Zeitzeuge Arno Lang
Ich war damals 7 1/2 Jahre alt, meine Schwester war 6, und ich will gleich vorweg sagen: es war eine schöne Zeit für uns Kinder -- vielleicht ganz im Gegensatz zu den Kindern in den Städten, oder auch hierzulande, aber ich müßte lügen, wenn ich sagte, daß wir eine böse oder harte Kindheit gehabt hätten.
Anders war das sicherlich für meine Mutter und meine Großmutter und für meine Tante, die mit ihren beiden Söhnen vor dem Bombenkrieg aus Duisburg zu uns aufs Land geflüchtet waren; mein Vater war irgendwo in Rußland, sie hatten ihn im Alter von 44 Jahren noch eingezogen, ein Jahr vor jenem 16. März 1945.
Unser Haus stand damals noch ziemlich allein in der Bahnhofstraße, nur von Haberkamms im Süden und Friedrichs im Norden begrenzt, und die Guldenbachsiedlung gab's auch noch nicht. Meine Schwester und ich gingen mehrmals in der Woche durch die Wiesen, über ein dickes Brett über den Guldenbach und zur Janismühle "Milchholen". Das war eine ruhige, schöne und für uns Kinder sehr interessante Atmosphäre, da unten an der Mühle. Wir bekamen immer irgend etwas von Frau Janis, mal ein Ei, mal ein Stückchen Wurst, oder auch mal Honig. Und Herr Janis, der gebürtiger Russe war und sehr langsam mit einer beruhigend, tiefen Stimme sprach, war uns ganz besonders interessant und lieb.
So war es für uns Kinder auch völlig normal, daß wir nach gewissen Aufregungen mittwochs und donnerstags, am 14. und 15. März, die wir eigentlich nur so am Rande registrierten, erfuhren, daß wir am Abend des 15. März mit Koffern und Taschen bepackt durch die Wiesen zur Janismühle gingen, weil es zu Hause zu gefährlich wäre, denn es hieß: "der Feind kommt heute Nacht".
Der Feind, - das war für uns Kinder eher etwas Abstraktes: es war das Böse schlechthin, es war das Schreckliche, das, was uns Deutsche, uns alle kaputt machen wollte. Hinter dem Wort 'Feind' stand eigentlich keine Person, und was "die Amerikaner" waren, wußten wir auch nicht so recht, - eher schon "die Engländer", oder "die Franzosen". Nur eines war uns in den Tagen vorher gesagt worden: der Feind hätte "schwarze Mohren" dabei - und die seien halbe Tiere und besonders gefährlich.
Aber für uns war das nicht weiter schlimm, - wir gingen ja zu Janis, und da war es immer schön, und da fühlte man sich immer geborgen. Wir saßen alle in der alten Mühle, mit Mauern, die so dick waren, wie wir Kinder groß. Hier könne uns nichts passieren, sagte Herr Janis, und meine Mutter und meine Tante beeilten sich, uns das immer zu wiederholen. In unserem Versteck herrschte eine beklommene Stille, von draußen drang kein Laut nach hier. Und jetzt begann ich eigentlich das Schreckliche an unserer Situation mehr zu ahnen, als daß ich es gewußt hätte. Ich hörte die Gespräche der Erwachsenen, realisierte diese Situation, daß wir mit sechs Erwachsenen, darunter die Familie Janis und sechs Kindern in einem Keller zusammenhockten und fühlte, daß hier etwas Unheilvolles vonstatten ging. Angst beschlich mich.
Herr Janis war nicht da, - auch das etwas, was mir unverständlich war und die Angst verstärkte. Er kam nur ab und zu zu uns herein, berichtete, was draußen vor sich ging, daß Rheinböllen brenne, welche Häuser es seiner Meinung nach getroffen hatte. Und einmal kam er ganz aufgeregt herein und sagte: "Jetzt brennt evangelische Kirche".
Irgendwann um Mittag haben wir dann unseren Schutz verlassen. Meine Mutter hatte uns weiße Tücher, Handtücher, gegeben, sie selbst und meine Oma und die Tante trugen Kopfkissenbezüge. Das müsse so sein, sagte man uns, - dann würde uns der Feind nichts tun. Und so wanderten wir in einer makaber-komischen Prozession durch die Wiesen rauf zur Bahnhofstraße. Von weitem sahen wir schon einen Panzer vor unserem Haus stehen, andere Panzer standen neben dem Haus, teilweise in die Hecke, die das Grundstück umgibt, hineingefahren; eine bessere Deckung gab es nicht. Ihre Kanonen waren drohend auf den Bunker im Flohwäldchen gerichtet.
Es wurde mir seltsam zumute. Unsere kleine Prozession schwieg, Tante Leni weinte, meine Oma auch, nur meine Mutter war ganz ruhig, versuchte vermutlich den kleinen Haufen, für den sie sich verantwortlich fühlte, irgendwie zusammenzuhalten. Wir kamen dem Feind immer näher, und ich glaubte, das sei nun das Ende. Die würden uns sicherlich erschießen, oder gar Schlimmeres. Wenn nun auch die gefürchteten schwarzen Mohren dabei waren! ? Ich glaube, ich habe mein Herz schlagen gehört, - und vielleicht habe ich auch geweint, - ich weiß es nicht mehr.
Jetzt konnten wir die Soldaten auf dem Panzer erkennen. Der Feind! - Aber das waren ja richtige Menschen! Mohren waren auch dabei, - zwischen Helm und Uniform sah man ganz schwarze Gesichter. Mein Herz schlug über den Hals hinaus. - Dann lachte einer der Schwarzen und zeigte seine weißen Zähne. Nie im Leben hatte ich so etwas gesehen! Wir waren auf der Bahnhofstraße, vor unserem Haus angekommen, standen vor dem Panzer. Unsere kleine Schar muß für die Soldaten ein komisches Bild abgegeben haben, und wir Kinder haben wohl sehr ängstlich ausgesehen, - jedenfalls lachten jetzt mehrere schwarze Soldaten und auch ein weißer. Meine Mutter wurde aufgefordert, ins Haus zu gehen, eskortiert von zwei, drei Mann mit Gewehren. Uns Kindern bot man Apfelsinen und Schokolade an - aber meine Mutter verbot, es anzunehmen; sicherlich hätte der Feind das vergiftet. Als ein Schwarzer etwas abgebissen hatte, durften wir es nehmen. Für die Kinder war damit der Bann gebrochen: Der Feind, das waren Menschen, und diese Menschen lachten mit uns und gaben uns etwas, was wir schon lange nicht mehr gesehen hatten. Für uns Kinder, wohlgemerkt!, endete der 16. März 1945 zwar mit großer Aufregung, aber auch mit vielem Neuen -- und da wir so weit außerhalb des Ortes wohnten, hatten wir all das Schreckliche, das dort geschehen war, weder gesehen, noch gehört -- jedenfalls war aus Kindersicht alles besser, als noch am Morgen dieses Tages.