Zeitzeuge Wiltrud König (Daniel)
Was wäre der 16. März 1945 für ein wundervoller Frühlingstag geworden - die Sonne schien -, wäre da nicht der schreckliche Krieg gewesen!
Meine kindlichen Erinnerungen an diesen Tag, - ich war damals 7 Jahre alt, - sind noch sehr gut.
Schon an den Tagen vorher herrschte eine große Unruhe bei den Erwachsenen. Sie sagten: "die Amerikaner kommen!" Die wichtigsten Sachen, wie Kleidungsstücke und Porzellan wurden in Koffer gepackt und in den Keller gebracht. Unsere Familie, meine Mutter, meine kleine vierjährige Schwester und ich, wohnten in der Wehrstraße, bei Familie Tries. Mein Vater war zu dieser Zeit Soldat in Frankreich.
Inder Nacht zum 16. März war sehr viel Bewegung in der jetzigen oberen Marktstraße. Eine kleine Truppe Soldaten bauten in der Straße, vor dem Haus Sophie Klumb und in der Liebshausener Straße, am Friedhof, Panzersperren auf. Meine Mutter und einige mutige Frauen gingen am Morgen zu den Soldaten und baten sie innigst, sie mögen doch die Sperren wieder öffnen, da es sowieso keinen Sinn hätte. Die Frauen hatten keinen Erfolg, sondern wurden ganz massiv von den Soldaten bedroht, und es wurde ihnen geraten, sofort zu verschwinden, sonst würden sie abgeknallt.
Und so nahm die Vernichtung Rheinböllens ihren Anfang.
Inzwischen hörte man starkes Schießen, und man merkte, daß der Feind immer näher kam. Es wurde höchste Zeit, einen Keller oder Bunker, --irgendeinen Schutz aufzusuchen. Der damalige Pastor Wiegand hatte uns angeboten, in den Pfarrhauskeller zu kommen, worüber wir sehr froh waren. Meine Mutter, meine Schwester und ich, der Opa und die Tante mit den zwei Buben, die im Haus nebenan wohnten, trafen uns im Pfarrkeller mit noch einigen Familien aus der Nachbarschaft und Pastor Wiegand und seinen beiden Schwestern.
Wir waren alle sehr verängstigt, - vor allem wegen der Ungewißheit, was da auf zukommen würde. Die Schießerei wurde immer stärker. Das ganze Haus wackelte. Pastor Wiegand versuchte uns die schreckliche Situation immer wieder durch beten erträglicher zu machen. Ich weiß nicht, wieviel Stunden wir schon im Keller waren, da hörten wir einen fürchterlichen Krach, oben, in der Wohnung. Es wurde geschossen, Porzellan ging zu Bruch, es war schrecklich laut, wir hatten alle große Angst. Die fremden Soldaten hatten jetzt offenbar gemerkt, daß sich im Keller Menschen versteckten und klopften ganz massiv mit ihren Gewehren an die Kellertür. Sie riefen uns etwas zu. Die eine Schwester von Pastor Wiegand konnte in englisch antworten. Wir wurden aufgefordert, den Keller zu verlassen. Wir mußten mit erhobenen Händen die Kellertreppe hinauf kommen und durch die verwüstete Küche nach draußen gehen. Die Mütter mit den Kleinkindern auf dem Arm, - alle mußten sie die Hände hochnehmen. Dann mußten wir zur Henkersbitz gehen und uns am Scheunentor des Hauses Machwirth aufstellen. Für die Erwachsenen war es ganz klar: Jetzt werden alle erschossen.
Man merkte jetzt auch, daß Rauch über Rheinböllen war und Schreckliches passiert sein mußte. Nach einiger Zeit durften wir gehen und wollten so schnell wie möglich nach Hause. Wir liefen über die Hauptstraße, am Haus Wagner vorbei und wollten durch den kleinen Pfad zwischen Wagners und Kutschers (jetzt Weber) gehen.
Wir kamen um die Ecke und sahen: Für uns gab es kein Zuhause mehr! Unser Haus und das vom Großvater brannten lichterloh! Aus den Fenstern wehten die brennenden Gardinen, offensichtlich waren durch die starke Hitze die Fensterscheiben geplatzt.
Diesen Anblick werde ich mein Lebenlang nicht vergessen