VI. Von den Bauern.

1. Die Bauern als Leibeigene.

Als die Franken den Hunsrück besiedelten, nahmen sie Besitz von Grund und Boden. Jeder Freie mußte die Kriegszüge mitmachen. Um sich der Pflicht des Heerbannes zu entziehen, übertrugen in späteren Jahren viele Freie ihre Güter an andere und nahmen sie von diesen als Lehen zurück. Sie wurden Lehnsleute. Auf diese Weise entstand auf der einen Seite der Großgrundbesitz und auf der anderen der Stand der "armen Leute", ein Name, mit dem man gemeinhin die Bauern bezeichnete, die in Abhängigkeit von einem Gutsherrn auf einem von diesem geliehenen Stück Land lebten. Im späteren Mittelalter gab es nur "Herren und Knechte", der Stand der freien Bauern war ganz verschwunden. Die Herren besaßen alles Land als Eigentum. In unserer Gegend waren es vornehmlich die Grafen von Sponheim, die Erzbischöfe von Trier, das Kloster Ravengiersburg und später, vom 15. Jahrhundert an hauptsächlich die Herzöge von Simmern, die sich in Grund und Boden teilten. Die Untertanen dieser Herren, also alle Bewohner der in diesem Gebiete liegenden Dörfer, Weiler und Höfe waren leibeigene Leute. Sie bebauten entweder ein geliehenes Gut und hießen dann Lehnsleute, oder sie arbeiteten mit Weib und Kind auf dem Herrnhofe, erhielten dort eine Hütte oder Kote zur Wohnung angewiesen und wurden deshalb Köter oder Knöderer genannt.

Die Verhältnisse, in denen die Leibeigenen lebten, waren oft recht drückend, sie waren in Wahrheit "arme Leute". Ihre Hütte stand auf fremdem Boden, das Gut auf dem sie sich nährten, gehörte einem Herrn. War nützte sie Vieh und Ackergeräte, die ihr Eigentum waren, wenn es dem Lehnsherrn einfiel, ihnen das Lehnsgut zu entziehen. Der Knecht heutigen Tages sucht sich seinen Herrn und bleibt bei ihm, solange es ihm gefällt. Dem Leibeigenen war schon mit der Geburt sein Herr gegeben, in seinem Dienst mußte er ausharren, bis ihn dessen Milde oder der Tod davon erlöste. Es stand im Belieben desselben, seine Leibeigenen zu verschenken, zu verkaufen oder zu vertauschen. Wurde nämlich ein Stück Land einem anderen Herrn übertragen, so mußten auch die Leibeigenen dem neuen Besitzer dienstbar werden. Kein Leibeigener durfte seinen Wohnort ohne Genehmigung verlassen, um sich an einem anderen Orte niederzulassen. Ja, nicht einmal die Heirat durfte ohne Einwilligung des Herrn geschlossen werden.

Durch die Bemühungen der Kirche wurde mit der zeit das Drückende des Leibeigenschaftsverhältnisses mehr und mehr gemildert. Besonders waren es die Pröpste des Klosters Ravengiersburg, die sich ihrer Leute gegen die Bedrückungen der Schirmvögte annahmen und sich auch in vielen anderen Beziehungen als gütige Herren ihrer Untertanen erwiesen.

2. Welche Pflichten die Leibeigenen des Klosters Ravengiersburg zu erfüllen hatten.

Die Dienste, welche die Leibeigenen zu verrichten, die Abgaben, die sie zu leisten hatten und die Beschränkungen in der persönlichen Freiheit, denen sie unterworfen waren, waren bei den einzelnen Grundherren verschieden. In der Propstei Ravengiersburg sind sie im Verhältnis zu den anderen Gebieten als erträglich zu bezeichnen.

Die Frondienste waren mäßig. Auf anderen Gütern waren die Leibeigenen gehalten, in der Regel drei Tage der Woche auf dem Herrengute zu arbeiten. Das Kloster verpflichtete seine Leibeigenen in der Zeit von Walpurgis bis Martinstag die Feldarbeiten und die damit verbundenen Dienste wie Schneiden, Mähen, Dreschen usw., soweit als nötig war, zu verrichten. Vom Dienen an drei Tagen der Woche war keine Rede.

Die Wagenfahrten, deren das Kloster bedurfte, um seine Weine, das Getreide und andere Güter herbei und weg zu fahren, besorgte es zum Teil selbst. Der "arme Mann" wurde nur innerhalb gewisser Grenzen zum Fahren herangezogen, ging eine Fahrt darüber hinaus, so erhielt er eine besondere Vergütung. Alls Holz, was im Kloster verbrannt wurde und sämtliche Materialien, deren das Kloster bei seinen vielen Bauten bedurfte, mußten die Leibeigenen anfahren. Wer bei diesen Leistungen aus Mangel an Vieh keine Fahrten übernehmen konnte, dem wurden Handdienste zugeteilt.

Alle Höfe und Weiler samt den dazugehörigen Feldern und Wiesen des Klostergebietes waren mit Zäunen eingehegt. Diese Bannzäune waren an den Eingängen mit Toren versehen. Es war Pflicht der Leibeigenen, die Zäune in Ordnung zu halten. Brach das Wild an einer schadhaften Stelle in das Feld ein, so wurde der, der die bessernde Hand nicht rechtzeitig angelegt hatte bestraft.

Auf den ausgedehnten Wiesen des Klosters besorgten die Leibeigenen die Heuernte. Diese Arbeit war so verteilt, daß immer die Leute eines Ortes das Heu auf einer bestimmten Wiese machten. Die Mäher wurden vom Kloster beköstigt. Hatten diese bis sieben oder acht Uhr morgens gemäht, so erhielten zwei und zwei eine Schüssel mit Haferbrei, jeder zwei gesottene Eier, zweierlei Käse, Brot und Wein. War das Mähen beendet, so bekamen zwei und zwei eine Schüssel mit Erbsen, eine Schüssel mit Fleisch, zweierlei Käse Brot und Wein. Wer zum Mähen nicht erschien oder nicht kahl mähte, der wurde bestraft. Das Geld sollten die anderen Mäher im Wirtshaus vertrinken. Hatten die Schnitter auf dem Felde ihre Arbeit beendet, so wurde ihnen auf dem Herrenhofe eine ähnliche Mahlzeit gereicht.

Wenn das Kloster Jagd oder Fischfang veranstaltete, konnte es seine Leute dazu aufbieten. Die Bewohner der Soonseite durften indessen bei Jagden nicht auf die Moselseite und umgekehrt, die Leute der Moselseite nicht auf die Soonseite geführt werden. Den Leibeigenen war das Jagen in den Wäldern und das Fischen in den Bächen verboten, dieses Recht nahmen die geistlichen Herren für sich allein in Anspruch. In den anderen Herrschaften unseres Gebietes standen auf Jagdfrefel schwere Strafen. Wer z. B. in der Grafschaft Sponheim einen Hirsch tötete, der war dem Herrn einen Ochsen und 60 Schillinge schuldig, wer einen Rehbock wilderte, der mußte eine Geiß und 60 Schillinge Schadenersatz leisten. Im Hochgericht Kellenbach durfte der "arme Mann", der im Bezirk "mit Feuer und Flamme saß", für seinen Gebrauch Hasen und Fische fangen, wurde man aber gewahr, daß er sie verkaufte, so war er dem Gericht verfallen. Welche Strafe den traf, der die Klosterherren in ihrem Jagdrechte kränkte, wird nicht erzählt.

Die leibeigenen Leute waren zu Botengängen und Wachtdiensten verpflichtet, wenn das Kloster solche benötigte.

Von den ständigen Abgaben, die auf der Person des Klosterleibeigenen ruhte, war der Schirmhafer nebst dem Vogtshuhn die bedeutendsten. Sie Gehöften zum Einkommen des Schirmvogts. Das war ein Adeliger, der das Klostergebiet gegen Angriffe zu verteidigen hatte. Schirmherren unseres Klosters waren lange Zeit die Wildgrafen von Kyrburg, später die Herren von Heinzenberg, die in der Nähe von Schloß Dhaun hausten.

Ein andere, aber unbedeutende Abgabe war das Hofgeld, sie betrug jährlich drei Pfennig. Zur Entrichtung war jeder verpflichtet, dessen Wohnung auf Kloster-Gebiet stand. Bedeutender waren die Zehnten. Von aller Frucht, über die auf den Feldern der Leibeigenen der Wind wehte und die der Regen besprengte, mußten sie den zehnten Teil des Ertrages abliefern. Am Martinstage kam der Glöckner und forderte Glockenbrot und Glockenhafer.

Alle Bewohner des Klostergutes waren zur Abgabe des Besthauptes verpflichtet. Star nämlich der Vater oder die Mutter, so verfiel dem Kloster das beste Stück Vieh. Das erscheint uns als große Härte. Betrachten wir aber die Zeitverhältnisse, so ist dem nicht so. Mit dem Tode des Leibeigenen hatte sein Wohn- und Hofrecht ein Ende. Das Kloster konnte das Gut einziehen und einem anderen übertragen. Es überließ aber den Erben Hofrecht und Gut und begnügte sich damit, das beste oder zweitbeste Haupt des Stalles für sich zu beanspruchen.

In späteren Jahren trat an Stelle der Viehabgabe eine Entschädigung in Geld.

Die Nachtselde, d. i. die Verpflichtung, die Mannen und Knechte des Schirmvogtes zu verpflegen,. war oft für die "armen Leute" eine drückende Last. Den Klosterleuten wurde sie ganz erlassen. Der Schirmvogt verzichtete nämlich gegen Empfang einer jählichen Rente von 14 Pfund Heller, 14 Malter Hafer und 14 Hühner auf das Recht der Nachtselde. Diese Entschädigung entrichtete das Kloster.

Neben diesen Arbeiten und Abgabe, welche die Leibeigenen zu entrichten hatten, waren sie mancherlei Beschränkungen in bezug auf ihre persönliche Freiheit unterworfen. Auch hier hatte das Kloster die üblichen Sitte bedeutend gemildert, indem es gegen eine niedrige Steuer die Auswanderung gestattete.

In der Grafschaft Sponheim mußten die angehenden Eheleute dem Leibesherrn für dessen Einwilligung zur Ehe eine Steuer entrichten. Das kannte man in der Propstei nicht. Hier wurde im Gegenteil dem jungen Paare der Anfang ihres Haushaltes erleichtert, indem sie für das erste Jahr von der Lieferung des Schirmhafers und des Vogthuhnes befreit waren.

Wenn die Klosterleute Wein verbrauchten, so mußten sie ihn in dem Wirtshaus des Klosters kaufen. Es war Vorschrift, daß bei jedem Kauf oder Verkauf, der in der Propstei abgeschlossen ward, ein bestimmtes Quantum Wein getrunken wurde. Dieser Gebrauch hat sich bis heute im sogeannten "Winkuss" erhalten.

Das Kloster unterhielt auch eine Bannmühle. Da aber die Klostermühle unmöglich das Bedürfnis aller Klosterleute befriedigen konnte, so löste es mehr und mehr den Mühlenzwang. Neben der Bannmühle errichtete es eine Anzahl kleiner Mühlen, die es gegen geringen Zins Pächtern überließ. Der Mühlenbann war zwar lästig, aber auch vorteilhaft, da die Gebannten fordern konnten, falls es der Mühle an Wasser fehlte, daß sie zuerst berücksichtigt würden. Die Mühle in Ravengiersburg blieb schließlich nur Bannmühle, für die Bewohner von Ravengiersburg, Belgweiler und Sargenroth. (Nach Back.)

     

3. Von den Lebensweisen der Bauern

Die Bauern waren infolge der Leibeigenschaft an die Scholle gebunden. Hatten sie alls Abgaben an ihre Grundherrn entrichtet, so blieb für sie nicht allzuviel übrig. Der Anbau des Bodens war nicht nur unvollkommen, sondern auch unbedeutend. Große Strecken lagen öde. In unfruchbaren Jahren brach oft Hungersnot aus. Korn, Hafer, Weizen, Gerst, Bohnen, Erbsen, Linsen, Kappus, Rüben, Hanf und Flachs gehörten zu den Haupterzeugnissen. Das Rindvieh, die Pferde, die Schafe und Schweine wurden auf große Weiden getrieben. Für ihre Pflege sorgten Hirten. Müller und Bicker hatten Esel. Die Zucht an Gänsen, Hühnern, Kappen, Enten und Bienen war beträchtlich.

Die Lebensweise der "armenLeute" war dürftig. Ihre Narungsmittel bestanden aus den Erzeugnissen des Bodens und der Viehzucht. Fleisch, Hafersuppen, Erbsen, Brot, Eier, Käse, hin und wieder auch Gemüse wurde auf den Tisch gebracht. Einfach war die Kleidung.Die Männer trugen ein leinenes, langes Oberkleid, Hosen und ein Brusttuch aus Wolle oder Linnen. Schuhe schützten die Füße, man nannte sie Bundschuhe, wenn sie über die Knöchel reichten und da gebunden wurden. Die Weiber kleidete ein weites Obergewand; in den Dörfern gingen sie an Festtagen im schwarzen Tuchmantel einher. Aus Holz und Lehm waren die kleinen Wohnhäusererbeut und mit Stroh gedeckt. Glasfenster hatten sie in der früheren Zeit nicht. Solche fand man höchstens in den Kirchen und auf den Herrensitzen. Die Bauern konnten sich diesen Luxus nicht gestatten. Kerzen und Kienspäne erhellten während der langen Winterabende die dumpfen Stuben.

So geplat die Bauern auch waren, so fehlte es ihnen doch nicht an Belustigungen. Sie vertrieben sich die Zeit mit Kegelschieben, Spielen auf dem Brette, mit Karten und Würfeln. Lustige und Schaurige Erzählungen verkürzten manche Stunde Festliche Tage waren die "Kerben",allen voran die beiden, die an der Nunkirche an Maria Himmelfahrt am 15. August und an Maria Lichtmeß am 2. Februar gehalten wurden.

Schon früher war mit diesen "Kerben" ein Jahrmarkt verbunden. Wie noch Heute, so war es auch damals eine Hauptfreude für die Bauern, nach diesen Märkten zu wandern, um sie dort am Klosterwein zu laben, der in einer eigens erbeuten Hütte ausgeschenkt und von den Landleuten aus Töpfen, die sie auf den Markt mitnahmen, getrunken wurde. Dabei machten Fiedler Musik und die Paare drehten sich im Tanze.

Nach altem Herkommen fanden bei Verlobungen und Trauungen "Imse" statt. Solche reihten sich auch an Taufen und Begräbnisse an. Nicht selten arteten sie aber in wüste Schmausereien und Gelage aus, wobei es häufig zu Schlägereien kam. Diesem Unwesen suchten die Grafen von Sponheim zu steuern, indem sie bestimmten, daß zu dem Brautmahle, das bei der Hochzeit nach dem Kirchgang gegeben werde, in der Stadt von beiden Teilen nicht mehr als 25, auf dem Lande hächstens 20 Personen zu lagen seien. Bei Verlobungen und Kintaufen sollte sich die Zahl der Gedecke in der Stadt auf 10 und in den Dörfern auf 8 beschränken.

Für die elenden und siechen Leute waren wohltätige Anstalten gegründet worden, die unter der Obhut der Kirche standen, so in Kirchberg, Simmern und Chumbd. In diesen Spitälern wurden die Dürftigen und Kranken verpflegt, Fremde beherbergt und der leidenden Menschheit nach Kräften geholfen.