bald in jenes Haus gerufen, um ihre Zauberkraft zu erweisen. Binden und Steine, die man nachtrug, sollten den Leib vor Gefahren schützen.

Die Kirche bekömpfte diesen Aberglauben ernstlich, aber meistens ohne Erfolg. Mancherlei abergläubische Gebräuche haben sich bis auf den heutigen Tag im Volke erhalten.

Damals herrschte der Wahn, daß es Hexen gebe. Das finstere unheimliche Aussehen einer alten Frau, irgend ein besonderes Merkmal an ihr, eine zufällige Rede genügten, um eine solche Unglückliche bei dem abergläubigen Volke als Hexe zu verdächtigen und dem peinlichen Gerichte zur Folter und zum Feuertode zu üergeben. Außergewöhnliche Häßlichkeit, Tölpelhaftigkeit, wie besondere Klugheit und Gelehrsamkeit, kurz jede ungewohnte Erscheinung galt als Zeichen teuflischer Einwirkung. Ein Mensch mit solchen Eigenschaften mußte mit dem bösen Feinde im Bunde stehen. Er war dem arme der rücksichtslos mit dem Tode strafenden Gerichte verfallen. Bei den zentgerichten der ölteren Zeit wurde die Frage gestellt, ob in den Gemeinden nicht etwa ein Weib sei, das von sich sage, es reite in manchen Nächten auf Tieren umher, begleitet von einer Schar Teufel, die sämtlich Frauengestalt annähmen. Am Ende des 16. Jahrhunderts und zu Anfang des folgenden kam die Hexenverfolgung so recht in Gang. Im Jahre 1522 wurde das Weib eines alten reisigen Knechtes in

Ueber-Hochstetten an der Nahe wegen Zauberei verbrannt. Ebenso wurden im Hochgericht Rhaunen die Schniders Grete von Rhaunen und die Schlure Else von Weitersbach, die man der Hexerei überführt glaubte, im September 1593 "mit Feuer vom Leben zum Tode gebracht."

4. Wie die Grafen von Sponheim ihr Land verwalteten.
Das große Gebiet, über das die Grafen von Sponheim herrschten, war von diesen zu Anfang des 14. Jahrhunderts geteilt worden. Die Grafen der vorderen Grafschaft Sponheim wohnten vorzugsweise in Kreuznach, die der hinteren auf Starkenburg oder in Trarbach.

Eine obere Regierungsbehörde mit ständigem Sitze gab es in den Landen der Grafen von Sponheim nicht. Dies regierten ihr Land persönlich. Es war nicht für jedes Fach der Verwaltung ein besonderer Rat bestellt, sie ordneten und entschieden in allen Fällen selbst. Wen sie eine Reise in die Ferne unternahmen, beispielsweise ins heilige Land, so übernahm ein Sohn oder Bruder die Verwaltung, war ein solcher nicht da, so wurden mehrere Edle gewählt, die inzwischen das Land regierten. Zur Beratung wichtiger Haus- und Landesangelegenheiten zogen die Grafen Söhne, Brüder, Freunde oder auch Burgmannen zu, mit dnen sie überlegten, wie eine Sache zu ordnen und zu erledigen sei. Ohne diesen Rat vollzogen sie keine Landesteilung, keine Eheberedung, keinen Verkauf oder Kauf von größeren Herrschaften oder Gütern. Alle Burgmannen mußten bei Eintritt in den Dinst des Grafen sich verpflichten, diesem Rat zu erteilen, so oft er solchen von ihnen forderte. Nicht selten genossen auch Ritter das Vertrauen des Grafen.

Da die regierenden Herren in der früheren Zeit ebensowenig lesen und schreiben konnten, als die in ihrem Dinest stehenden Edelknechte und Ritter, so waren sie genötigt, sich mit schriftkundigen Leuten zu umgeben. Das waren die Geistlichen. Sie verwalteten das Kanzleramt. Handelte es sich um Gegenstände von großer Wichtigkeit, z.B. um Verträge zwischen verschiedenen Gebietsherren festzusetzen, so wurden in der Regel kaiserliche Notare berufen. Diese nahmen nicht nur Urkunden auf, sondern lasen bisweilen den parteien auch ältere Urkunden vor.

Die Grafschaften waren in Aemter eingeteilt. Zu Verwaltungen wurden Amtleute bestellt. Die Amtleute oder Burgrafen hatten nicht bloß in dem ihnen angewiesenen Bezirk für Rhe und Ordnung zu sorgen, sie mußten auch jede Gefahr, die von außen drohte, abzuwenden suchen. Jeder, der im Bezirk wohnte, hatte deshalb dem Aufgebot des Amtmannes Folge zu leisten und zwar die Ritter und Knechte auf den Burgen, die Bürger in den Städten, die Leibeigenen Leute der Dörfer und Gehöfte. Es war der oberste Richter, der Hüter der Waldungen. Nur mit seiner Zustimmung durften Stadtbeuten ausgeführt werden. Bei der Wahl der Schöffen war sein Rat einzuholen. Er überwachte die Erhebung der gräflichen Steuern und Zinsen. Die Truchfässe und Kellner sammelten sie ein.

Zöllner erhoben die Zölle, Weinmeister das Ohmgeld. Daneben zogen besondere Diener die mit der Leibeigenschaft zusammenhängenden Lieferungen ein. Hier und das führten diese Diner den Namen Hühnerfänger und zwar deshalb, weil sie von Haus zu Haus die Rauch- und Fastnachtshühnder zu sammeln hatten. Die Kellner und Truchfässe hatten ihren Sitz an befestigten Orten, so in Kirchberg, Koppenstein und Kastellaun. Ein Obereinnahmerei für die ganze Grafschaft bestand nicht. Hatte eine Kellnerei nach Bestreitung der von ihr regelmäßig zu leistenden Ausgaben Ueberschuß, so lieferte sie ihn an die Kellnerei ab, die eines Zuschusses bedürftig war.

Außer den Einnahmen, die durch die Abgabe der Leibeigenen erzielt wurden, waren die Herrenhöfe, auf denen die Herrschaft das beste Land von ihrem Hofmanne bebauen ließ und die Waldungen Einnahmequellen für die Grafen. Der Nutzen, den die Wälder abwarfen, war allerdings so bedeutend nicht. Geringe Abgaben entrichteten die Köhler, wenn ihnen hier und da das Gehölz eines Waldstückes zum Kohlenbrennen überlassen wurde oder die Gemeinden, denen man in einzelnen Waldbezirken den Weidegang für ihr Vieh bewilligte oder die Früchte der Buchen und Eichen überließ.

Wie hoch auch die Einnahmen der Grafen waren, am Ende des Jahres war in der Regel wenig oder garnichts übrig. Die Fehden verursachten große Kosten, zumal dann, wenn sie unglücklich ausgingen. Da die ältere Zeit arm an Geld war, so hatten die Grafen niemals so viel bares Geld, daß sie damit ihre Kriegskosten hätten begleichen kpnnen. Deshalb war es allgemein Sitte der damaligen Zeit, daß sie nicht nur auf Kriegszüge, sondern auch bei allen größeren Reisen, ihren Bedarf an Brotfrucht, Fleisch und Wein mit sich führten. Die Haushaltung der Grafen war kostspielig. Hausrechnungen der Starkenburg sind erhalten. Danach wurden in einem Jahre 60 Stück Wein und 297 Malter Korn verbraucht und 753 Malter Hafer verfüttert.

Höhere Hofbeamte hatten die Grafen von Sponheim nicht. Weder Hofmarschälle noch Stallmeister noch ständige Leibärzte hielten sie. Das Küchenwesen leitete ein Küchenmeister, der Küche wie Backhaus überwachte und den in den Ställen verbrauchten Hafer verrechnete. Die Fütterung und Pflege der Rosse war Knechten anvertraut. Die Leitung der Bauarbeiten lag in den Händen des gräflichen Zimmermannes.

Das Heer bestand aus den vom Grafen in Dienst genommenen Mannen und Knechten, den reisigen Knechten, welche die Mannen zu stellen hatten und aus den bewaffneten Bürgern der Städte. Die Leibeigenen, die ursprünglich nicht waffenfähig waren, wurden auch in der späteren Zeit nie zu Kriegszügen in die Ferne herangezogen. Ueberzog aber der Feind das eigene Gebiet, so bot man sie auf. In den einzelnen Bezirken leitete der Amtmann die Verteidigung. Wurde ein Ort überfallen, so eilte er mit den ihm zu Gebote stenden Mannen und Reisigen den Bewohnern zu Hilfe. Konnte er mit diesen die Feinde nicht verjagen, so ließ er durch alle Dörfer des Bezirks den Heerruf ertönen und das "gewine Geschrei" ergehen. Was in den Städten, Dörfer und Weilern wohnhaft war, zog dann zur Vertreibung des Feindes aus.

Bei den eientlichen Kriegszügen führte der Graf das Heer gewöhnlich selbst an. Der Marschalk der Grafschaft besorgte die Zug- und Lagerordnung, sowie die Verpflegung von Mann und Roß. Er entwarf die Schlachtenpläne. War es dem Grafen nicht möglich, seine Leute selbst anzuführen, so übertrug er den Oberbefehl dem Marschalk oder einem anderen Kriegserfahrenen Mann, den man den "Gewaltigen Boten" nannte. "Wäre es", sagen die Grafen in dem Stadtbriefe von Koppenstein, "daß wir nicht selbst reise, so sollen die Bürger unserem gewaltigen Boten nachfolgen".

Zu den vornehmsten Vergnügen der Grafen gehörte die Jagd. in den Waldungen errichteten sie hier und das Jagdhäuser, in denen sie während der Jagdzeit mit ihren Gästen wohnten. Die Jäger und Hunde wurden von den Baueren verpflegt. Die Bauern mußten auch beim Einhegen des Jagdbezirks und beim Aufstellen der Garne behilflich sein. Deshalb waren sie von Abgaben befreit. Das Jagdrecht stand nur den Grafen zu. Jägermeister hatten sie nicht. Konnten sie einen Bezirk nicht selbst bejagen, so besorgte das der Amtman. (Nach Back.)