Die Französische Revolution, Napoleon und der Hunsrück.
Die politische Lage vor der Revolution.
Auszug aus der "Hunsrücker Erzähler" von 1905. Schreib- u. Ausdrucksweise wurden beibehalten.


Kurpfalz, Baden und Zweibrücken sind die drei Hauptmachthaber in unserer Gegend. Die Markgafen von Baden-Durlach besaßen hier die Ämter Kirchberg, Dill und Koppenstein, zusammengefaßt zum Oberamt Kirchberg, die Herzöge von Pfalz Zweibrücken das Oberamt Kastellaun; Kurpfalz das Oberamt Simmern, bestehend aus den 13 Schultheißereien Schnorbach, Ellern, Argenthal, Erbach, Tiefenbach, Ravengiersburg, Nickweiler, Reich, Niederchumbd, Pleizenhausen, Laubach, Laudert und Gondershausen. Dazu kommt eine Menge kleinerer Adel, der einzelne Dörfer und Bezirke, z.T. in Gemeinschaft mit anderen besaß (wie denn dreiherrige Orte keine Seltenheit waren) und die beträchtlichen Anteile des Kurfürstentums Trier. Wie lang sich diese Erinnerungen erhalten, davon nur ein Beispiel: in Laufersweiler das dreiherrig war (schmidtburgisch, trierisch, rheingräflich), nennt man noch jetzt das Land jenseits vom Idar das "Trieschland" (trierisches Land) und sagt, wenn der Wind von Kirchberg her weht: wir haben badischen Wind!
Werfen wir einen Blick in die Verhältnisse in dem größten Hunsrücker Territorium, dem pfälzischen Oberamt Simmern, überhaupt in die Lage der Pfälzischen Lande unter ihrem letzten Kurfürsten Karl Theodor.
Mit Karl Philipp war die neuburgische Linie, die auf die Simmersche 1686 gefolgt war, ausgestorben. Mit dem 81 jährigen Fürsten ging (1742) ein Mann dahin der, wie Häusser sagt, zum Wohle seines Landes sehr wenig, zu seinem Unheil sehr viel beigetragen hat. Er war wie die meisten in der Fürstengallerie, die sich nach Ludwig XIV. Muster bildeten: frivol und dabei unduldsam, genußsüchtig und doch bigott, ohne ernstlichen Sinn fürs Regieren und doch voll stolzer Einbildung auf seine angestammte Regentenwürde - ein glänzender Herr über einem schwer gedrückten Lande. Auf Karl Theodor aus der nun zur Regierung kommenden Linie Pfalz-Sulzbach, einen 18jährigen Jüngling, dem sein Erzieher, der Jesuit Sendorf im Blick auf seine künftige Stellung das theologische Ideal eines alttestamentlichen Königs eingeprägt hatte, richteten sich viele Hoffnungen, die der weiche und genußsüchtige, jedem Einfluß hingegebene Fürst aber nach kurzer Zeit bitter enttäuschte.
Freilich in der ersten Periode seiner Regierung, während er noch in der Pfalz residierte, suchte er durch Schöpfungen sehr verschiedener Art den alten Glanz der Pfalz zurückzuführen und "die monarchische Pracht des Zeitalters" nach bekannten Mustern dauernd zu begründen. Er schränkte allerdings zunächst seine Hofhaltung ein, setzte Gehälter und Pensionen herab und antwortete den Müßiggängern, die sich darauf beriefen, die christliche Barmherzigkeit verlange, daß die Gnadengelder fortdauerten: die christliche Gerechtigkeit hingegen forderte, daß sie aufhörten und besser verwendet würden.
Schwere Mißstände herrschten in der Verwaltung der Landämter. Die Oberamtmänner waren meistens nicht an ihrer Stelle, sondern schwelgten bei Hofe und ließen durch Agenten zweiten Ranges ihr Amt verwalten und Recht sprechen. Auch jetzt wurde der Übelstand nicht recht abgestellt und die pfälzischen Beamten blieben das ganze Jahrhundert hindurch in dem üblen Ruf, bestechliche Richter, unredliche Finanzverwalter und willkürliche Bauerntyrannen zu sein, Dinge, die noch bis in unsere Zeit hinein in der Vorstellung unserer Bauern vom Beamten nachwirken! Verbessert wurde nun das Gerichtswesen, der Landbau aufgemuntert, Bergwerke, Salinen, Gesundbrunnen unterstützt, Chausseen angelegt und mit Obstalleen eingefaßt, die Hospitäler gefördert, Handel und Gewerbe gehoben. Wieviel von alledem --- oder wie wenig auf unseren Hunsrück gedrungen ist, entzieht sich unserer Kenntnis. Ganz unberührt ist er jedenfalls davon nicht geblieben.
Aber Karl Theodors verordnungslustiger Reformeifer erkaltete bald. Wie konnten auch papierene Dekrete hinreichen, einen Wust und Mißbrauch, unter denen die damalige Generation alt geworden war, wegzuräumen!
Vor allem war und bleibt das Mißverhältnis der Beamten und ihres Lohnes überaus grell: Schullehrer, Subalternbeamte und alle kleinen Diener fristeten kümmerlich ihr Leben, die hohen Staats- und Hofbeamten bezogen für wertlose oder gar keine Dienste die höchsten Gehälter. Die Landschreiber, die Vertreter der Amtmänner, wurden reiche Herren, die Bauern wanderten aus Not aus. Weltliche und geistliche Behörden verkauften um die wette Stellen, oder man vererbte sie einfach an Söhne, Schwiegersöhne, Neffen und Vettern. Das geschah von Gerichtsämtern und Verwaltungsstellen, Pfarreien und Lehrämtern bis zum Bettelvogt und Gefangenenwärter. Besonders schlimm war das durch die sogenannten Anwartschaften, ganz jungen Leuten, ja sogar Kindern das Einrücken in eine gute Stelle gesichert wurde. Das Hofgericht zählte lange Zeit soviel Minderjährige, daß man es spottend das "jüngste Gericht" nannte. Als Karl Theodor Nachfolger, Maximilian Joseph, 1799 diesem Unwesen ein Ende machen wollte, erschienen eine Menge Beamter und klagten, daß sie den Familien ihre Vorgänger noch Renten für den Verkauf des Amtes zu zahlen hätten, die sie nicht geben könnten, wenn man ihnen ihr Amt entzöge. Da ergriff der energische Minister Montgelas das einzig mögliche Mittel zur Abhülfe, indem er all solche Verträge als völlig unverbindlich für den Staat erklärte. Fast die gesamte Bureaukratie und viele andere Begünstigte, schließlich alle vornehmen Leute und Angestellte waren unter Karl Theodor von den Steuern auf die notwendigen Lebensbedürfnisse befreit --- zum größten Nachteil der Bürger und Bauern.
Der Hofstaat und kostspielige Anlagen verschlangen in den späteren Regierungsjahren des Kurfürsten Unsummen. Die Hauptlast trug die Kurpfalz; auf ihre 300000 Einwohner kamen 212,000 Gulden! Was die mit raffiniertem Luxus betriebene Jagd vom Wohlstand der Bauern zerstörte, konnten alle Verordnungen für den Landbau nicht gut machen; die Bauern wurden durch Hegung des Wildes nahezu zur Verzweiflung gebracht.

In religiöser Hinsicht brachte Karl Theodors Regierung eine starke und immer zunehmende Zurücksetzung der Protestanten die die überwiegende Zahl der Bevölkerung ausmachten; es ging so weit, daß 1790 unter allen Verwaltungsbeamten auf dem Land nur noch 6 Protestanten zu finden waren, und daß man in rein protestantischen Orten den einzigen und ärmsten katholischen Einwohnern, etwa den Kuhhirten, zum Vorstand machte. Bekehrungen wurden offen und systematisch betrieben und eine Konvertitenkasse trat helfend zur Seite. Die Auswanderungen nahmen unter diesem Druck stark zu. Man leitete die Ursache von alledem wesentlich auf die jesuitischen Berater des Kurfürsten zurück. Verrottete Zustände herrschten dazu noch im protestantischen Kirchenregiment. Die Verwaltung, deren Kosten im Jahr 1706 6276 Gulden betrugen verschlang 177633,358 Gulden, 996 Malter Korn, 53 Malter Gerste, 269 Malter Hafer 79 Fuder Wein; für Schreibmaterial bezog der Präsident in 16 Jahren allein 3813 Gulden. Unwürdigster Stellenschacher blühte, viele Pfarrer und Lehrer erhielten ihr kleines Gehalt überhaupt nicht, tüchtige Kandidaten mußten außer Landes gehen, weil sie den Kaufpreis für eine Stelle nicht aufbringen konnten, während die Kirchenräte schwelgten und die geistlichen Schaffner in 15 Jahren über 150,000 Gulden dem Kirchenvermögen zu entfremden wußten.

Als Karl Theodor am 2. Januar 1778 von Mannheim nach München übersiedelte und seine bayrische Erbschaft antrat, war in der gesegneten Pfalz jeder 19. Mensch ein Bettler und durch das Auswandern überwog die Zahl der Frauen die der Männer auf bedenkliche Weise. Der Herzog übertrug die Regentschaft dem allmächtigen Minister, dem Grafen von Oberndorf; da stiegen die Mißstände nur noch höher. Ein uneigennütziger, tätiger Beamte war, wie der Kurpfälzische Medizinalrat sich ausdrückte, ein räudiges Schaf unter einer Herde". Die sinnlosesten und verwerflichsten Monopolien wurden erteilt und den Kurfürsten beherrschten zum Unheil des ganzen Landes gewissenlose Pfaffen und Maitressen. Faules, dumpfes Wesen spielte sich bei Hof auf und die Universität Heidelberg, einst der Stolz Deutschlands, sank unter der Besetzung mit unwissenden, unwürdigen Subjekten in tiefe Niedrigkeit.
Bei solchen Zuständen ist es begreiflich, daß als drüben in Frankreich das Alte stürzte, auch lauter und lauter die Unzufriedenheit in den pfälzische Landen ihre Stimme erhob. Die Regierung wohl ahnend was ihr bevorstand, mied mit Ängstlichkeit jeden Anlaß zur Beschwerde und suchte durch künstlich gemachten loyalen Jubel beim 50. Regierungsjubiläum Karl Theodors den Druck der Zeiten und die wahre Stimmung der Bevölkerung zu übertünchen. Wie wenig indessen geholfen war, zeigt die vom linken Rheinufer ins ganze Land geworfenen Brandschriften wie die "eines überrheiner Bauersmanns an seinen Kurfürsten zu München im Bayernland" in der es heißt: Sollen wir jubilieren, daß wir 50 Jahre lang im Schweiß unseres Angesichts unser Feld bauen durften, um die Schweine und Hasen seiner Exzellenzen zu füttern! Oder sollen wir jubilieren, weil man uns oft mitten aus unserer nötigen Arbeit hinwegriß, um Landschreibern und Oberbeamten in der Ferne große Häuser bauen und nach ihren zusammengestohlenen Landgütern bequeme und kostbare Straßen führen zu müssen! Oder gar, daß er uns und unser sauer erworbenes Eigentum einer Rotte von adeligen und unadeligen Dieben, Kammerdiener, Dirnen, Projektemacher preis gab!"
Aber leider auch die neue Freiheit unter den Franzosen stimmte nicht zum jubilieren: die drei Jahre des Kriegs gegen die Republik forderten von den pfälzischen Landen das Opfer von rund 84 Millionen Gulden!
Die Badischen Lande hatten unter Karl Friedrich einen tüchtigen und sparsamen Regenten, der sich die Hebung seines Landes, besonders des Bauernstandes ernstlich angelegen sein ließ. Im übrigen werden sie, wie alle Nachbargebiete, an den Mißständen der überlebten Zeit auch ihren vollen Anteil gehabt haben.
Im Zweibrückischen sah es wohl nicht viel anders aus, als im Pfälzischen. Der Herzog Karl (Karl August II. Christian aus dem Hause Birkenfeld) war ein Verschwender, der auf seinem Karlsberg zahllose Hunde hielt und über Jagd, Genuß und frivolem Leben nicht an seine geplagten Untertanen dachte. Eine eigenartige Familienerinnerung knüpft sich an ihn. Mein Ururgroßvater Joh. Jakob Roechling, Amtmann zu Soetern, war zur Zeit, als die Revolutionstruppen den Westrich und Hunsrück überschwemmten, Amtskeller auf Burg Nahfelden. Es haben sich noch drei eigenhändige Briefe des Herzogs erhalten, in denen er ihm aufgibt, das Silberzeug im Keller zu vergraben, dagegen mit Sand gefüllte Säcke aus der Burg fahren zu lassen, um den Anschein zu erwecken, als seien die Wertsachen nach außen geflüchtet worden. Der letzte Brief trägt noch den Vermerk von der Hand des treuen Empfängers: "ich habe es gelesen und mit tausend Tränen geküßt". Roechling mußte selbst mit seiner Familie flüchten, es gelang ihm aber, das Silber zu retten. Beim Wiedersehen mit dem Herzog soll dieser tief in seine Kassette gegriffen und ihm eine lange Dankrede über seine treuen Dienste gehalten haben. Aber während die Worte reichlich flossen, glitt auch ein Goldstück nach dem anderen ganz sachte in die Kassette zurück und am Schluß reichte der großmütige Herr dem wackeren Mann die leere Hand.
Gegenüber diesen unseligen Herrschern auf den Thronen der alten tüchtigen Pfälzerfürsten stellten die letzten geistlichen Kurfürsten unsrer Nachbarschaft durchweg persönlich achtenswerte und wohlwollende, wenn auch der Lage keineswegs gewachsene Persönlichkeiten dar. In Mainz begannen schon unter den Kurfürsten Friedrich Karl Joseph Grafen von Ostein (1743-63) und Emmerich Joseph Freiherr von Breitenbach (1763-74) Reformen des Landrechts, des Schulwesens, der Armen- und Waisenversorgung, meist im antijesuitischen Sinn. Die Bevölkerung stand indessen diesen, wie sie meinte, freigeistigen Bestrebungen recht feindlich gegenüber. Der anfänglich reaktionär auftretende Nachfolger Emmrich Josephs, der Freiherr Friedrich Karl Joseph von Esthal, schwankte bald haltlos zwischen den verschiedenen, sich heftig bekämpfenden Strömungen hin und her, ließ sich von den vornehmen französischen Emigranten, die in und um Mainz ihr leichtfertiges Herrenleben fortsetzten, schmeicheln, und kehrte von einer anfänglich preusenfreundlichen Haltung bald zur Freundschaft mit Österreich zurück. Trotz aller Verbote fand auch in Mainz der Geist der Revolution Nahrung, und als im Herbst 1792 Custine gegen den Rhein heranrückte, ließ der Kurfürst sein Eigentum nach Düsseldorf bringen und floh.
Von dem in unserer Gegend von drei Seiten mehrfach tief einspringenden kurtrierischen Land besaß fast ein Drittel, als Lehensleute des Kurfürsten, die reichsunmittelbare Ritterschaft, die Eltz, Waldbott-Bassenheim, Metternich, Schenk von Schmidtburg, Metzenhausen, Schönberg und viele andere, die nach langen Kämpfen um ihre Stellung nunmehr Ehre und Einkommen im kurfürstlichen Dienst genossen, fast ausschließlich die Domherrnstellen besaßen, aber für das Land weiter nichts leisteten. Die Bauern waren fast sämtlich seit alten Zeiten frei und saßen meist als Pächter auf Höfen des Erzbischofs, des Domkapitels, der Klöster, der Reichsritter, und hatten Frohnen, Geldrenten oder Naturalzehnten zu entrichten. Auch Eigenbesitzer gab es überall im Erzbistum zerstreut. Dreierlei Steuern wurden gezahlt: der jährliche "Schirmgulden" von jedem weltlichen Haupt eines Haushaltes; als Nahrungsgeld" von jedem Gewerbetreibenden weltlichen Standes ¼ % als "Schatzung" von jedem geistlichen und weltlichen Nutzungsberechtigten 1% des Reinertrags von Grund und Boden. Die Kammergüter des Kurfürsten, die Besitzung des Domkapitels, die Forsten, Häuser und Scheunen waren frei. Doch wurden die beiden letzteren Steuerarten meist in höherer Vervielfältigung erlegt, durchschnittlich jährlich das 20fache. Truppen lagen in Trier, Koblenz und Ehrenbreitstein insgesamt ca. 1200 Mann.
Seit dem harten Regiment Philipp Christophs von Soetern (1623-52) hatten sich die Kurfürsten im allgemeinen in verständiger, dem Fortschritt der Zeit angemessener Weise das Wohl des Landes und die Hebung ihrer Untertanen angelegen sein lasse. Namentlich Franz Georg Graf von Schönborn (1729-56) und Johann Philipp von Walderdorf (1756-68), ein im übrigen äußerst lebenslustigen und ziemlich verschwenderischer Herr waren sehr beliebt gewesen. Der letzte Kurfürst war ein sächsischer Prinz, Sohn Friedrich August II. und durch seine Mutter ein Enkel Kaiser Josephs I., Clemens Wenzeslaus, im Siebenjährigen Krieg österreichischer Feldmarschalleutnant, dann in den geistlichen Stand getreten, ein Mann, der aus einem ganz anderen Geistesleben und Bildungskreis kam als alle seine Vorgänger, geradezu eine an Rhein fremdartige Erscheinung. Im übrigen war er, so berichtet der päpstliche Nuntius Pacca, ein guter Mann von untadelhaftem moralischen Verhalten; in seiner weltlichen und geistlichen Regierung aber von so schwachem, unbeständigem Charakter, daß er bei jedem Wechsel seiner Minister auch seine Grundsätze und Meinungen wechselt.