Die Oder war nicht zugefroren
Feldwebel Willi Schmidt aus Lindenschied schrieb am 1. Februar 1945 den letzten Brief an seine Familie und steckte ihn in einer Dose in einen Holzstoß im Walde ca. 10 km bei Oppeln. Der Brief ging der Familie sieben Jahre später zu. Von ihm fehlt jede Spur. Als tapferer Soldat war er mit dem Eisernen Kreuz 1. Kl. und dem Inf. Sturmabzeichen ausgezeichnet.

Willi Schmidt aus Lindenschied blieb bei Oppeln vermißt.
Von Peter Jakobs

Herbst 1938 -Willi Schmidt aus Lindenschied, Landwirt, muß seinen aktiven Wehrdienst in Idar-Oberstein bei einer Artillerieeinheit ableisten.
Wer hätte damals gedacht, daß die seit gut fünf Jahren regierenden neuen Machthaber unser Land in einen Weltkrieg stürzen würden, an dessen Ende mit der bedingungslosen Kapitulation das totale Chaos mit ca. 55. Millionen Toten stehen sollten.
Willi Schmidt, heimatverbundener Sohn des Hunsrücks, wird nach seiner Ausbildung als Soldat zunächst in Frankreich eingesetzt und ist ab Juli 1941 in Rußland dabei. Er erlebt dieses Wahnsinnsringen im Osten mit all seinen Höhen und Tiefen. Seine große Sehnsucht: Er wollte heim zu seinen Lieben ins stille Hunsrückdörfchen.
Doch es sollte anders kommen. Ende Januar 1945 wurde seine Einheit in Schlesien versprengt. Am 1. Februar 1945 schrieb er seinen letzten Brief an seine Lieben in der Heimat. In dem totalen Chaos ging keine Post mehr. So steckte er seinen Brief in eine Dose und legte ihn in einen Holzstoß, in der Hoffnung, daß er irgendwann doch gefunden würde. Dieser Brief traf dann auch erst sieben Jahre nach Kriegsende bei der Familie in Lindenschied ein. Willi Schmidt schrieb am 1. Februar 1945 u. a. wie folgt:
,,Meine lieben Eltern und Geschwister!" Ob Euch dieses Brieflein jemals erreichen wird, weiß ich nicht, ich hoffe es aber. Ich stecke es in eine Dose und dann in einen Holzstoß, mitten im Walde. Vielleicht erreicht es Euch auf diese Weise. Den persönlichen Teil seines letzten Briefes, in dem Willi alle seine Angehörigen erwähnt, schließt er ab mit dem Wunsch "so wünsche ich Euch allen, meine Lieben, recht viel Gutes noch in Eurem Leben", um dann fortzufahren: ,,Und nun zu mir und meiner Lage. Weihnachten war so wunderschön verlaufen, wir feierten es so schön im Kameradenkreis, dann Silvester und Neujahr ebenfalls. Nun war das Jahr 1945 eingezogen, daß es mir und meinen Kameraden so viel Schweres bringen würde, ahnten wir noch nicht. Am 15. Januar gingen wir zurück, wußten aber nicht, daß die Sache schon so schlimm stand. Am 16. Januar weiter zurück, am 17. Januar und 18. Januar ebenfalls. Am 18. Januar machten wir uns fertig zum Durchbruch, da habe ich auch zum letzten Mal Moosmann, Federhenn und Schmittinger, die Hunsrücker Kameraden, gesehen. Ungefähr 20 km kämpften wir uns durch, dann verloren wir alles - wir wurden versprengt. Ich hatte Glück, wurde nicht verwundet, lief fort und traf auf unser 2. Battl. das war um uns, dort traf dann auch der Großteil unseres Regiments ein. Von unserer Kompanie blieben wir noch acht Mann. Nun begann der Marsch über Eis und Schnee, hungernd und frierend. Oft beschossen und gejagt. Am 22ten wurden wir wieder versprengt, die Hälfte blieb wieder, weiter geht's. Am 28ten Auflösung in kleine Gruppen, wir sind im Reich im rückwärtigen Frontgebiet der Russen, etwas östlich von Oppeln, vielleicht 10 km. Wir sind von unserer Kompanie noch vier Mann und wollen beisammen bleiben. Am 30ten schafften wir uns in der Nacht nahe nach vom. Am 3l-ten wollten wir durchbrechen, es ging alles gut, bis zur Oder, leider war die nicht zugefroren, da wäre ich jetzt schon frei. Plötzlich ein rasendes Feuer, wir waren entdeckt. Und nun blieb ich allein. Ich schaffte mich an einen Ort an der Oder und ging in ein Haus, das nicht von Russen belegt war. Zehn Meter daneben waren Russen. Hier kochte ich. Ich fand Mehl und Pfefferkuchengewürz und mit Wasser gab es wunderbaren Fladen. Dies reicht für heute. Um 4.40 Uhr verließ ich das Haus und schaffte mich zurück in den Wald. Wo soll ich jetzt noch hin?
Über die Oder kann ich nicht, und haben wir noch irgendeinen Brückenkopf! Man kennt die Lage nicht. Ich werde versuchen, nach Süden zu gelangen, vielleicht haben wir noch das Industriegebiet. Über 500 km habe ich schon zurückgelegt, die Füße sind schon kaputt, halb erfroren und wund, dazu dauernd naß, oftmals habe ich jetzt an Euch denken müssen und habe mir ausgemalt, wie schön das wäre, im Bett zu liegen und die warme Milch und der Kuchen käme ans Bett, genau so, als Günter und ich in Urlaub waren. Was würde ich alles essen? Kuchen müßtet Ihr nun viel backen und viel Milch würde ich trinken. Ach und so tadellose Mittagessen, das wäre ja zu schön. Ich wurde nicht mehr essen, sondern . . .
Aber meine Lage ist fast aussichtslos, und was mit mir wird, das wollen wir dem Herrgott überlassen. Sollte ich nicht mehr heimkehren, so weint nicht um mich und seid nicht traurig, so viele haben alles hingeben müssen. Nur das Euch mein Schicksal unbekannt ist, aber das spielt ja auch keine Rolle. Grüßt mir alle, die ich kenne in Lindenschied und Niederkostenz, sagt es wären meine letzten Grüße von mir. Und nun meine lieben Eltern und Geschwister wünsche ich Euch von Herzen alles Gute und grüße Euch recht herzlich. Euer Willi"

Dies war die letzte Nachricht, welche die Familie Schmidt aus Lindenschied von ihrem treuen Sohn und Bruder erhielt. Niemand weiß etwas über sein weiteres Schicksal.
Alle Bemühungen, alle Nachforschungen blieben ohne Ergebnis.
Durch seinen letzten Brief und die Art der Übermittlung hat Willi Schmidt seinen Angehörigen gegenüber mehr als seine
Pflicht erfüllt. Er ist bis heute unvergessen geblieben.