Zwei Gespräche

(Reinick)
Es war ein heiterer Frühlingsmorgen, ich stand im Dorfe
auf dem Kreuzweg,
wo das kleine Brückchen rechts gleich in die Schule führt,
der größere Fußsteg
aber links nach der Wiese sich fortschlängelt. Da hört
ich, wie zwei Knaben
folgendes zu einander sprachen:
Guten Tag, Karl---
"guten Tag Michel!"---
Wo gehst du hin, Karl?---
"in die Schule, Michel!"

Ei was! In der Schule ist´s garstig, da muss man lernen,
draussen auf der Wiese sollst
Du einmal sehen, da ist es hübsch. Komm wir wollen spielen, Karl! ---
"am Abend, Michel! Jetzt geh´ ich lernen. Ade!"
Meinetwegen, geh du arbeiten, Karl, ich gehe spielen. Ade!---
Nach zwanzig Jahren stand ich in demselben Dorf an derselben Stelle.
Es war ein böser kalter Wintertag. Ein blasser, ärmliche gekleideter Mensch klopfte
an die Türe des Schulhauses an. Der Schullehrer, ein rüstiger stattlicher Mann,
öffnete diese. Ich hörte die beiden folgendes sprechen:

Guten Tag, lieber Herr!
" guten Tag, lieber Mann!"
Erbarmt euch meiner lieber Herr!
"was verlangt ihr denn von mir?"
Arbeit, Herr! Ich will euch die Schulstube fegen, ich will euch
die Öfen heizen oder
andere Dienste der Art tun. Nehmt mich auf!
"könnt ihr nicht noch andere Arbeiten tun als die?"
Nein, Herr! ---
"warum denn nicht?"
Ich habe nichts gelernt!
"wie heisst ihr?"
Ich heisse Michel, Herr!
"kommt herein, Michel, draussen ist´s heut garstig, in der
Schulstube ist´s schön.
Da werdet ihr hoffentlich auch noch jetzt etwas lernen." ----
Sie gingen hinein, und die Türe ward wieder geschlossen. Der
um Arbeit bettelnde Mann
wusste in jenem Augenblick noch nicht, wer der freundliche
Schullehrer war.
Wir wissen es besser


Den Knaben stört es nicht,
zum Apfelbaum er spricht:
"Erst laß mich fertig sein!"

Da endlich ist er fertig;
schnell packt er seine Bücher ein
und läuft hinaus zum Garten
Juchhe! Wie lacht der Sonnenschein!

Das Bäumchen wirft ihm Äpfel zu,
der Vogel singt und nickt ihm zu.
Der Knabe springt vor Lust
und jauchzt aus voller Brust;
jetzt kann er lustig sein!