V. Von den Städten.

1. Wie die Städte entstanden sind.

Die Städte des Hunsrücks waren ihrer Bauweise und Bestimmung nach erweiterte Burgen und wie diese mit Mauern und Graben umgeben, mit Toren und Zugbrücken versehen und an den wichtigsten Stellen durch Türme und Vorwerke geschützt. Auf den Burgen konnte wegen des beschränkten Raumes immer nur ein kleiner Teil der Flüchtlinge, die bei feindlichen Ueberfällen aus den umliegenden Weilern dort Schutz suchten, aufgenommen werden. Nicht selten mußte der Gebietsherr zusehen, wie die Wohnungen seiner Leute durch den Feind ausgeplündert und niedergebrannt wurden. Die Grafen waren deshalb darauf bedacht, die Häuser, die unter oder vor ihrer Burg erbaut waren, mit Mauer und Graben zu umgeben. So entstanden Vorburgen. Aus solchen Vorurgen haben sich die Stadte Simmern, Kastellaun, Dill und Koppenstein entwickelt. In Kirchberg war keine Burg, es war seiner hohen Lage wegen befestigt. Die Orte Laubach, Horn, Argenthal und Rheinböllen waren auch Festen, aber keine Städte. Damit ein Ort als Stadt angesehen wurde, mußten ihm städtische Rechte und Freiheiten verliehen sein. Die Gründe, welche die Grafen bestimmten, die genannten Orte zu Städte zu erheben, waren hauptschlich zweierlei Art. Einmal wollten sie die Bewohner zur Uebernahme der Dienste und Lasten, die ihnen durch den Bau der Festen und deren Unterhaltung erwuchsen, williger machen; dann hofften sie, in diesen Orten Handel und Verkehr zu beleben, um dadurch den Wohlstand ihrer Untertanen und so auch ihre eingenen Einkünfte zu vermehren.

Welche Rechte einer Stadt verliehen waren und welche Pflichten die Bürger hatten,besagte der besiegelte auf Pergament geschriebene Brief, der jedem Orte bei seiner Erhebung zur Stadt von dem Gebietsherrn gegeben wurde. Der Stadtbrief verordnete wie Recht und Gesetz in der Stadt gehandhabt und die Stadtobrigkeit gewählt werden solle, wie es mit der baulichen Unterhaltung der Feste, mit der Aufbringung der Kosten und dergl. zu halten sei. So oft die Stadte einem anderen Herrn huldigen mußten, ließen sie sich von diesem den Stadtbrief entweder erneuern, oder doch wenigstens versprechen, daß sie in den ihnen bewilligten Rechten und Freiheiten keinerlei Schmälerung erleiden sollten.

 

2. Von den Rechten und Pflichten der Bürger

Um recht viele Bauern in die Städte zu locken, gaben die Grafen den Bürgern mancherlei Vorrechte gegenüber den Bauern. Zunächst wurde für die Stadtbewohner die Leibeigenschaft aufgehoben und die damit verbundenen Verpflichtungen und Abgaben. Graf Simon sagt in dem der Stadt Kastellaun erteilten Briefe: " Wir machen die Bürger frei, ihren Leib und ihr Gut. Das sie jetzt haben, von Beeden, Nachtfelden und und allen Diensten, die sie bisher uns und unsern Altvätern je getan." Verzichtete Graf Simon auf die Beede, d. h. auf die Entrichtung der Grundsteuer, so verpflichtete er trotzdem die Städter zu einer bestimmten Abgabe. Während aber bisher die Höhe der Abgaben ganz in das Belieben des Grafen gestellt war, sicherte er jetzt den Bürgern zu, daß die Steuer einen bestimmten Betrag nicht übersteigen dürfe.

Indem der Graf die Pflicht der Nachtfelde für die Bürger aufhob, befreite er sie von der drückenden Last, seine Mannen, Reisige, Knechte und Rosse zu beköstigen; beherbergen mußten sie dies nach wie vor. Die bewilligten Freiheiten sollten auch die leibeigenen weiblichen Personen genießen, die aus dem sponheimischen Gebiet in die Stadt heirateten. Heiratete aber eine Bürgerstochter in ein umliegendes Dorf, so ging sie der Freiheit verlustig.

Auch die freien Bürger durften weder backen noch mahlen, wo sie wollten. "Bannbackhaus und Bannmühle", sagen die Grafen im Stadtbrief von Di.., "behalten wir uns. Wenn in unserer Mühle aber nicht gemahlen werden kann, so mögen die Bürger anderswo mahlen. Sonst ist es verboten. Wer es trotzdem tut, der hat Korn und Mehl verloren." Selbstverständlich waren Backhaus und Mühle Einnahmequellen für den Grafen, der von dem bereiteten Mehl den Zehnten heben ließ. In allen durch die Grafen von Sponheim zu Stadten erhobenen Orten waren die Einwohner verpflichtet, sofern sie Fuhre hatten, zum Beifahren von Wein und Getreide ein oder zwei Wagenfahrten zu leisten.

Kauf und Verkauf waren in den Städten vielen Beschränkungen unterworfen. So mußten in Koppenstein alle Waren, die verkauft wurden, verzollt werden. Die Verkäufer durften diesw nur auf dem Markte der Stadt feilbieten und zwar auf Plätzen und in Buden, die sie von dem Grafen gegen Zins mieteten. Fremden Geldhändlern, Juden und Lombarden gestatteten die Grafen auf den Märtken Geldtische aufzustellen, damit den Käufern die Münzen nach Bedürfnis umgewechselt werden konnten.

Die Freiheiten der Bürger waren nach unseren heutigen Begriffen gering, ihre Pflichten dagegen zahlreich. Sie mußten nicht bloß die Stadt bewachen und bei Angriffen verteidigen, sondern auch die Kriegszüge der Grafen mitmachen und sich für solche Züge allezeit mit Waffen und Mundvorrat gerüstet halten. Nach den Bestimmungen des Koppensteiner Stadtbriefes waren die Wehrpflichtigen nach ihrem Vermögen in drei Klassen eingeteilt. Von der Klasse der Geringbemittelten, die als Fußvolk mitzogen, forderte man, daß jeder zwei Wämser, eine Lanze und ein Schwert habe, die Bessergestellten sollten mit Hrnisch und Schwert, und die Bestbegüterten mußten in voller Rüstung zu Pferde sich stellen.

Viel Zeit und Arbeit erforderte das Instandhalten der städtischen Ringmauer, der Tore, Brücken, Türme und Vorwerke. Die Städte unseres Bezirks hatten in der Regel vier bis fünf Türme. Zwar deckte die Stadt Koppenstein nur ein einziger Turm, die Bürger hatten aber dazu noch die Befestigung zu unterhalten, die am Simmerbach dem Flecken Gemünden gegenüber stand.

Die Baukosten waren oft erheblich, zumal, wenn Kalk und Steine weit her geholt werden mußten. Wenn auch die Stadtherren einen gewissen Zuschuß zur Verteidigung der Stadt auswarfen, auch die teuren Waffen, wie die Handbüchsen stellten, so waren doch die von den Bürgern aufzubringenden Geldsummen und die zu leistenden Arbeiten recht beschwerlich. Oft ließen sich auch auswärts wohnende Leute bereit finden, an den Wehrbauten der Stadt, wie an ihrer Verteidigung sich zu beteiligen. Dafür erhielten sie da Recht, bei Ausbruch der Fehde sich mit ihren Habseligkeiten in die Stadt zu flüchten.

 

Wie die Städte verwaltet wurden.

 

Der Schultheiß hatte für Erhaltung von Ordnung und Recht im Stadtbezirk Sorge zu tragen. Geringere Vergehen verurteilte und bestrafte er. Die Abgaben der Bürger an die Herrschaft zog er ein. Er war der höchste Beamte in der Stadt und wurde vom Grafen ernannt.

Die bürgerliche Rechtspflege war einem Schöffengerichte übertragen, bei dem der Schultheiß den Vorsitz führte. Gerichtet wurde nach landesüblichem Recht. Für einzelne Fälle geben die Stadtbriefe Strafsätze an. So heißt es z. B.: " Schlägt einer den andern, ohne ihn zu verwunden, so soll er 5 Schillinge Strafe bezahlen." Der Stadtbrief von Dill hat den Zusatz: "Wer sich Flüche gestattet, die da allgemein gebräuchlich sind, den soll man in ein Halseisen schlagen, oder ihm 3 Pfund Wachs nehmen für das Geleuht in der Kirche zu Dill."

Die Schöffen waren nicht blos Richter, sie waren auch die Vorsteher der Stadt. Sie hatten über die Ausrüstung der Bürger zu wachen und die Zinspflichtigen zur Entrichtung des Zinses zu zwingen. In Gemeinschaft mit dem Grafen setzten sie die Zölle fest. Da den Schöffen so wichtige Aemter übertragen waren, sochte man sie gegen eleidigung und Verletzungen besonders zu schützen; das Gericht verhängte hohe Strafen über den, der sich gegen einen Schöffen verging. Sie verwalteten ihr Amt lebenslänglich. Starb ein Schöffe, so wählten die anderen, nicht etwa die Bürger den Ersatzmann.

Die Städte außer Dill hatten je zwei Bürgermeister, welche die Bürger aus ihrer Mitte bestimmten. In der älteren Zeit führten die Bürgermeister den Namen Baumeister, weil sie für die Stadtbeuten verantwortlich waren. Sie besorgten das Oeffnen und Schließen der Stadttore und verwalteten die städtischen Gelder.

4. Von Gewerbe, Handel und Verkehr

 

Die Bewohner der Städte des Hunsrücks trieben meist Ackerbau und Viehzucht. Infolge der Märkte nahm auch die Zahl der Handwerker und Gewerbetreibenden in den Städten ständig zu. In keiner aber waren die Handwerker desselben Gewerbes so zahlreich, daß sie eine Zunft bilden konnten, dazu waren die Städte zu klein und die Bedürfnisse der Bewohner nicht allzu groß. Gerber, Pelzmacher, Woll- und besonders Leinenweber fanden nicht allein in den Städten, sondern auch in den Dürfern Arbeit und Verdienst. Stellmacher und Schmiede verfertigten Wagen und Ackergeräte, Messerschmiede stellten sensen, Sägen, Aexte und andere Schneidewerkzeuge her. Die Handwerker hielten in Läden oder auf den Märkten ihre Erzeugnisse feil.

Auch die Bauhandwerker entfalteten in den Städte und hin und wieder auch auf den Dürfern rege Tätigkeit. Noch heute bewundern wir an den Kirchen und zahlreichen alten Häusern ihre Geschicklichkeit in der Ausführung solcher Bauten.

Großer Handlsverkehr hat auf dem Hunsrück nur zeitweise bestanden. Zu Anfang des 15. Jahrhunderts nahmen die Kaufleute, um die vielen und hohen Zölle, die am Rhein erhoben wurden, zu umgehen, für ihre Wagenzüge statt der Wasserstraße des Theines den Weg über den Hunsrück. Weil aber die Inhaber der Rheinzölle, die Kurfürsten von Mainz, Trier und der pfalz daraufhin den Zoll den von den Höhen kommenden Kaufleuten an der Mosel abverlangten, wählten sie wieder den Wasserweg, weil er bequember und sicherer war.

Die Gebietsherren waren immer darauf bedacht, Handel und Verkehr zu heben. So erteilte ein Graf von Sponheim um das Jahr 1400 mehreren Goldschmieden aus Frankfurt die Erlaubnis bei Altley nach Gold, Silber, Kupfer und anderen Metallen zu suchen. Unter Herzog Reichard von Simmern fing man an, bei Mengerschied Schiefer zu brechen, in Altley hatte man schon viele Jahre vorher Schieferbrüche in Betrieb gesetzt.

Die Käufer und Verkäufer, die zu den Märkten zogen, hatten mancherlei Vergünstigungen. Nach dem Stadtbrief von Dill sollte jeder, der auf den Markte komme, zwei Tage vor und zwei Tage nach dem Markte und am Markttage selbst gefreiet sein, d. h. an diesen fünf Tagen durfte ihn nieman dwegen früherer Schuld festnehmen, noch seine Waren mit Beschlag belegen. Anderseits aber wurden Handel und Gewerbe durch hohe Zölle erschwert, sodaß sich das Vermögen der Gewerbetreibenden des Hunsrücks nicht allzu viel ermehren konnte.

 

5. Die Stadt Kirchberg

Kirchberg verdankt seine Bedeutung der Kirche, die sich in seiner Mitte erhebt. Es war der gegeben Ort, an dem am Tage des Herrn die Gläubigen aus dem weit ausgedehnten Sprengel ohne große mühe sich versammeln konnten. Seinen Namen hatte es wohl von dem Kyr oder Kerebach erhalten, der am Fuße des Berges dahinfließt, wie aus älteren Urkunden,k in denen bald Kirperg, bald Kereberc oder auch Kereburc geschrieben ist, hervorgeht.

Um die Kirche bildete sich ein Flecken, der als erster Ort des Husrücks bereits 1249 zur Stadt erhoben wurde. Die in der Folgeheit daselbst abgehaltene Wochen- und Jahrmärkte ließen die Stadt bald an Bedeutung gewinnen. Heringe und Wein, hauptsächlich aber Landeserzeugnisse wie Frucht, Wolle, Flachs und Vieh wurden zum Kaufe angeboten. Die Handwerker hielten Gerätschaften wie Pflüge, Sinnräder, Messer usw. feil. Auf dem Wochenmarkte mußten vom Verkäufer 2 Pfennig, auf dem Jahrmarkt 6 Pfeni Standgeld bezahlt werden. Wer vor seiner Türe verkaufte, braucht kein Zoll zu entreichten. Ebenso waren die Marktbesuher aus den Orten Gehlweiler, Woppenroth, Oberkinr, Schwerbac, Sohrschied, Lindenschied, Gösenroth und Laufersweiler von dieser Abgabe befreit, dafür aber waren die Bewohner dieser Dörfer gehalten, jährlich eine bestimmte Menge Hafer, den Tauchhafer, zu liefern, den die sponheimischen Zollknechte erhoben.

Eine eigentliche Burg war in Kirchberg nicht, wohl aber hatte der Ort mehrere burgartige Gebäude, in denen der Burggraf und andere adelige Dienstmannen wohnten. In diesen Häusern nahmen auch die Grafen von Sponheim Wohnung, so oft sie mit ihren Rittern und Knechten in Kirchberg einritten und mehrere Tage dort verweilten. Oft wurden Kirchberg von inen als Versammlungsort geählt, wenn sie mit anderen Grafen oder Herren Verträge abschlossen. Auch die Erzbischöfe von Trier besaßen in der Stadt ein Burghaus.

Am 31. Oktober 1673 nahm der französische Marschall Tureme die Stadt ein. Weil die Bewohner an der Verteidigung sich beteiligt hatte, wurde die Stadt in Brand gesteckt. Nur die Kirche, in der die Franzosen ihre Pferde unterstellten, und einige andere Gebäude blieben vom Feuer verschont. Kaum aufgebaut, erlitt Kirchberg im Jahre 1689 dasselbe Schicksal. Es erstand aber bald wieder aus seinen Trümmern und wurde 1708 badische Oberamtstadt. Zur Franzosenzeit war es Sitz eines Friedensrichters. Obwohl im letzten Jahrhundert die alten Stadtmauern verschwanden und zahlreiche Neubauten entstanden sind, hat die Stadt ihre mittelalterliche Eigenart zum Teil bewahrt. Die Wohen- und Jahrmärkte haben ihre frühere Bedeutung bis auf den heutigen Tag behalten.

 

6. Die Stadt Simmern

Simmern ist einer der ältesten Orte des Hunsrücks. Zum erstenmal wird es in einer Urkunde vom Jahre 847 erwähnt, als der Nahegaugraf Adalbert seine Güter, zu denen auch Simmern gehörte, einem Kloster in Mainz schenkte. Später gehörte der Ort mit Umgebung den Raugrafen, die eine Zeitland den Erzbischöfen von Trier lehnspflichtig waren. Balduin verlieh Simmern 1330 Stadtrechte. Die Raugrafen verkauften die Stadt an die Pfalzgrafen, die durch die Besitzname ihre feste Herrschaft dort gründeten.

Die Burg Simmern scheint, wie viele Festen der älteren Zeit, anfänglich nur aus einem Erdwall bestanden zu haben, der von einem tiefen Graben umgeben war. Im Jahre 1338 erhielt der damalige Besitzer, Raugraf Georg, vom Erzbischof Balduin Geld, um seine Burg mit Kalk und Steinen aufzubauen. Die Franzosen zerstörten am 17. September 1689 Burg und Stadt vollständig, nachdem bereits im Mai desselben Jahres die Stadtmauern und Türme geschleift worden waren. Das jetzige SChloß wurde 1747 durch Karl Theodor erbaut und von Napoleon der Stadt zum Gerauch überwiesen.

Um Simmern herum zogen sich fast überall doppelte Mauern. Zwischen beiden war, wenigstens um den tiefer gelegenen Stadtteil, ein Graben gezogen, in den aus dem Simmerbach Wasser geleitet wurde. Die Mauern waren von Türmen gekrünt, die ganz verschieden gebaut waren; sie waren rund oder eckig und hatten ein spitzes oder flaches Dach. An Stellen führten Tore in die Stadt, hier standen besonders starke und schöne Türme. Nachts wurden die Stadttore durch mächtige eichene Torflügel geschlossen. Wächter lugten von den Türmen ins Land und meldeten das Herannahen von Kaufmannszügen und feindlichen Streitern.

Innerhalb der Stadt war jedes Fleckchen Erde sorgfältig ausgenützt. Die Gassen waren eng und wanden sich gekrümmt, oft in Sackgassen endend, hin und her; alle waren ungepflastert. Wenn es längere Zeit geregnet hatte, lag der Schlamm kniehoch auf den Gassen. Da fast alle Bürger Ackerbau trieben, lag der Büngerhaufen meistens neben dem Hause an der Straße. Schweine, Ganse und Hühner liefen während des ganzen Tages frei umher. Morgens tutete der Kuhhirt die Herde zusammen und trieb sie aus. Küchenabfälle und Unrat wurden auf die Straße geworfen.

Die Häuser waren einfach gebaut. Sie bestanden aus Fachwerk, ragten mit den oberen Stockwerken über die unteren hervor und verengten die Gassen dadurch oft sehr, daß man kaum den Himmel erblicken konnte. Gedeckt waren die Häuser mit Stroh oder Schindeln, in späteren Jahren auch mit Schiefer. Brach einmal in einem Hause Feuer aus, so breitete dieses sich oft über die ganzen Stadteile aus, die dann bald nur noch ein rauchender Trümmerhaufen waren, aber beinahe ebenso schnell wieder aufgebaut waren. Besonders schön, mit vielen Türmen und Türmschen geziert, war das Schloß. Ein besondere Zierde für Simmern war die prächtige Stephanskirche.

 

7. Von den Juden

Auf den Märkten in den Städten besorgten die Juden die Geldwechselgeschäfte. Sie waren unfreie Leute und gehörten mit ihrem Leib und Gut dem König oder Kaiser. Deshalb führten sie auch den Namen "königliche Kammerknechte." Das Reichsoberhaupt gestattete jedoch im Laufe der Zeit verschiedenen Ständen in ihrem Gebiete eine bestimmte oder beliebige Zahl Juden zu halten. In unserer Landschaft besaßen dieses Recht neben dem Kurfürsten von der Pfalz die Herzöge von Simmern und die Grafen von Sponheim. Graf Walram erhielt 1337 aus besonderer Gnade vom Kaiser Ludwig dem Bayer die Genehmigung, in seiner Grafschaft dreißig Judenfamilien aufzunehmen und sie mit allem Nutzen zu brauchen, wie man den Juden zu Recht tun soll.

Die Juden mußten allerwärts für das Recht Wuchergeschäfte zu treiben und Geld auf Zins auszuleihen, hohe Steuern zahlen. Von den Grafen wurden sie als Saugschwämme betrachtet, die man nachdem sie sich gefüllt hatten, zum eigenen Vorteil ausdrücken könne.

Hatten diese Geld nötig, so wurde einer der Juden durch offene oder verschleierte Gewalt zur Lieferung der vom Grafen benötigten Summe gezwungen. Eine beliebte Weise bestand darin, daß er dem Juden ein abgängiges, wertloses Pferd zuschickte und den Kaufpreis bestimmte.

Es blieben die Juden auch da, wo sie Aufahme gefunden hatten, mancherlei Beschränkungen in bezug auf ihre persönliche Freiheit unterworfen. Mit Christen durften sie nicht zusammenwohnen. Gewisse Orte und bestimmte Straßen waren ihnen als Wohnsitz angewiesen Mancherorts war für sie eine besondere Tracht vorgeschrieben, oder sie mußten an ihrer Kleidung Abzeichen tragen, woran man sie als Juden erkennen konnte.

Wenn einer von inen die Feier der christlichen Feiertage oder den Gottesdienst an Werktagen störte, wurde er sehr strenge bestraft. Oft mußten sie sich das Betreten der Straße versatgen und mit Weib, Kind und Gesinde in den Häusern bleiben. So wird in einem Judenbrief von 1518 vorgeschrieben, die Juden sollen vom Palmsonntag an bis acht Tage nach Ostern, die Pfingswoche, am Fronleichnamstage, die Christwoche und an den Marienfesten sich in den Wohnungen aufhalten. Einer Prozession durften sie weder begenen noch neben ihr hergehen. Jeglicher Grunderwerb war ihnen verboten. Nur ein Stück Land, auf dem sie die Toten begruben, nannten sie ihr eigen. Die Beerdigung mußten sie am frühen Morgen oder späten Abend vornehmen, auf daß kein Christ dadurch behelligt werde.

Oft kam es zu Judenverfolgungen, so als um die Mitte des 14. Jahrhunderts die Grafschaft Sponheim von der Pest heimgesucht wurde. Dem "schwarzen Tod" fielen viele Menschen zum Opfer. In der damals noch kleinen Stadt Kreuznach betrug die Zahl der Toten mehr als 1600. Man beschuldigte die Juden, sie hätten die Brunnen vergiftet, und dadurch sei die Seuche über das Land gebracht worden. Ob der damalige Graf von Sponheim die Juden gegen die Wut der Christen schützte, ist nicht bekannt.

Als um das Jahr 1800 die Franzosen die Leibeigenschaft aufhoben, wurden auch die Juden frei und als gleichberechtige Staatsbürger angesehen. Eine Verfügung der französischen Regierung von 1808 verpflichtete sie zur Annahme feststehender Vor- und Familiennamen. Die Juden des Hunsrücks lebten durchweg in ärmlichen Verhältnissen. Noch um die Mitte des letzten Jahrhunderts waren reiche Juden hier selten. So brachten beispielsweise die zahlreichen jüdischen Familien in Gemünden zum Bau einer Synagoge daselbst, deren Kosten sich auf 3500 Taler beliefen, nur 600 Taler zusammen. Erst mit der Erschließung des Hunsrücks durch Straßen und Eisenbahnen und dem Aufblühen der Landwirtschaft gelangten sie zu Wohlstand.

 

8. Ein Schützenfest

Die Bürger waren verpflichtet, die Städte zu verteidigen. Seit der Erfindung des Schießpulvers übten sie sich fleißig in der Handhabung des "Zielrohres". Die Schützen schossen sich zu Gilden zusammen. Diese Schützenrüderschaften erkoren sich einen Schutzheiligen. Regelmäßig war dies St Sebastian. Eine solche Sebastianusbrüderschaft und Schützengilde bestand auch in Simmern. Die Ortschaften wetteiferten um den Ruhm die besten Schützen zu haben. Zu diesem Zweck hielten sie "Freischießen" ab und luden sich gegenseitig dazu ein. Wie es bei einem solchen Schützenfeste zuging, erfahren wir aus der Kirner Chronik.

Der 26. September des Jahres 1596, ein herbstlich schöner Sonntag. Heute soll in Kirn ein Freischießen stattfinden. Schon vorher, am 8. September, hat der Schultheiß Daniel Schonwalt von Kirn "Die Schützenmeister und gemeinen Schießgesselen" von Meddersheim und Merrheim z diesem Feste eingeladen. Um zehn Uhr vormittags sollen sie sich mit ihren Zielrohren auf dem Markte in Kirn einfinden. Dazu lassen die Merrheimer und Meddersheimer sich nicht zweimal bitten. Pünktlich zur festgesetzten Stunde kommen sie anmarschiert. Seht, wie die seidenen Fahnen wehen, wie Waffen und Seitengewehren der Schießgesellen in der Sonne blinken! Schnell formiet sich der Zug und in guter Ordnung mit Trommeln und Pfeiffern geht’s hinaus zur "Zielstatt", begleitet von Kindern und Alten, die sich ein solches Fest in der Nähe ansehen müssen; denn groß und klein weiß, daß es draußen kurzweilige Spiele und angenehme Unterhaltung geben wird. Wirte und Bäder haben ihre Zelte aufgeschlagen.

Nur Geduld; zuerst muß noch etwas Wichtiges erledigt werden. Auf dem Schützenplatze angelangt, werden aus der Versammlung der Schießgesellen sieben erfahrene Schützen gewählt, die das Amt der Schiedsrichter zu versehen haben, oder wie die Chronik sagt, sie haben "alle fürfallende Mängel und Irrungen zu enscheiden". Bei ihrem Richterspruch bleibt es. Es ist ein wohlernstes Ding um das Schießen! Die Sieben walten auch glkeich ihres Amtes. Die Büchse jedes Schützen wird besichtigt, ob sie den Vorschriften entspricht und ob niemand betrügerliche Kugeln sührt. – Nun kann das Schießen beginnen. Die Schützen treten zu den Ständen. Sechzehn Schuß darf jeder abfeuern auf die 300 Ellen entfernte Scheibe. Wenn ein Schütze in den Stand getreten ist, daf er ihn nicht eher verlassen, bis er seinen Schuß getan hat, mit "abgegürteter Seitenwehr und mit schwebendem Arm" " wie es Recht und Brauch ist. Aber nicht allen glückt´s. Manchmal gebärdet sich das Rohr recht widerspenstig. Wenn einer dreimal angschlagen und kein Feuer hat, ist der Schuß für ihn verloren. Dann gibt’s lange Gesichter!

Mittlerweile hat sich auf dem Festplatz dank des würzigen Bieres und des köstlichen Naheweines die rechte Feststimmung eingestellt. An den Tischen wird wacker gezecht. Die Bürgerfrauen in ihren reichen und bunten Geändern ergehen sich unter schattenspendenden Bäumen hin und wider einen besorgten Blick auf die verdächtig geröteten Gesichter der Gatten werfend. Jubeln und Singen erschallt. Mancher behäbige Bürger, der noch nie ein Schießeisen in der Hand hielt, versucht sich an der Glücksscheibe, wo schöne Gewinne gegen Einsatz von vier Pfennigen erschossen werden können. Aber da gibt´s Löcher in die Luft! Die Kinder treiben allerlei Kurzweil und Allotria. Gaukler bieten geheimnisvolle und scherzhafte Schaustellungen. Ein lebensfrohes, farbenprächtiges Bild. Dazu lacht die goldene Herbstsonne vom blauen Himmel herab und lustig krachen die Büchse. – Allmählich wird es spät. Schützen und Bürger ziehen zur Stadt zurück. Morgen, am Montag, geht es weiter von morgens acht Uhr bis nachmittags vier Uhr. Dann werden auch die Preise verteilt. Derjenige Schütze, der unter den sechzehn abgegebenen Schüssen die meisten Treffer zu verzeichnen hat, erhält zwanzig Gulden Kirner Währung. Zu diesen mußte jeder Schießgeselle achtzehn Albus beisteuern. Den noch fehlenden Rest ergänzten die Siebener. Außer diesem "Ritterschuß" werden noch eine Anzahl von Preise verteilt. Diese Austeilung vollzieht sich unter besonderer Feierlichkeit. Alle Gaben werden den Gewinnern unter klingendem Spiel überreicht. Viele gehen heute leer aus. Sie trösten sich mit dem Gedanken, daß noch mehr ´Schützenfeste kommen werden, bei denen ihnen St. Sebastian mehr Huld zeigen wird