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Der Schinderhannesturm in Simmern

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Vom Schinderhannes.


Zur Zeit der Franzosenherrschaft trieben zahlreiche Räuber in hiesiger Gegend ihr lichtscheues Gewerbe. Die fortwährenden Kriege hatten die Soldaten und auch manche Bürger verroht. Viele suchten nach Beendigung der Kämpfe durch Raub und Diebstahl ihren Lebensunterhalt herbeizuschaffen. Die großen Waldungen des Hunsrücks boten den Räubern sichere Schlupfwinkel. Mancher ehrlich scheinende Mensch stand mit ihnen in geheimen Beziehungen. Die allgemeine Unsicherheit hatte bedenklich zugenommen. In einem in Rhaunen 1797 abgefertigten Schriftstück heißt es: "Das herrenlose Gesindel hat sich in der ganzen Gegend seit einiger

Zeit dergestalt gehäuft, daß am Tage niemand ohne Begleitung, bei Nacht aber kein Mensch sich getraut, über Felder zu gehen aus Furcht, mißhandelt oder beraubt zu werden. Die Pferde werden täglich aus den Ställen gestohlen und der Landmann muß sich wegen der Wiedererhaltung seines Eigentums mit den Dieben abfinden.

Die Banden unterstanden jenem Räuber, dessen Namen auf dem Hunsrück noch heute in aller Munde ist, "Schinderhannes". Die ganze Landschaft an der oberen und unteren Nahe, der Soon- und Idarwald, ward von ihm und seinen Spießgesellen heimgesucht. Ja, bis auf die andere Rheinseite hinüber dehnten sie ihre Raubzüge aus. Öfters war Schinderhannes in die Hände der Polizei geraten, aber immer gelang es ihm zu entkommen. Einmal hat er auch in dem Turm in Simmern, der nach benannt ist, gefangen gesessen. Auch hier entwischte er. Mit einem Messer schnitt er die Bretter an der Decke seines Gefängnisses durch. In der Zelle über ihm saß auch ein Dieb. Dieser warf ihm ein Strohseil zu. Schinderhannes haspelte sich hinauf, schlug ein mit einem eisernen Gitter versehenes Fenster ein, sprang in den Stadtgraben und verschwand.

Nach vielen Raubzügen wurde er endlich im Taunus verhaftet und nach Mainz gebracht. Dort endete er 1803 im Alter von 24 Jahren auf dem Schafott. Im Volksmund aber lebt der berüchtigte Held fort. Sein Leben ist mit vielen sagenhaften Erzählungen umwoben.

Schinderhannes und der Viehhändler.
Eines Tages, als Schinderhannes einen Jahrmarkt besuchen wollte, begegnete ihm eine alte Bauersfrau, von der er erfuhr, daß sie eine Kuh kaufen wolle. Weinend erzählte das arme Weib, ihr Vieh sei gefallen und sie müsse trachten, billig einzukaufen, da sie nur 10 Kronentaler hätte. Schinderhannes gab der Frau noch 10 Kronentaler, damit sie sich die beste Kuh auf dem ganzen Markte aussuchen könne. Er stellte nur die Bedingung, daß sie sich von dem Viehhändler eine Quittung ausstellen lassen und ihm bringen müsse. Das geschah auch. Schinderhannes lauerte nun abends dem Viehhändler auf, zeigte ihm die Quittung und bat sich höflichst gegen Rückgabe derselben 20 Kronentaler aus. Der Viehhändler weigerte sich nicht im geringsten, löste die Quittung gleich ein und war froh, heiler Haut davon zu kommen.

Schinderhannes in der Bauernstube.
Auf seinen Streifzügen kommt Bückler an eine Bauernhütte. Auf sein Pochen öffnete ihm ein altes Weibchen; in der Stube steht der Mann und macht Fackeln. Schinderhannes fragt im Lauf des Gespräches, ob sie sich nicht vor den Räubern fürchten? "O nein", erwidert der Alte, "der Schinderhannes tut den Armen nichts; aber ich möchte doch eine Sicherheitskarte haben, weil ich seinen Leuten nicht recht traue." Bückler nimmt aus seiner Tasche eine Flasche Wein und schenkte sie dem Bauer. "O Gott", ruft plötzlich der Bauer, "da kommen Bewaffnete, ich bin verloren!" Schinderhannes, in der Meinung es seien Gendarmen, entflieht in die anstoßende Kammer. Gleich darauf wird die Tür aufgerissen und vier bis an die Zähne bewaffnete Räuber treten ein. Sie packen den Bauern und sein Weib, werfen sie zu Boden und verlangen Geld. Zitternd und zähneklappernd nestelt der Bauer den Rest seines kleinen Vermögens, bestehend aus 13 Groschen, aus seinem Geldbeutel, aber die Räuber schreien: "Wenn du Wein trinken kannst, du Kerl, dann hast du auch Geld!" Eben schicken sie sich an, die armen Leute auf's neue zu mißhandeln, da erscheint Schinderhannes in der Kammertür. Erschrocken lassen die Räuber ihre Opfer los, doch Schinderhannes reist seine Pistole aus dem Gürtel und ein Schuß zerschmettert den Schädel des Rädelsführers. Die anderen drei ließ er später drei Tage lang krumm schließen und Hungern.

 



Schinderhannes und die Gendarmen.
Wir wissen nicht, war es in Staudernheim oder Mengerschied, wo nachstehende lustige Geschichte passiert ist:
Vier durstige Gesellen saßen in der Schenke, waren munter und guter Dinge. Plötzlich hörten sie Pferdegetrappel und bald darauf sprengten zwei Gendarmen auf den Hof. "Herr Wirt, einen Kümmel, wir sind auf der Suche nach Schinderhannes, der sich hierherum aufhalten soll und haben voraussichtlich noch eine harte Tour vor uns!" "He, Kameraden, kommt herein und ruht euch von euren Strapazen ein wenig aus", rief einer der vorhin erwähnten Zecher. "Ihr seid wackere Beamte und es soll uns nicht darauf ankommen, euch eine Flasche Wein zum besten zu geben!" Gerne folgten die Gendarmen der Aufforderung und bald saßen alle gemütlich bei ihrem Wein und bliesen behaglich die Wolken aus ihren Pfeifchen. Der eine der vier Burschen verließ dann ohne Aufsehen das Zimmer; kurz darauf ertönte vom Fenster aus ein unbändiges Gelächter. Verwundert sahen alle um sich und erblickten ihren seitherigen Zechgenossen, der sich vor Lachen kaum halten konnte. "Ihr wollt Gendarmen sein", rief er den Beamten zu, "und kneipt mit dem Schinderhannes?" "Auf, fangt ihn, wenn ihr schnelle Beine habt!" Damit war der Bursche vom Fenster verschwunden, Die Gendarmen rannten in den Stall, schwangen sich auf die Pferde, um den Flüchtling einzuholen, aber, o weh! Kaum waren sie zu dem Stall draußen, fielen sie unsanft von den Pferden, - Schinderhannes hatte die Sattelgurten losgeschnitten.

aus "Heimatkunde des Hunsrücks" Druck u. Verlag Jac. Heinr. Walter 1921