4. Allerlei merkwürdige Kirchen.

Um das Jahr 1000 wurden auf dem Hunsrück die ersten Gotteshäuser gebaut. In der Regel waren es Adlige, die auf ihren Gütern eine Kirche bauen ließen. Dafür erhielten sie in allen Ortschaften, die dort eingepfarrt wurden, den Zehnten, waren aber selbst gehalten für die bauliche Instandsetzung des Gotteshauses, den Gottesdienst selbst und den Unterhalt des Geistlichen sorge zu tragen. Sie wurden Patronen d. h. Beschützer genannt. Die eingegangenen Verpflichtungen und die damit erworbenen Rechte vererbten sich auch auf ihre Nachkommen. Die Pfarreien waren anfänglich, weil es nur wenige Kirchen gab, sehr groß. Den größten Pfarrbezirk umfaßte Kirchberg. Von Schlierschied am Lützelsoon, von Gemünden am Simmerbach, von Keidelheim an der Külz, von Altlay unfern der Mosel und aus allen dazwischen liegenden Weilern und Gehöften wanderten die Gläubigen nach der Kirche auf dem "Kerebergk" d. i. Kirchberg, wenn die Glocken allda den Tag des Herrn verkündeten. Für solch große Pfarreien reichte der Raum in den kleinen Kirchen oft nicht aus. Auch lagen viele Orte weit vom Kirchdorf ab. Um diese Schwierigkeiten, zu beheben, baute man Nebenkirchen. Das ursprüngliche Gotteshaus behielt den Namen Kirche, der sie bedienende Geistliche war der Pastor. Die Tochterkirchen nannte man Kapellen, an diesen nahmen Kapläne die gottesdienstlichen Handlungen vor. Sie waren dem Pastor untergeordnet. In dem Pfarrbezirk Kirchberg wurden nach und nach solche Kapellen in Gemünden, Schlierschied, Dickenschied, Womrath, Denzen, Biebern, Metzenhausen, Oberkostenz, Würrich und Altlay erbaut.

Die alte Kirche in Mörschbach.
Unter den noch bestehenden alten Kirchen des Hunsrücks ist die in Mörschbach die einzige Pfarrkirche, deren Stiftungsurkunde sich erhalten hat. Erbaut wurde die Kirche durch einen in Mörschbach begüterten Edlen Thiedrich. Der Bau eines Gotteshauses war in dieser Zeit keine leichte Arbeit. Bei den schlechten Wegen und der geringen Zahl der Arbeiter hat ein solcher Bau ziemlich lange Zeit beansprucht. Das Gotteshaus hat natürlich damals ganz anders ausgesehen als heute. Schiefer war noch nicht im Gebrauch, Glasfenster waren sehr selten. Im Jahre 1006 weihte der Erzbischof Willigis von Mainz, der auch die Erlaubnis zum Bauen gegeben und den Pfarrbezirk abgegrenzt hatte, die Kirche ein. Ob die Kirchen im Laufe der Jahrhunderte zerstört worden ist, weiß man nicht, möglich ist es, da oft blutige Kämpfe die Gegend verwüsteten. Das heutige Schiff ist im Jahre 1762 erbaut worden. Vielleicht ist der Turm noch der ursprüngliche.

Die Gehinkirche.
Etwas früher, als die Kirche in Mörschbach erbaut wurde, ließ der Erzbischof Willigis auf dem Abhange des Soons nach der Nahe zu in der Nähe des heutigen Dorfes Auen eine Kirche erbauen. Als er diese weihte, nannte er sie "Gehinkirche" und schenkte sie mit allen Zehnten dem Kloster auf dem Disibodenberg. Es ergab sich aber bald, daß die Gehinkirche für die Bewohner der Gehöfte und Weiler, die sich nach und nach in der Umgegend der Kirche bildeten, nicht ausreichte. Willigis fand sich veranlaßt noch eine zweite Kirche in jener Gegend zu bauen. Sie erhielt den Namen "Semendisbach", es ist das alte Kirchlein bei dem Orte Seesbach. Der Pfarrsprengel der Gehinkirche war ziemlich umfangreich. So gehörte das unterhalb Gemünden gelegene Dorf Gehlweiler dazu. Viele Jahrhunderte hindurch haben die Bewohner von Gehlweiler nach der weit entlegenen Kirche ihre Kinder zur Taufe und die toten zum Begräbnis gebracht, bis sie endlich nach vielen Bemühungen dort abgetrennt und in Gemünden eingepfarrt wurden.

Die Stephanskirche in Simmern
Inmitten der Stadt Simmern erhebt sich die alte, ehrwürdige Stephanskirche. Ihr Alter weiß man nicht genau, doch wird sie schon in einer Urkunde vom Jahr 1372 erwähnt. Der jetzige Bau, der mit seinen Spitzbogenfenstern ein Denkmal des spätgotischen Stiles darstellt, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Als im Jahre 1689 die Stadt Simmern von den Franzosen in Brand gesteckt wurde, brannte auch das Dach und ein Teil des Turmes ab. Vierzig Jahre lang war das Gotteshaus nur mit einem Strohdach bedeckt. Neuerdings hat man die Kirche innen und außen so hergestellt, daß sie eine Zierde Simmerns bildet. Treten wir im Geiste in das Gotteshaus ein. Zahlreich sind die Erinnerungszeichen aus Simmerns Vergangenheit. In dem einen Seitenschiffe der Kirche finden wir in einem kapellenartigen Bau, der sogenannten Epitaphiumskapelle, mehrere Grabdenkmäler ehemaliger Herzöge von Simmern. Das bedeutendste ist das Herzog Reichards. Dieser Fürst, der zu Ende des 16. Jahrhunderts lebte, ließ es noch zu seinen Lebzeiten von einem Bildhauer aus Simmern herstellen. Wir staunen über die Feinheit der Darstellung!
Das 8m hohe und 3 1/2m breite Denkmal nimmt fast die ganze eine Seitenwand ein. Den Sockel tragen zwei Löwen. Zwischen diesen sind drei in Stein gehauene Bilder. Es sind Darstellungen der Schöpfung, des Sündenfalls und der Auferweckung des Jünglings zu Naim. Auch der Sockel ist mit biblischen Bildern geschmückt. Der Aufbau enthält die überlebensgroßen Standbilder des Herzogs Reichard und seiner Gemahlin. An den Seiten sieht man die Wappen der fürstlichen Gatten.
Gegen das prächtige Steinbild Reichards verschwinden die anderen kleineren Denkmäler. An einer Wand der Kapelle sehen wir eine Lanze, die der junge Prinz Friedrich im Türkenkriege geführt hat. Auf der Holztafel nebenan steht folgender Vers:


Der Türckisch Kayser Solimann
Thet Asterrich hart greifen an,
Als mann zählt fünfzehnhundert Jahr,
Und zwen und dreysig, glaubt für wahr,
Das Roemisch Reich zog auß mit Macht,
Dardurch er in die Flucht ward bracht.
Diesen Fahn in der Feld-Ordnung
Führt Herzog Friderich der Jung;
Ein Fürst und Erb des Lands nembt wahr,
Sein Alters im achtzehnden Jahr.
Deß mals Er Ritter-Stand erlangt,
Darum derselbig Fahn hier hangt.

In einem Wandschranke werden mehrere Funde aus der Fürstengruft aufbewahrt. Man sieht unter anderem einen wertvollen Dolch in einer Silberscheide, eine goldene Kette und Reste von Fürstengewändern. Unter der Kapelle war früher die Fürstengruft. Leider wurde die Grabstätte im Laufe der Zeit mehreremale verwüstet. Heute sind nur noch zwei Zinnsärge vorhanden, welche die sterblichen Überreste zweier Herzöge enthalten. Man hat die Särge auf der anderen Seite der Kirche in einem Gewölbe nahe der Kanzel untergebracht. Auch außerhalb der Epitaphiumskapelle sind in der Kirche noch mehrere Denkmäler von Fürsten und vornehmen Leuten aus Simmern. Im Chor des Gotteshauses fällt ein farbenprächtig ausgeführtes pfälzisches Wappen auf; weithin sichtbar prangt auf ihm die Jahreszahl 1557, das Jahr, in dem in Simmern die Reformation eingeführt wurde.

Die Kirche in Kirchberg
Den größten Pfarrbezirk umfaßte Kirchberg. Wohl 50 bis 60 Weiler gehörten dazu. Wann das Kirchspiel gegründet wurde, ist unbekannt. Die jetzige Kirche, keinesfalls die erste, welche als Pfarrkirche in diesem Kirchspiel gegründet wurde, stammt aus dem Jahre 1280. Dies wird durch eine Reimschrift bestätigt, welche sich in schlechten Versen in einem katholischen und in einem evangelischen Kirchenbuch aufgezeichnet findet. Sie soll früher an der Kirchenwand aufgeschrieben gewesen sein und lautet: "Auf Sankt Sophien Ferien, ward hingelegt der erste Stein, das ist im Mai den fünfzehnten Tag, wie das zeigt des Kalenders Sag." Johann Beyer von Boppard hat den Bau begonnen. Wo der Marienaltar in der Kirche steht, ist der Grundstein gelegt worden. Die Zeit der Erbauung wird durch die Reimschrift näher bestimmt: "Römischer Kaiser im selbigen Jahr Rudolfus, ein Graf von Habsburg war. Pfalzgraf Ludwig seine Tochter nahm, und dabei auch die Kur bekam. Dessen Sohn demnach auch Kaiser ward, Ludwig der fünft genannt nach Art." Zu Anfang dieser Reimschrift steht, daß in jenem Jahr "dies Gotteshaus erweitert und eine Kirche daraus gemacht wurde." Mithin kann an dieser Stelle vor 1280 eine Kapelle gestanden haben, die pfarrkirchliche Rechte hatte, oder die Pfarrkirche müßte an einer anderen Stelle gewesen sein, deren Lage gänzlich unbekannt ist. (Nach Hardt).

Die Nunkirche.
Von uralten Linden umgeben, erhebt sich in der Nähe des Dorfes Sargenroth die Nunkirche, deren plumper Turm weit ins Land hinaus lugt. Ein kleiner, von einer Mauer umschlossener Friedhof bildet ihre unmittelbare Umgebung. Schon im 13. Jahrhundert wird die dem hl. Rochus geweihte Kapelle als Wallfahrtsort genannt. Ihren Namen, Nunkirche d. h. neue Kirche hat sie erhalten, weil sie zur Zeit ihrer Erbauung die neue Kirche anderen älteren Kirchen gegenüber war. Lange Zeit stand sie in Beziehungen zum Kloster Ravengiersburg. Bei der im Jahre 1706 erfolgten Kirchenteilung wurde sie den Protestanten zugesprochen.
Die eigentliche alte Nunkirche bildet das unterste Geschoß des Turmes. Das war die Wallfahrtskapelle. Die Decken- und Wandmalereien sind zwar im Laufe der Jahrhunderte stark beschädigt worden, aber doch noch erkennbar. Am Gewölbe thront Christus zwischen den vier Evangelisten; an der Wandfläche darüber ist eine Darstellung des jüngsten Gerichtes zu sehen. Die jetzige Kirche gliederte sich allmählich an. Der letzte Teil stammt aus dem 18. Jahrhundert. Ihre weithin sichtbare Lage machte sie von vornherein zu einem Mittelpunkt für öffentliche Angelegenheiten. Dort fand im Mittelalter eines der Hundtgedinge des Klosters Ravengiersburg statt; peinliches Gericht wurde daselbst geübt, und bis auf den heutigen Tag wird in den ersten Tagen des Monats September dort oben großer Markt gehalten.

Der Hunsrücker Dom.
Im Tal des Simmerbachs erhebt sich auf einer steilen Felsenkuppe die Kirche des ehemaligen Klosters Ravengiersburg. Ihre beiden nebeneinander emporragenden Türme künden durch ihre gewaltigen Steinmassen schon aus der Ferne, daß sich dort ein schönes Baudenkmal der älteren Zeit erhalten hat. Wer die Mühe nicht scheut, es aus der Nähe zu betrachten, findet sich in seiner Erwartung nicht getäuscht. Die alten Klostergebäude sind längst der Zerstörung anheimgefallen. Selbst von der Kirche gehören Chor und Schiff der neueren Zeit an. An den Glanz des Klosters erinnern einzig und allein das Portal des Gotteshauses und dessen Seiten, die beiden Türme, auf denen das Auge des Beschauers mit besonderer Aufmerksamkeit weilt.

Die Türme stammen aus der zweiten Hälfte des zwölften und dem Anfange des dreizehnten Jahrhunderts. Sie sind durchweg im Rundbogenstile, dem sogenannten romanischen Baustile ausgeführt. Die Türme steigen in mehreren Stockwerken auf, die durch schön gearbeitete Gurtgesimse und Friese geziert sind. Sie endigen in einem mit Schiefer gedeckten Helme, der die Form einer vierseitigen Pyramide hat. Während der nach Norden gelegene Turm, von einigen Ausnahmen abgesehen, nur runde Bogen aufweist, ist der andere von spätromanischen Formen durchkreuzt. Die Boten zeigen die gedrückte Spitzenbogenform. Sehr schön ausgeführt ist die Verbindung der beiden Türme. Unter diesem Gange sehen wir eine in Stein gehauene Figur des segnenden Heilandes. Er hat das Evangelienbuch in der Hand. Die Symbole der vier Evangelisten beleben das Ganze. Um das Bildnis stehen in lateinischer Sprach die Worte: "Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken". Sehr beachtenswert ist auf dem südlichen Turme eine Darstellung des gekreuzigten Christus. Er ist ganz bekleidet und trägt eine Königskrone auf dem Haupte. Als Stützpunkt dient den Füßen ein Drachen. Im ersten Stockwerk der Türme ist ein romanisches Betzimmer gut erhalten. Dort, wo der Altar stand, findet sich noch ein Weihwasserbecken in schönem Schuppenornament. An die Türme schloß sich ursprünglich eine dreischiffige romanische Kirche an. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts war sie bis auf die beiden Türme, die jeder Gewalt trotzte, zerstört. Der Wiederaufbau begann um das Jahr 1490. Man baute damals im Spitzbogenstile, dem gotischen Stile, das neue Kirchenschiff auf. Die schönste Arbeit aus dieser Zeit ist der Kreuzgang auf der Südseite der Kirche, den die gleichzeitig errichteten Klostergebäude von drei Seiten umschließen. Von dem Kreuzgang stehen nur noch die Pfeiler und Bogen der inneren Wand. Einst war er überwölbt, wie die Gewölbeansätze an den Mauern der Kirche noch andeuten. Heute überdeckt ihn nur ein Dach. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts waren Kirche und Kloster abermals Ruine. Bedeutende Reste des gotischen Baues aber sind erhalten geblieben. Die Wiederherstellung geschah nach der Bauweise der damaligen Zeit im Renaissancestil. Eine sehr schöne Arbeit ist der mächtige Hochaltar, der im Jahre 1722 vollendet wurde. Die Holzfiguren des Altars, besonders der überlebensgroße Christus, sind von guter Zeichnung und äußerst fein ausgearbeitet. Den Altar ziert ein schönes Gemälde des Schutzheiligen der Kirche, des hl. Christophorus. Auch die Seitenaltäre, Kommunionbank, Kanzel, Empore und das Orgelgehäuse sind wertvolle Stücke, die sich über die gewöhnlichen Arbeiten jener Zeit weit erheben. Der Name des Klosters und des gleichnamigen Ortes wird hergeleitet von dem Grafen Ravenger, der dort im 10. Jahrhundert eine Burg bewohnte. Der Burgbrunnen inmitten des Kreuzganges und das mächtige Kellergewölbe des jetzigen Pfarrhauses erinnern noch heute an diese Zeit. Eine Grabinschrift im Innern des Kirchenschiffes berichtet, daß Graf Berthold und seine Gemahlin Hedwig 1074 dort beigesetzt worden sind. Dieser Graf Berthold war der letzte Burgbewohner. Er schenkte sein Besitztum dem Erzbischof von Mainz. Dieser gab die Erlaubnis zum Bau einer Kirche daselbst, die dem heiligen Christophorus geweiht ward. Bald darauf erfolgte auch die Gründung der Augustinerabtei. Kirche und Kloster fielen in den Kriegsstürmen der Zeiten manches Mal Verwüstungen anheim. Obwohl oftmals zerstört, erhob sich das Gotteshaus immer wieder aus seinem Schutte. Als im letzten Jahrhundert der Einsturz der Türme drohte, wurden sie mit mächtigen Stützmauern versehen und die vorhandenen Risse im Mauerwerk gründliche ausgebessert. Der Hunsrücker Dombau-Verein sucht durch Bereitstellen von Mitteln zur Erhaltung des altehrwürdigen Gotteshauses mit beizutragen.

 

5. Die Wernerlegende.
Im Jahre 1273 wurde in Womrath ein Knabe geboren, der in der hl. Taufe den Namen Werner erhielt. Der Knabe wuchs heran und zeichnete sich durch Frömmigkeit und Tugend aus. Leider starb der Vater früh, und die Mutter vermählte sich darauf zum zweitenmale mit einem Manne, der wohl einen straffgefüllten Beutel Geld, aber kein Herz voll Liebe ins Haus brachte. Er behandelte Mutter und Kind auf härteste Art. Die Behandlung wurde schließlich derart grausam, daß dem Knaben Werner nichts anderes übrig blieb, als das elterliche Haus zu verlassen. Flüchtigen Fußes wandte er sich nach Steeg bei Bacharach, wo seine Mutter Verwandte besaß. Bei diesen hoffte er liebevolle Aufnahme zu finden. Aber der Weg war weit und führte auf schlechtem Pfade durch tiefe Wälder. Es war kein Wunder, daß sich der Knabe in der Wildnis verirrte. Geplagt von Hunger und Durst und ach, so müde, suchte Werner seinen mühevollen Weg. Manch Stoßgebetlein schickt er hinauf zu dem, der den Weisen ein rechter Vater ist. Endlich fand er Hirten, die in jener Gegend ihre Herden hüteten. Gern teilten dies mit ihm den letzten Bissen, aber einen erquickenden Trunk konnten auch sie ihm nicht bieten. Keine Quelle und kein Wässerlein war in der Nähe. Was tut da der fromme Knabe? Gläubigen Herzens steckt er seinen Stab in die Erde, und siehe: dem ausgetrockneten Boden entspringt plötzlich ein klarer, lebendiger Quell, ihm und den Hirten zur Labung. Noch im fünfzehnten Jahrhundert wurde in der Nähe von Bacharach ein Brünnlein gezeigt, das den Namen Wernerquelle trug und das man für jene Quelle hielt, die der Knabe durch ein Wunder aus der Erde hervorgerufen habe. Von den Hirten auf den rechten Weg gewiesen, langte Werner bald in Steeg an, und alle Leiden schienen nun ihr Ende gefunden zu haben. Aber hier erlebte er eine bittere Enttäuschung. Die ihm Hoffnung waren und Stütze sein sollten, nahmen sich seiner nicht an. Seine Verwandten mit Namen Schmalz und Johannes Becker wiesen dem Knaben die Türe. Was nun tun? Endlich fand Werner bei einem Winzer namens Breitscheid Dienst und Unterkommen. Für kargen Lohn mußte er Dünger in die Weinberge tragen. Es ist wohl zu verstehen, daß Werner unter diesen Umständen nicht lange in Steeg blieb. Er begab sich bald nach Urbar und von da nach Oberwesel. Hier wurde er von Juden bei Anlegung eines neuen Kellers mit Erdetragen beschäftigt. Während dieser Zeit nahte das Osterfest heran und damit auch die Stunde, da er von dieser Erde scheiden sollte. Am Gründonnerstage des Jahres 1287 hatte der fromme Knabe seine österliche Kommunion empfangen. Als er nun in das Haus des Juden, bei dem er in Diensten stand, gekommen war, sei er, so erzählt die Legende, von diesem und dessen Freunde ergriffen worden. Man hätte ihm dann eine Kugel in den Mund gesteckt und ihn mit dem Kopfe nach unten an eine Säule aufgehängt in der Absicht, ihn der Hostie, die er empfangen hatte, zu berauben. Als ihnen das nicht gelang, hätten sie ihn auf schreckliche Weise getötet. Damit von dem Mord niemand erfahre, habe man den Leichnam des Nachts in einem Kahn gen Mainz fahren wollen. Aber die Mörder kamen nur etwa eine Meile weit. Eben bricht der Tag an, und die Furcht, den Körper ohne Gefahr nicht weiter schaffen zu können, ist so groß, daß sie landen und den von Blut und Wunden entstellten Leichnam im Gestrüpp verbergen. Hier wurde er gefunden. Die Wächter des Fürstenberges erzählten, sie hätten gegen Morgen einen hellen Lichtglanz über den Hecken strahlen sehen. Die Leiche des armen Knaben wurde in die Kapelle des hl. Kunibert nach Bacharach gebracht und dort feierlich beigesetzt. An Stelle dieser Kapelle erhob sich später eine stattliche Kirche, die dem jugendlichen Heiligen geweiht wurde. Heute sind nur noch die Ruinen dieser Wernerkirche zu sehen. An dem Orte, wo man den Leichnam des Knaben gefunden hatte, wurde das Kloster Windelsbach erbaut, dem man auch den Namen "Haus des hl. Werner" beilegte. Auch hiervon sind nur noch kärgliche Mauerreste übrig geblieben. In Womrath, dem Geburtsorte Werners, ist ebenfalls eine Wernerkapelle, die ein schönes, altes Altarbild des Heiligen schmückt.

 

6. Die Wallfahrt zum Räzenborn.
In der Klosterkirche zu Spabrücken hängt ein wundertätiges Marienbild. Alljährlich wallfahren viele Katholiken dorthin, um vor diesem Bilde zu beten. Schon in alten Zeiten kamen von weither, aus dem Hochwald, von der Mosel, ja selbst aus der Eifel Pilger, um in SpabrückenTrost und Hilfe zu suchen. Die Prozessionen nahmen ihren Weg über den Hunsrück, an Riesweiler vorbei. Im Schatten großer Bäume wurde bei diesem Orte Halt gemacht. Am frischen Quell labten sich die müden Pilger. Rottmann weiß und von diesem Borne folgende Sage zu berichten:

Nau kimmt aag vor alde Zeire
Aus der Aefel dief eraus,
Mit der Präzession en Mutter
Unn ruht an dem Bore aus.

Bärwes warsche her geschlockert,
Weirer aß wie zwanzig Stunn,
Unn ehr waiche Ries, die ware
Vunn de Stähn im Weg verschunn.
Uff dem Wasem in de Hecke
Schläft se an dem Bore inn,
Hott gewacht so viele Naaged
Bei em kranke, liewe Kinn,

Bis der Dokter zickt die Schiller:
"Menschehillef iß am Enn!"
Httse noh der Heilig Mutter-
Gottes uff de Weg sich genn.
Nitt vor alles Geld unn Gierer
Httse jo ehr Kind verlos ;
Awer dorimm kunnt se´t ruhig,
Dannehr Glavce, der war groß.

"Ach, die ehre Suhn hott stehrwe
Siehn am Kreitz, die kennt deh Schmerz
Unn die muß sich jo erbarme
Ihwig´t preßhaft Mutterherz."

In dem Schatte um de Bore
Honn de Wallfahrtsleit geseß
Unn honn Woorscht unn Schwardemahe
Waffele unn Ddorrflaisch geß.

Harre Korzweil mierenanner,
Wie datt an der Ruhblatz geht;
Dann es werd im Gehn ja norest
Mitgesung unn vorgebet.

"Allo uff! In Gottes Name
Weirer!" rieft en alder Mann:
Unn gehorsam ehrem Fehrer
Ißn en Jeres uffgestann,

Unn mit Singe unn mit Beere
Zieht nau weirer Klän und Groß,
Vor die aarem Mutter honnse
Aus Versiehn serick geloos.

Awer ach! Die war glickseelig!
Dann die Himmelskieniginn
War mit freindelichem Winke
Ehr zum Troost im Dram erschien.

Unn die segend nau de Bore,
Wie in der Quademberzeit
Feierlich in uhser Kehrig
Salz vum Priester werd geweiht.

"Nemm de Lohn vor Deine Glawe,
Vor dei Kind hie Arzenei!"
Spricht st unn zeiht uff die Bore.
Do war Dram unn Schloof verbei.

Unn mit helle wache Aue
Guckt die Mutter noh der Quell,
Sieht en Strahl eraser zucke,
Wie vum Mond so mill un hell.

Unn sie fillt ehr Pilierfläschche,
Geht serick noch in der Stunn,
Dann ehr Mierigkeit war danne
Unn ehr Fies nittmeh verschunn.

Unn sie findt am Krankenbettchen
Ehre Mann im diefste Lääd,
"Mutter!" rieft er, arem Mutter,
Ewe iß Dei Kind verschäd."

Awer ruhig, wie der Glawe
Norst elähn ähm mache kann,
Sprenzt se mit dem Borewasser
Gangs ehr scheindod Kinnche an.

Unn et zuckt em imm dett Meilche,
An dem Kälsche, an der Hand,
Unn sei Aue gläze wierer,
Noch der Mutter hin gewndt.

Die hiehlt Willig in den Leffel,
Duht vumm Wasser aag eninn,
Unn in de drei hechste Name,
Gittse datt dem Kinnche inn.

Kniet unn bet en Ave Maria,
Lobt unn dankt mit Herz unn Munnd,
Unn in vier und Zwanzig Stunne
War ehr ähnzig Kind gesung.

Hoordig wie der Wind die Woke
Treiwe dut vunn Land zu Land,
Weerd datt Wunner vunn dehm Brore
Weit unn ihwerall bekannt.

Unn vunn alle Seire kumme
Ganze Schoore naund erbei,
Unn mit Räze uff dem Buckel
Hule se do Arzenei.

Weil m´r naunder an dem Bore
Tuschur Leit mit Räze sieht,
Horr er dann am Enn de Name
"Maria-Räzeborte" krieht.

 

Viele Jahre später wurde wieder einmal ein krankes Kind durch das Wasser des Bornes geheilt. Um der Himmelskönigin zu danken, erbaute der Vater des Kindes an dem Brünnlein eine Kapelle, die am Pfingstmontag eingeweiht wurde.

 

Feierlich mit Kreiz unn Fahne
Ziehe Präzessione aus
Vunn Altsiemere, vunn Schnorrbach

Unn vunn Räverschburg eraus.
Nummedags, wie in der Kehrig
Dienst unn Ferie war verbei,
Hert m´r vunn Rieswiller danne
Vigeline unn Schallmay.

Mit geback´ne Steiß die Bue
Unn die Määd mir ´m Blumekranz
Im die Kepp erimmer ziehe
Naunder lustig zu dem Danz.

Unn vunn Kiderich, en Doref,
Datt elo im Ringga leit,
Kimt en Aremit eriewer.
Der aß Priester war geweiht.

In die Armidaasch eninner
Zieht er, wo die Kehrig steht,
Unn en Weiher unn en Gaarde
Hott er sich lo angeleht.

Unn die Präzessione ziehe
Alle Johr uff Pingste aus
Moorjets noh dem Räzebore
Un dem zwette Daag enaus.

Unn zu Rieswiller die Keerb
Wird seitdem noch furt gehall;
Doch mit Armidaasch unn Kehrig
War et lärer frieher all.

Die Franzose,die so mannig
Kehrig wie Altar verheert,
Honn jo Anno sechs unn neinzig
Aag die Kehrig demelert.

Nor det Meßbuch, wo der Brurer
Aremit eninn geschireb,
Iß elän zum Angedenke
In der Siem´risch Kehrig blieb.