Rheinböllen, Freitag, 16. März 1945

Der schwärzeste Tag in der Geschichte der Gemeinde war der 16. März 1945. -jedenfalls soweit sich die Ortschronik zurückverfolgen läßt.
In den letzten Tagen und Wochen hatte man auch in Rheinböllen mit banger Sorge die Entwicklung verfolgt, die sich an der Westfront anbahnte und machte sich nicht allzu große Illusionen über das Kommende. Weil die von der Westfront kommenden deutschen Soldaten für ihren Rückmarsch die am Ortsrand vorbeiführende Bahnhofstraße benutzten, konnten die Rheinböllener das mitverfolgen: es war kein gutes Zeichen. Niemand hätte jedoch daran gedacht, daß die Kampfhandlungen über den Ort hinweggehen würden.
Für die obere Kriegsführung auf beiden Seiten bildete strategisch wichtigen Straßenknotenpunkt. So war dann aufzuhalten.
Die kommenden Ereignisse zeichneten sich schon am Donnerstag, 15. März durch starke Tieffliegertätigkeit ab. Dabei wurde ein auf der Rheinböllerhütte abgestellter Munitionszug angegriffen und so getroffen, daß zwei Wagen in die Luft flogen. Die Explosion war der Anlaß, daß verschiedene Gebäude dort vollständig niederbrannten und die Kapelle über der Kirsch-Puricelli'schen Gruft zur Hälfte zerstört wurde. Am Abend des 15. März war die amerikanische Panzerspitze bis Kastellaun und zur Hunsrückhöhenstraße vorgedrungen, wo sich erbitterte Kämpfe abspielten. In der Nacht vom 15. auf 16. März räumten die in Rheinböllen liegenden deutschen Truppen, unter anderem ein in der evangelischen Schule untergebrachtes Feldlazarett, den Ort und gingen über den Rhein zurück. Eine zurückbleibende kleine SS-Abteilung hatte den Auftrag, Rheinböllen als Stützpunkt zu verteidigen.
In den Morgenstunden des 16. März bewegten sich die amerikanischen Panzer, von Kastellaun über Kisselbach und Liebshausen kommend, auf den Ort zu und erreichten gegen 09.00 Uhr die dem Friedhof vorgelagerte Gemarkung Rheinböllens. Da in der Höhe des Friedhofs ein amerikanischer Panzer abgeschossen worden war, stoppte der Vormarsch. Die Panzer formierten sich gefechtsmäßig zum Angriff auf Rheinböllen von Westen her in der Flur "Bell", zwischen der heutigen Bundesstraße 50 und der Mörschbacher Straße. Artilleriefeuer konzentrierte sich besonders auf die Ortsausgänge zum Rhein, die Erbacher- und Bacharacher Straße. Die ersten Häuser und Gebäude am Nordrand des Ortes gingen in Flammen auf.
Durch den gleichzeitigen Panzerbeschuß von der Bell her wurde hauptsächlich die Wehrstraße in Mitleidenschaft gezogen. 15 Häuser und landwirtschaftliche Gebäude brannten bis auf die Grundmauern nieder; weitere Gebäude wurden schwer beschädigt.
Innerhalb der Ortslage wurden weitere elf Gebäude restlos zerstört, andere sehr stark beschädigt. Die evangelische Kirche wurde ein Raub des Feuers, als ein Phosphorgeschoß das alte Eichengebälk des Turmes. In Sekundenschnelle in helle Flammen versetzte. Sie brannte völlig aus, nachdem der Turm auf das Kirchenschiff gestürzt war. Von der einst so schönen Dorfkirche blieben nur noch die Umfassungsmauern stehen.
Auch die katholische Kirche sollte vermutlich als besonderer Beobachtungspunkt ausgeschaltet werden. Der ca. 40 m hohe Turm wurde beschossen, hielt aber stand, obwohl er mitunter bedenklich schwankte und wurde stark beschädigt. Ein alter Landwirt verbrannte in seinem Anwesen. Die meisten Bewohner des Ortes hatten sich in Vorahnung des Kommenden mit notdürftig zusammengeraffter Habe, teils auf Handwagen, schon in den frühen Morgenstunden in Sicherheit gebracht: Sie saßen in den Bunkern im sogenannten Flohwäldchen und am alten Friedhof, ehemaligen, tief in den Felsen gehauenen Bierkellern. Andere kauerten in eigenen gut gebauten Kellern. Und einige waren in die nahegelegenen Waldungen am Volkenbacher Weiher geflüchtet, wurden aber von Tieffliegern, die die zurückgehenden deutschen Truppen verfolgten, überrascht. Dabei waren ein Toter und verschiedene Schwer- und Leichtverletzte zu beklagen.
Als dann die amerikanischen Truppen in den Ort eingedrungen waren und sich die ersten Bewohner wieder aus ihren Verstecken wagten, bot sich ihnen ein schauriges und schreckliches Bild: der gesamte Ort war in ein dichtes, schwarzes Qualm- und Rauchmeer gehüllt, aus welchem meterhoch die Flammen schlugen. Dazwischen brüllte das Vieh in den Ställen, das in den Rauchschwaden der brennenden Häuser noch nicht erstickt war. Die Rettungsversuche an den brennenden Häusern wurden zum größten Teil im Keime erstickt, da das Kampfgeschehen noch in vollem Gange war und die amerikanischen Truppen sie auch verschiedentlich verhinderten. In den Nachmittagsstunden des 16. März sprengten die Amerikaner die Brücke über den Guldenbach, bei den Industriewerken, wodurch die Hauptleitung der Wasserversorgungsanlage zerstört wurde. Der brennende Ort war ohne das dringend zum Löschen notwendige Wasser: ein Chaos.
Die Stromzufuhr war zerstört. Dreißig Familien waren obdachlos und ohne Hab und Gut. Der Gestank des verbrannten. Viehs lag über dem völlig dunklen Ort, als sich der schreckliche 16. März seinem Ende zu neigte.