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Geld macht sexy
Hunsrücker findet man überall auch in Südamerika
Die Hunsrücker Folkloregruppe 1997 Rheinböllen besucht den fernen Kontinent auf den Spuren der Auswanderer aus unserer Heimat – Ein Reisebericht
von Volker Conrad

176 Jahre ist es her, dass deutsche Emigranten Fuß auf brasilianischen Boden setzten. Unter den zahlreichen, die seit dem den Süden des südamerikanischen Kontinents bevölkerten, zählten auch eine nicht unerhebliche Zahl von Hunsrückern, die ihr Glück jenseits des Atlantiks versuchten.

Als Beginn der deutschen Besiedlung des Bundesstaates Rio Grande do Sul kann man das Jahr 1824 annehmen, als die ersten Deutschen in einer ehemaligen Flachs-Hanffabrik im heutigen Sao Leopoldo auf die Zuteilung des versprochenen Siedlungslandes im Süden Brasiliens warteten.

Die Gründe für die Auswanderung waren vielfältig, zählt man doch mehrere „Auswanderungsphasen“ bei der Besiedlung des südamerikanischen Kontinents im 19. und 20. Jahrhundert. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war das Territorium, das man später als Deutschland bezeichnete, durch die Napoleonischen Kriege verwüstet und ins Chaos gestürzt. Familien mit 8 oder mehr Kinder waren zu Beginn der Industrialisierung keine Seltenheit, die Arbeitskraft war billig, der Verdienst mager. Die Hungersnöte und die politische Lage erleichterten vielen den Entschluss, die Heimat zu verlassen und ein neues Leben zu beginnen. Die brasilianische Regierung lockte mit der Vergabe von Land, Religionsfreiheit, Verleihung von Bürgerrechten, sowie Werkzeug und Vieh.

Im 20. Jahrhundert kamen aus Deutschland jene, die aus politischen Gründen die Heimat verlassen mussten. So wurde beispielsweise die Stadt Rolandia von in den 30er Jahren emigrierten Juden gegründet. Seit dem Ende des 2. Weltkrieges vermehrte sich die Einwohnerzahl des Ortes um jene Deutsche, die Deutschland aus „politischen“ Gründen verlassen mussten, so wie sie selbst ihre Täterrolle umschreiben.

Auch Deutsche aus der Sowjetunion, meist frei-evangelischer Glaubensrichtung, die vor den stalinistischen Säuberungen flohen, gründeten Siedlungen in Brasilien.

Zwischen erster Auswanderung und dem Heute liegen über 175 Jahre, in denen sich diesseits und jenseits des Atlantiks einiges verändert hat. Dennoch bestehen immer noch freundschaftliche Bande zwischen Hunsrückern und den Nachfahren der Auswanderer, die im vergangenen Jahrhundert den Süden des südamerikanischen Kontinentes besiedelten und urbar machten.

Nach der ersten Rundreise durch Brasilien im Jahre 1997 machten sich im Jahr 2000 33 Hunsrücker aus Rheinböllen, Ellern und Umgebung auf den Weg nach Südamerika, um zum einen die Hunsrücker Kultur zu präsentieren, zum anderen Kontakte zu knüpfen und die Kultur des Landes kennen zu lernen. Nach etwa 33.000 Kilometern und Stationen in vier südamerikanischen Ländern ist die Gruppe zurück gekehrt und weis vieles zu berichten.

Anstrengend war die Reise, und das aus gutem Grund. Nicht nur Brasilien wurde bereist, sondern auch der Staat Chile. Zudem machten die Reisenden einen Abstecher nach Argentinien und Paraguay.

Der Einladung, die deutschen Auswanderer bzw. deren Nachfahren zu besuchen, kam die Gruppe gerne nach und machte sich auf den sehr weiten Weg in den Süden Chiles, zunächst nach Osorno, wo man nach über 30-stündiger Reise direkt zum Auftritt in ein Einkaufszentrum eilte. Dieses recht große und moderne Einkaufsparadies bot natürlich eine große Bühne für ein interessiertes Publikum, das sich sowohl aus Deutschen aber auch aus Chilenen zusammen setze.

Deutsche Auswanderer haben der Region um den Lago Llanquihue ihren Stempel aufgedrückt. Nicht nur, dass die Landschaft verblüffend unserer Heimat gleicht, mit den Wiesen, Feldern, Hecken und Bäumen, den Bergen müsste man nur noch deutsche Namen verleihen, schon wäre die Illusion perfekt. Auch sonst stößt man immer wieder auf Spuren, die Deutsche hier hinterlassen. Neben deutschen Namen, die immer wieder ins Auge fallen, ist die Region bekannt für die guten Metzgereien, deren Fleisch- und Wurstwaren für eine gute Qualität bürgen. Hier und Da erblickt man den Bundesadler, sei es auf Feuerwehrautos oder an Vereinshäusern.

All das Augenscheinliche, so war immer wieder festzustellen, darf den Blick nicht verstellen, dass das Deutsche auf dem Rückzug ist. Die deutsche Sprache wird kaum noch gepflegt, erst recht nicht bei der jüngeren Generation. Und die vorhandenen deutschen Schulen z.B. in Puerto Montt haben zwar einen großen Zulauf, doch nicht weil hier in deutsch unterrichtet wird, sondern trotz des Deutschunterrichtes. Selbst der Direktor der Schule musste eingestehen, dass es einfach die Qualität der Schulbildung ist, die für volle Klassen sorgt, da wird auch das „Übel“ in Kauf genommen, dass die Kinder Deutsch lernen müssen.

Neben den Zuschüssen aus Deutschland finanziert sich die Deutsche Schule aus dem Schulgeld, das die Eltern selbst aufbringen müssen. Dieser monatliche Betrag von 90.000 Pesos (das entspricht umgerechnet 360,-- DM) erscheint vielleicht recht wenig, doch durch das wesentlich niedrigere Einkommensniveau in Chile ist das Schulgeld für viele Familien ganz einfach nicht finanzierbar.

Die Hunsrücker wurden in der Schule wie Exoten bestaunt und die Darbietung wurde von den 950 Schülern mit großer Begeisterung verfolgt. Einige Altersstufen präsentierten mit schwarz-rot-goldenen Emblemen auf den Pullovern Ihre Verbundenheit.

Das wohl beeindruckendste Erlebnis, das die Reisenden mit aus Chile mit nach Hause nahmen, war die Fahrt über die Insel Chiloé, einem Eiland, das wenige Kilometer von der Küste entfernt im Pazifik gelegen ist und zu den schönsten Ecken dieses südamerikanischen Landes zählt, so sagt man.

Horst Geogi, dessen Karriere in den 60er Jahren in Hamburg als Rockmusiker begann, und den es als Konsul, Lehrer und Schulleiter vor 25 Jahren nach Chile verschlug, hat nun seinen Traum verwirklicht und er widmet sich nunmehr dem Natur- und Artenschutz in seiner neuen Heimat. Dabei erfüllt er, zusammen mit seinem Team die Aufgaben, die normalerweise dem Staat obliegen: An der Küste der Insel Chiloé liegt ein einzigartiges Natur- und Landschaftsparadies, in dem bedrohte und seltene Arten eine letzte Rückzugsmöglichkeit fanden. Neben Delfinen, Seelöwen und Seeottern ist besonders die Vogelwelt von Bedeutung. Etwa 250 Humboldt- und 700 Magellan-Pinguine beherbergt diese Kolonie, daneben konnten die Gäste aus dem Hunsrück auf einer Schlauchboot-Tour an der Küste entlang auch Kaiser-Pinguine, die Aranca-Seegans und drei verschiedene Kormoran-Arten bewundern.

So wunderbar, wie diese Landschaft mit Ihrer Fauna und Flora ist, genauso bedroht ist sie auch. Überfischung, Zerstörung durch unkontrollierten Tourismus oder illegaler Fang von geschützten Arten sind nur einige der Gefahren. Chiles letzte Urwälder werden immer noch zu Holzchips geschreddert, um als billiges Computerpapier in Japan verschwendet zu werden. Was danach kommt, ist umso erschreckender: Monotone Eukalyptus-Wälder oder Ödland, auf dem sich rasend schnell ein Neophyth Oberhand ergreift: der spanische Stachelginster, der ganze Landstriche mit seinem gelben Blütenmeer prägt.

Einen kleinen Einblick konnte man schon in den 5 Tagen Chile gewinnen, auch wenn es nur in einer kleinen Ecke des Landes war, Chile, das arme und reiche Land, das schöne, aber auch hässliche Land. Wo es neben verdreckten Ramschläden Luxusgeschäfte gibt, wo man vor Schönheit der Natur das Atmen einstellen möchte, aber auch das Elend, der Niedergang der Städte entsetzt.

Von Chile aus reisten die 33 Hunsrücker mit einem nicht so ganz erfreulichen Souvenir nach Buenos Aires: Montezumas Rache hatte zugeschlagen und bescherte nicht nur verstimmte Mägen, sondern ließ den Verbrauch von „Immodium akut“ enorm in die Höhe schnellen. Argentiniens Hauptstadt präsentierte sich von seiner Schokoladenseite: Sonne und Wärme, war genau das Wetter, was sich Hunsrücker von Südamerika vorstellten und sich nach dem verregneten Chile sehnten. Mit zahlreichen alten Prachtbauten aus der Blütezeit um 1900 schmückt sich die Stadt am Rio de la Plata. Vor 100 Jahren war es in Buenos Aires chic, in Häusern zu leben, die französischen Schlössern, Pariser Wohnhäusern oder italienischen Villen gleichen. All der Prunk wurde eigens aus Europa importiert, finanziert durch den Profit aus dem Rindfleischverkauf. Zum Pflichtprogramm gehörte es ganz einfach, zumindest ein Teil der Sehenswürdigkeiten der Stadt zu bewundern. Zahlreiche alte Kirchen, das Italiener-Viertel am Hafen mit all seinen alten, bunten Häusern, der Prominenten-Friedhof und der Regierungspalast waren nur einige der Attraktionen, die den Hunsrückern noch lange im Gedächtnis bleiben werden.

Von Argentinien aus sollte die Fahrt nach Brasilien gehen, wo dann ein 14-tägiges Programm auf die Folkloregruppe wartete.

Die Ankunft in Brasilien war für die Hunsrücker Folkloregruppe ein Abenteuer für sich. Man rechnete mit einer Landung in Foz de Iguacu in Brasilien, doch der Flieger setze bereits auf argentinischer Seite in Iguazu zur Landung an. Auf brasilianischer Seite wartete bereits der Bus (vergeblich) auf die Ankunft der Reisenden. Mit freundlicher Hilfe des Flughafenpersonals, das den brasilianischen Flughafen informierte und dem in Iguazu angemieteten Bus traf man sich dann auf der argentinisch-brasilianischen Grenze.

Gelernt haben die Hunsrücker viel. Erstens: Es ist nicht unproblematisch, in der Zeit der Kommunalwahlen und kurz danach in dieses Land zu reisen. Zweitens: Man muss sehr flexibel sein. Denn: Ursprünglich war die Gruppe in Marechal Candido Rondon eingeladen, doch der derzeit amtierende Bürgermeister hat die Kommunalwahl verloren und sagte als „Strafe“ für die Bevölkerung das dortige Oktoberfest kurzerhand ab, bei dem die Hunsrücker Gruppe auftreten sollte. Doch im Nachbarort Pato Bragado freute man sich auf den Besuch aus Deutschland und nahm die Gäste kurzerhand auf, denn auch in diesem Ort feierte man just an diesem Wochenende ein Oktoberfest.

Zu einem Oktoberfest gehören drei wichtige Dinge, das ist Bier, gefolgt von ohrenbetäubend lauter Musik (so laut, dass man sich nicht mehr unterhalten kann) und dem Tanz. Mit dem angeborenen brasilianischen Rhythmus, der offensichtlich jedem dort in den Adern steckt oder den er mit der Muttermilch aufgenommen hat, kann der Brasilianer nichts anderes als beim Ton der Musik sich durch den Saal drehen oder hinreißend-erotisch über die Bühne wirbeln. Die zahlreichen Tanzgruppen in Brasilien zeugen davon, dass Jung und Alt, quer durch die Bevölkerung, zu deutscher Volksmusik ebenso wie zu Gaúcho-Gesängen solch phantastische Tänze darbringt, dass wir Deutschen nur noch staunen können.

Der Ort Pato Bragado ist in der unmittelbaren Nähe des Itajpu-Stausees gelegen. Der Rio Parana (der zwischenzeitlich in diesem Abschnitt den Namen Itajpu führt) wurde zur Erzeugung von Wasserenergie zu einem gigantischen Stausee aufgestaut. Unzählige Quadratkilometer fruchtbares Land verschlang der See, Äcker, Wiesen, Felder und Ortschaften verschwanden in den Fluten. Als Ausgleich für das versunkene Land erhalten die Anliegergemeinden von der Itaipu-Gesellschaft monatliche Entschädigungszahlungen, die wie in Pato Bragado zu einer Entwicklung des Ortes beitragen. Neubaugebiete, zentrale Wasserversorgung, ein neues Rathaus und ausgebaute Straßen zeugen von dem neuen Reichtum der Gemeinde. Die Landwirte bauen hier neben Weizen und Mais vor allem Maniok und Süßkartoffeln an und manch ein gestohlener Traktor ist des Nachts schon über den Itaipu ins benachbarte Paraguay geschifft worden.

Von Pato Bragado ist es eigentlich ein Katzensprung zu den Wasserfällen von Iguacu, jenen größten und imposantesten Wasserfällen der Welt. Viele der Hunsrücker hatten die Wasserfälle bereits vor drei Jahren gesehen und dennoch war es wieder aufs Neue faszinierend, wie abertausende Kubikmeter Wasser pro Sekunde herabtosen und nicht nur die Luft mit einem feinen Wassernebel überzog, sondern auch mit einem Rauschen durchdringt, das man auch heute ganz leise noch im Hinterkopf hat. Die Tier- und Pflanzenwelt ist hier einmalig. Zahlreiche Orchideen, Bromelien und Schmetterlinge hatten ihr Festtagskleid angelegt, Echsen lugten hinter Baumstämmen hervor und Nasenbären warteten ungeduldig auf die Hunsrücker Touristen (weil diese so leckere Kekse in Ihren Taschen mit sich führten) und verfolgten den ein oder anderen bis an den Bus.

Die Gastfreundschaft der Deutschbrasilianer sucht ihresgleichen. Liebevoll wurden die Hunsrücker in die Häuser aufgenommen, sei es in Santo Christo, Alto Feliz, Marata und all den anderen Orten. Da wurde das beste Essen aufgetischt und jeder musste erzählen: vom Hunsrück, von Deutschland und von Gott und der Welt.

Den wohl herzlichsten Empfang erlebten die Reisenden in Sao Martinho. An der etwas außerhalb gelegenen Tankstelle empfingen die Deutschbrasilianer die Hunsrücker mit Böllerschüssen, Blasmusik und gegrillten Würstchen. Nach Verabschiedung des Dekretes über die Aufnahme der Hunsrücker Folkloregruppe (Verleihung der Ehrenbürgerschaft) und der Überreichung des symbolischen Ortsschlüssels ging es zu einer Rundfahrt durch den Ort. Eskortiert von der Polizei fuhren die Hunsrücker mit Fahnen, Blasmusik und viel Tamtam durch bald jede Gasse des Städtchens. Brasilianer und Hunsrücker fielen sich in die Arme, tanzten auf der Straße, es war eine Stimmung, als ob Weihnachten und Osten zusammen mit Pfingsten auf einen Tag gefallen wären. Man kann dieses Erlebnis nur schwer in Worte fassen, bleibt es allen Reisenden doch noch lange in Erinnerung und beschert immer wieder eine wohlige Gänsehaut.

Auf die Hunsrücker Abstammung legt man großen Wert. Wie oft haben wir Hunsrücker den Satz gehört: „Unsere Vorfahren kamen aus dem Hunsrück...“ Das Wissen hierüber entstammt konkreten Erlebnisberichten der Groß- oder Urgroßeltern der heute alten Generation, die die Aufbaujahre und z.T. die Auswanderung noch miterlebten. Doch auf die Frage, aus welchem Ort im Hunsrück denn die Vorfahren stammten erhielt man in den seltensten Fällen eine konkrete Auskunft. In der Aufbauzeit ist viel vergessen geraten, bei all den Mühsalen und der schweren Arbeit. Und Ahnenforschung ist hier nicht modern (gewesen), so dass vieles in Vergessenheit geriet.

Damit die Geschichte der Deutschbrasilianer nicht ganz in Vergessenheit gerät, werden mancherorts Anstrengungen unternommen, um noch vorhandene Erinnerungsstücke an die deutschen Auswanderer in Museen zu bewahren. Das bekannteste Museum befindet sich in Sao Leopoldo, wo der Geschichtslehrer Telmo Müller (dessen Vorfahren aus Tiefenbach stammen) mit seiner humorvollen Art einen Einblick in die 176 Jahre deutscher Auswanderung nach Brasilien gab. Das neue Leben hat für viele Familien im Emigrantenhaus in Sao Leopoldo begonnen. Hier warteten die Emigranten auf das Land, das sie bereits in Deutschland erworben hatten. Rundum war alles Wildnis, Wälder mussten gerodet werden, Äcker und Weiden angelegt werden und Häuser gebaut.

Von dem harten Leben der ersten Jahre in Brasilien zeugen die zahlreichen Ausstellungsstücke in dem Museum und im Emigrantenhaus. Zu den Relikten der vergangenen Tagen zählten zahlreiche Trachten, Fahnen, Bücher, aber auch gerade alltägliche Gegenstände, wovon einige noch aus Deutschland stammten und mit nach Brasilien genommen wurden. Nicht schlecht staunten die Hunsrücker, als sie in einer Vitrine eine Tasse bewundern konnten, die die Familie Scheffer aus Ellern bei Ihrer Auswanderung mit nach Südamerika genommen hatten.

Nicht nur die Auswanderer vor über 100 Jahren hatten Probleme mit Ihrem Geld auszukommen, nein, auch heute, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert ist es mancherorts problematisch, zu Geld zu kommen.

In Santa Rosa, in der Banco de Brazil wollten die Hunsrücker Ihre Travellerschecks einlösen (wir erinnern uns an die Werbung, wie sicher diese Schecks sind, und dass man diese überall eintauschen kann). Zahlreiche „grüne Männchen“ (man erkannte die Hunsrücker an den charakteristischen T-Shirts) betraten nach einer Personenkontrolle den Hochsicherheits-Trakt der Bank, der mit Polizisten und Metalldetektoren abgesichert war. Doch der Versuch, Travellerschecks einzulösen wäre fast gescheitert.

Denn die Banco de Brazil bzw. deren Computer kennt weder die Volksbank Rheinböllen noch die Kreissparkasse Rhein-Hunsrück. Denn, so die heillos überforderten Bankangestellten, ein Eintauschen sei nur dann möglich, wenn sich die Bank, bei der man in Deutschland die Travellerschecks erworben hat, in den schier endlosen Computerdateien befindet. Und in der Bankenwelt Brasiliens ist der Hunsrück offensichtlich ein großer weißer Fleck, der nicht zu existieren scheint. Bei der Suche nach dem Hunsrück stürzt der Computer mehrmals ab und spuckt endlich eine Liste deutscher Banken aus, die man in Brasilien offensichtlich kennt. So war auch eine hier nicht namentlich erwähnte Sparkasse aufgeführt, von der einer der gewieften Hunsrücker steif und fest behauptete, genau bei diesem Institut hätten alle Mitreisenden Ihre Schecks erworben. Und als hätte er den richtigen Zauberspruch gesprochen, öffneten sich die Tresore der Bank und jeder konnte seine Schecks einlösen (wenn man auch „nur“ die Landeswährung erhielt).

P.S.: In anderen Orten konnte man in jedem Laden anstandslos jene Schecks einlösen – und die horrenden Bankgebühren wurden auch nicht erhoben.

Der Süden des brasilianischen Staates ist für den Deutschen, der mit Brasilien im Großen und Ganzen nur Amazonien und Rio verbindet, in vieler Hinsicht unbekannt.

Rio Grande do Sul, wie stellt man sich das als Daheimgebliebener vor? Das sind zunächst die großen Weiden, die sich kilometerweit über das Land erstrecken, jenes satte, saftige Grün, mit in der Sonne glitzernden Teichen und großen Bäumen, auf denen zahllose Vögel Ihre Brutstätte finden. Die hier noch friedlich grasenden Rinderherden werden in naher Zukunft schon über dem offenen Feuer bei einem typischen „Churrasco“ (ein Spieß, auf dem Fleischstücke mit Salz eingerieben ) brutzeln.

Das sind die Hügel und Berge, die mit einem dichten Wald bedeckt sind, voll verwunschener Geheimnisse, rauschenden Quellen oder tosenden Wasserfällen. Das sind kleine Städte und Ortschaften mit liebenswerten Bewohnern, idyllische Siedlungen, in denen scheinbar die Zeit stehen geblieben ist, wo das Ochsengespann noch den Pflug zieht und die Orangen mit dem Leiterwagen heim transportiert werden. Rio Grande do Sul ist aber auch eine sich entwickelnde Region mit maschineller Landwirtschaft, Industrien und modernen Schulen und Kindergärten. Milchwirtschaft und ökologischer Obstanbau gehören genauso zu Rio Grande do Sul wie der Anbau von Trauben zur Weinproduktion.

Und wer weis denn schon, dass es neben der alles beherrschenden Landwirtschaft so etwas wie „Tourismus“ gibt, der vielleicht nicht ganz so professionell wie andern Orts ist, doch mit Sicherheit sehr reizvoll.

Dabei setzt man auch auf die Nostalgie, die Sehnsucht nach vergangenen Zeiten, so wie sie niemals waren. Zwischen Garibaldi und Bento Gonzalves, einer von Italienern besiedelten Region, verkehrt eine der letzten Dampfeisenbahnen im Süden Brasiliens, wenn auch nur zu touristischen Zwecken. Bereits bei Ankunft auf dem Bahnhof empfängt die Hunsrücker Volksfeststimmung. Eine Jazzband spielte auf, man tanzte auf dem Bahnsteig und einer der Mitreisenden musste natürlich direkt die Lok mit allen Details inspizieren. Die vergnügliche Fahrt mit Sekt, Wein und italienischer und brasilianischer Musik, war sicherlich einer der Highlights dieser Reise. Im Anschluss daran ging in Garibaldi zur Besichtigung der riesigen Weinkellereien mit anschließender Weinverkostung. Trotz gewisser „Vorbelastung“ der Gruppe mit Weinkennern fanden die Keller mit den riesigen Holzfässern große Beachtung, wenn auch der brasilianische Wein teilweise etwas „gewöhnungsbedürftig“ ist.

Wenn man vom Wein spricht, kommt man automatisch zum Thema Essen und Trinken. Und da muss man zugeben, dass Wein, ganz und gar nicht „typisch“ brasilianisch ist. Zu Rio Grande do Sul gehört ganz einfach ein anderes Getränk, das ist der „Chimarrão“, ein etwas bitterer Matetee, den man morgens, mittags und abends, gemütlich auf der Terrasse sitzend, trinkt und zeitweise die Zeit vergisst. Eine Landesspezialität ist auch das bereits erwähnte Churrasco, zu dem man gerne Reis, gekochten Maniok, Kartoffelsalat und eine Vielzahl sonstiger Salate reicht. Ein gutes Churrasco besteht auch verschiedenen Stücken Fleisch, vom Rind, vom Ochsen und auch Hähnchen. Auf den Spießen grillt man aber auch Würstchen oder Hühnerherzen, eine ganz besondere Delikatesse. Als Abschluss des Essens darf man nicht die zahlreichen Süßspeisen vergessen, jene leckeren Cremes, Griespuddings oder Kuchen, die man einfach versucht haben muss. Hatte man Glück, kam man in den Genuss eines Eintopfs aus Reis, Tomaten und Geflügel. Als absolutes kulinarisches Highlight muss man jedoch das „Café Colonial“ bezeichnen. Hier wird alles aufgetischt, was die Küche zu bieten hat und was das Herz (bzw. der Magen) begehrt. Von mit Hack und Gemüse gefüllten Teigtaschen über Wurst, Käse und fritiertem Fleisch bis hin zu köstlichen Kuchen und Törtchen.

Und bei einem guten Essen kommt man ins Gespräch, über den Alltag und oft auch über die Politik.

Regionalpolitik in Rio Grande do Sul hat viele, für uns Deutsche befremdend anmutende Aspekte, die erst im Nachhinein vielleicht leichter verständlich werden.

Alto Feliz, inmitten reizvoller Gebirgswälder auf einer Anhöhe gelegen, ist seit einigen Jahren ein eigenständiges Munizip, was man, auf deutsche Verhältnisse übertragen, als Gemeinde mit eigener Verwaltungsbehörde erklären könnte. Zu einem Munizip gehört neben dem Hauptort zahlreiche „Kolonien“, dies sind in der Umgebung verstreute, kleinere Ansiedlungen und Gehöfte, meist landwirtschaftlich genutzt. Früher gehörte der Ort zum größeren Munizip „Feliz“, spaltete sich jedoch ab, was offensichtlich eine typische Entwicklung der vergangenen Jahre darstellt. Die zunehmende Regionalisierung hat nach Ansicht der Bewohner triftige Gründe: Das Steueraufkommen, das in den ländlichen Gebieten erwirtschaftet wurde, versickere in den größeren Städten, Investitionen werden in den Städten getätigt, auf das Land fließe nicht zurück.

Auch Stadtentwicklung und Infrastruktur lassen noch zu wünschen übrig. Während Chile beispielsweise über ein sehr gut ausgebautes Straßennetz verfügt, muss man in Brasilien sich über die sehr unterschiedliche Qualität der Verkehrsverbindungen wundern. Gerade in den Ortschaften fallen oft mehrspurige, gut ausgebaute Gemeindestraßen mit Grünstreifen ins Auge, vergleichbar mit einer mehrspurig ausgebauten Bundesstraße. Verlässt man aber die Ortsgrenze, wird man auf einer holprigen Erdpiste („Grundstraße“) gewaltig durchgeschüttelt, will den nächsten Ort zu erreichen.

Auch das Amt des Prefeto (=Bürgermeisters) ist in Südbrasilien beliebt. Nicht aus profanem Willen, Geld zu verdienen, nein es geht hierbei vielmehr um Renommee und Geltungswillen. Bei der Wahl der Mittel ist man nicht zimperlich – frei nach der Devise: „Der Zweck heiligt die Mittel“. Vor der Wahl gibt es „Aufmerksamkeiten“ in Form von Kühlschränken oder finanzieller Unterstützung, man versucht den politischen Gegner mit Gewalt auszuschließen (so geschehen in Marata) oder, ganz perfide, man geht als Leiter des örtlichen Hospitals von Haus zu Haus und weist darauf hin, dass man auch in diesem Hause sicher einmal krank würde und dann durch seine Hände ginge... In einigen Fällen, auch das ist an der Tagesordnung, werden Wählerstimmen gekauft, am Wahltag fahren Wahlhelfer in die Kolonien und kaufen für 100 Real die Wählerstimmen einer beispielsweise 7-köpfigen Familie. Fragt man, warum diese hierauf eingehen, so wird das Verhalten verständlich, denn wann hat ein Bauer in Rio Grande do Sul mal 100 Real auf einen Schlag.

Zuweilen geht dann ein Riss durch die Gemeinde und beide Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Auch das ist Brasilien.

Die stets gut besuchten Auftritte der Hunsrücker Folkloregruppe waren für die Gemeinden auch immer eine Möglichkeit der eigenen Präsentation. Vielfach sind deutsche Lieder einstudiert worden, Man tanzt zu deutscher (Volks-)Musik, aber zur Region gehören ganz einfach die typischen Gaúcho-Tänze mit prächtigen Kostümen und Lieder über das Leben in brasilianischer Sprache. Einige Gemeinden haben junge hübsche Repräsentantinnen, die sich in einem Ort Fruchtkönigin nennen dürfen, in anderen Orten einen anderen, regionaltypischen Namen verliehen bekommen.

Der Abschluss der Reise führte nach Rio de Janeiro. Rio de Janeiro, ja da können jetzt wieder viele mitreden, das hat jeder schon gehört. Samba und Karneval gehört dazu, der Zuckerhut, der Strand von Copacabana und Ipanemá, aber auch die Fawellas, die Armutsviertel der Stadt.

Neben den Sehenswürdigkeiten, die jedem hier in Deutschland bekannt sind, besuchten die Hunsrücker auch jene Plätze, die mit deutscher Auswanderung eine enge Beziehung haben. So zählte der Besuch der alten Kaiserstadt Petropolis zu einem der Höhepunkte des Programmes, wo sich deutsche Baumeister architektonisch bewiesen. Hier findet man noch all die gepflegten Paläste und Villen des späten 19. Jahrhundert, die mit Ihrer Pracht auch noch heutige Besucher begeistern können.

Doch kann ein Ende einer Reise schöner sein als bei 32 ° C dem Rauschen der Wellen zuzuhören? Und bei einer Kokosmilch am Strand kann der ein oder andere Hunsrücker doch ins Nachdenken, was war schön an der Reise, was nicht so und vor allem: Warum fahren wir aus Rheinböllen, Ellern und Umgebung ausgerechnet in das vielen unbekannte Südbrasilien, wo vielleicht aus der Familie vor vielen Generationen jemand eine neue Existenz gründete. Oder anders gefragt: Was bleibt an kulturellem nach über 125 Jahren deutscher Auswanderung?

Das Ende der deutschen Kultur in Brasilien begann, so wurde den Deutschbrasilianern immer wieder berichtet, in den 40er Jahren, als alles Deutsche verpönt und sogar verboten war. Deutsche Bücher und Bibeln wurden konfisziert, die deutsche Sprache war verboten, in den Schulen wurde brasilianisch gelehrt und Vereine aufgelöst. Orte wurden umbenannt, so wurde beispielsweise aus „Neuschneisse“ der Ort „Linha Nova“. Auch wenn man sich gerade in den letzten Jahren immer mehr seiner deutschen Wurzeln besinnt, in Schulen deutsch unterrichtet wird und deutsche Vereine eine neue Blüte erleben, ist vieles verloren gegangen. Die Jugend spricht immer weniger die Sprache der Vorväter und –mütter im Alltagsgebrauch, die aus Deutschland mitgebrachten Traditionen vermischen sich mit den Bräuchen der neuen Heimat.

Verständlich ist es, liegen doch Generationen zwischen Auswanderung und Heute, vieles hat sich diesseits und jenseits des Atlantiks verändert und jeder muss sich seiner Umgebung und seiner Lebenswelt anpassen. Und Integration heißt nicht, seine Ursprünge vergessen, sondern die eigene Geschichte bewahren, auch wenn vielleicht in 20 oder 30 Jahren kaum noch jemand im Süden Brasiliens jene Sprache der Ahnen spricht, die damals nach einer monatelangen Reise aus Europa den Süden des Kontinents besiedelten.


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