Zeitzeuge Hans-Otto Michel
Ich war im zweiten Schuljahr, und wir hatten schon einige Zeit keinen Unterricht mehr gehabt. Im ganzen Dorf war Unruhe. An einigen Hauswänden waren die Buchstaben LBR mit weißer Farbe angeschrieben: Luftschutzraum". Es waren mehrere schmale Gräben ausgehoben worden, und in deren Nähe waren Pfähle mit weißen Tuchlappen versehen: Luftschutzgräben.
Soldaten der deutschen Wehrmacht zogen am 15. März durch unser Dorf in Richtung. Bacharach. Feindliche Flugzeuge flogen Angriffe, von der Rheinböllerhütte her war eine furchtbare Explosion zu hören.
Mein Vater, der zu dieser Zeit auf der Rheinböllerhütte arbeitete, kam am späten Nachmittag nach Hause. Er nahm eine Leiter und montierte in der Abenddämmerung am Gasthaus "Gute Quelle" das Straßenschild mit der Aufschrift "Adolf-Hitler-Straße" ab.
Einige Stunden später, es war nach Mitternacht und stockdunkel, nahmen wir unseren Handwagen und zogen über den Wiesenweg, entlang des Bellbaches, der damals noch nicht verrohrt war, in Richtung Bunker, im Flohwäldchen. In der Nähe der kleinen Brücke über den Guldenbach, dem "Gähsebrickelche" hörten wir in der Dunkelheit eine Männerstimme: ein alter Mann ohne jegliches Gepäck kam uns entgegen; er hatte sich offenbar verirrt. Wir nahmen ihn mit ins Wäldchen, zum Bunker.
Wie viele andere -Einwohner verbrachten wir die restlichen Nachtstunden und den Vormittag des 16. März in diesem Bunker, der schon Wochen vorher für diesen Zweck hergerichtet worden war. Mein Vater, der zum Volkssturm kommandiert war, mußte in dieser Nacht im Dorf bleiben und mit anderen Männern die Panzersperren zu machen. Als wir - nachdem das Dorf von den Amerikanern eingenommen war und schon schwarze Rauchwolken aufstiegen - unseren Schutzraum verlassen und nach Hause gehen durften, wußten wir noch nicht, was uns erwartete. Zusammen mit unserer Nachbarin, Helene Conrad, trat ich den Heimweg an. Als wir uns dem Dorf näherten, sah ich unsere Kirche brennen, und als wir 200 Meter vor dem Dorf, etwa dort, wo heute das neue evgl. Pfarrhaus steht, waren, kam uns der Onkel von Frau Conrad entgegen und sagte ihr, daß ihr Elternhaus brennen würde und niemand mehr hinein könne. Sie warf die Aktentasche mit den Dokumenten, die sie in der Hand trug, weg und fing an, laut zu weinen. Am Haus Schorsch angekommen, sah ich, wie die An Wesen Genheimer und Conrad lichterloh brannten.
Im Kuhstall der Conrads lagen die im Rauch erstickten Kühe, dick aufgedunsen, noch mit den Ketten an den Futterkrippen angebunden. Vor dem Haus Schorsch standen mehrere Menschen, unter anderem auch Frau Saueressig und ihre Tochter und heulten so laut, wie ich bis dahin noch keine erwachsenen Menschen habe weinen hören. Ihr Vater und Großvater, Philipp Auler, damals 76 Jahre alt, war zu Hause geblieben und während des morgendlichen Viehfütterns in den Flammen umgekommen.
Ständig fuhren schwere amerikanische Panzer an den brennenden Häusern vorbei. Wenn die Fahrzeuge anhielten, steckten sich die Soldaten Zigaretten an, zogen ein-, zweimal daran und warfen die noch langen Kippen in die am Wegrand stehenden Menschen. Sie freuten sich und lachten, wenn sich die jungen Männer gierig auf die angerauchten Zigaretten stürzten.
Wir mußten unsere Wohnung in der Bäckerei schnell verlassen, damit nachrückende Besatzungssoldaten dort untergebracht werden konnten.