Fritz Schellack
Stroh -
vom Rechtssymbol zum Werbeträger

Der nachfolgende Beitrag entstand vornehmlich aus zwei Gründen: 1. Durch die Beobachtung, daß sich in den vergangenen rund zehn Jahren riesige, phantasievolle Strohfiguren als Werbeträger für Feste und Veranstaltungen ausbreiten und 2. aus der Tatsache heraus, daß trotz aller Bemühungen der wissenschaftlichen Volkskunde entgegenzuwirken, nach wie vor, insbesondere über die Medien, zum Teil hanebüchene Interpretationen zu bestimmten volkskundlichen Fragestellungen geliefert werden. Beliebt sind dabei insbesondere die Hinweise auf keltische oder germanische Ursprünge - etwa bestimmter Brauchhandlungen - oder ihre Einordnung in fruchtbarkeitskultische und mythologische Zusammenhänge, oft verbunden mit larmoyanter Rückschau auf die scheinbar guten alten Zeiten.

Gänzlich übersehen in dieser Art von Darstellungen werden - weil sie sich an einem überholten, älterem Forschungsstand orientieren - in aller Regel gesellschaftliche und sozio-ökonomisch bedingte, oft sehr dynamische Veränderungsprozesse, die allen statischen und auf lange Kontinuitäten gerichteten Erklärungsmodellen widersprechen. ?Stroh? und ?Strohfiguren? sind in diesem Zusammenhang ein gutes Exempel, einerseits spezifische volkskundliche Forschungsansätze und daraus resultierende Ergebnisse aufzuzeigen und andererseits die Ausbreitung eines Phänomens zu beschreiben, das auf dem Weg ist, zumindest temporär, ein Begleitelement neuerer Festkultur zu werden.

Eine Betrachtung zur Thematik knüpft sicherlich an Mainzer Forschungstraditionen an, insbesondere auf dem Gebiet der Brauchforschung und der Festkultur, zu der Herbert und Elke Schwedt zahlreiche Publikationen vorgelegt haben. Ob dieser kleine Beitrag den Anforderungen Wolfgang Brückners in seinem Aufsatz ?Brauchforschung tut Not? gerecht werden kann oder ob er sich in die Beobachtung der ?Ausbreitung der mediengesteuerten Allerweltskultur bis aufs Land? einreihen läßt, mag dahin gestellt bleiben. Die Betrachtung könnte aber durchaus ein anschauliches Beispiel dafür sein, wie einzelne Elemente aus einer agrarisch strukturierten Arbeitswelt Bestandteil der folkloristischen Bedürfnisse einer dieser Lebensform entfremdeten Gesellschaft werden.

Vor diesem Hintergrund wird im folgenden die Bedeutung und die Nutzung von Stroh über seine heutige Verwendung als Stall-Streugut hinaus in einer kleinen Skizze betrachtet, wobei das gesamte Spektrum der Thematik nicht berücksichtigt werden kann. In neueren allgemeinen Nachschlagewerken wird in der Regel lediglich der biologische Aspekt von Stroh behandelt, verbunden mit den Hinweisen auf die althochdeutsche Wortbedeutung und die Tatsache, daß zum Begriff Stroh auch die abgewelkten Bestandteile von Hülsen- und Ölfrüchten zu rechnen sind. Ältere Konversationlexika liefern noch darüber hinausgehende Informationen:

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Die technische Verwendung des S.s. geschieht namentlich zu Strohhüten (s. Strohflechterei), zu Strohdecken, den gewöhnlichen Schutzmitteln für Mistbeete, Gewächshäuser u. gegen die Kälte, zu Strohdächern und Dachschindeln, zu niedlichen Arbeiten, als Dosen, Kästchen, Dessins.?

Rund dreißig Jahre später findet sich folgender Hinweis: ?Man unterscheidet Langstroh (Schüttenstroh), ungebrochene Halme, besonders vom Roggen, und Krummstroh und benutzt das Stroh zu Garbenbändern bei der Ernte, zum Decken von Dächern, als Brennmaterial in Lokomobilen, als Pack- und Polstermaterial, zu Geflechten, Matten, Geweben, Seilen, Zierarbeiten (Mosaik), zur Darstellung von Cellulisose (Strohstoff, Strohzeug) für die Papierfabrikation, als Zusatz zum Lehm beim Pisébau, bei Klaiberarbeiten.? Gerade Konversationslexika spiegeln in ihren Artikeln zu bestimmten Themen Veränderungsprozesse wider, wobei in bezug auf das Wort ?Stroh? die Veränderungen in der Nutzung sehr deutlich werden.

Weitergehende Zusammenhänge, etwa der Hinweis auf rechtshistorische Bezüge, finden sich in allgemeinen Nachschlagewerken eher selten, beispielsweise die Tatsache, daß ein aus Stroh geflochtener Kranz ?Zeichen des Tadels, der Schande und Entehrung? war.

Rechtshistorische Bezüge
Aus der römischen Geschichte sind die sogenannten ?Lictores? bekannt. Es handelte sich dabei um Diener der höheren Magistrate und einiger Priester. Sie trugen den Magistraten und Priestern die ?Fasces? (Rutenbündel) mit dem darauf liegenden Richtbeil als Zeichen der Amtsgewalt voran. Das Wort ?Fascis? läßt sich auch mit Strohbündel übersetzen, und aus der geschilderten Nutzung ergibt sich ein rechtshistorischer Zusammenhang aus der römischen Geschichte. Im deutschen Sprachgebiet ist nach Auskunft des unbedingt kritisch zu benutzenden Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens (HDA) der ?Bannschaub?, ein aus Stroh gefertigtes Rechtswahrzeichen, bekannt. Dabei wird ein Strohbündel auf einer Stange aufgesteckt bzw. aufgebunden. Es dient dann als Verbotszeichen, z.B. für das Betreten von Wiesen, Weinbergen, eingesäten Flächen oder Wegen.

Die Frage nach Verbotszeichen im 2. Fragebogen des Atlasses der Deutschen Volkskunde (ADV) von 1931 ?ist zunächst die Frage nach einem weitverbreiteten Gegenstand, seinem Aussehen, seiner Beschaffenheit und schließlich seiner Bezeichnung.? Seit Mitte der dreißiger Jahre dienten die ADV-Erhebungen (Karten NF52 und NF53) als Grundlage für die Behandlung des ?Strohwisches? und zur Vorbereitung der Darstellung in einer historischen Rechtswortkarte. Am Beispiel des Strohwisches wurde zudem exemplarisch die Chance volkskundlicher Grundlagenforschung für fachübergreifendende Zusammenhänge dargestellt. Entscheidend ist die Feststellung, daß mit der kartographischen Erhebung zum Thema ?Strohwisch? eine wichtige Voraussetzung für die Interpretation historischer Belege geschaffen und erheblich erweitert wurde.
Am Ende des 20. Jahrhunderts ist die um 1930 noch verbreitete Kenntnis dieser Rechtssymbolik nur noch Eingeweihten bekannt, was eine kleine informelle, längst nicht repräsentative Befragung zum Thema ergab. Dennoch ist das Verbotszeichen mancherorts - von vielen radelnden und wandernden Touristen unverstanden - noch in Gebrauch, wie ich selbst vor kurzem bei Hackenheim in Rheinhessen oder vor zwei Jahren im Schwarzwald feststellen konnte. Im Hunsrück hingegen fehlen allerdings jüngere Belege.
Im Hunsrücker Dialekt ist der Begriff ?Schaab?, ohne daß die Wortbedeutung im allgemeinen noch bekannt wäre, bis zur Gegenwart geläufig. Es erinnert an die Zeiten, als Verstorbene auf Strohbündeln, später auf Brettern im Haus aufgebahrt wurden.

Funktionelle Nutzung - Stroh als Dacheindeckung
Wenn in Rheinland-Pfalz in den seit Beginn der achtziger Jahre laufenden Programmen zur Dorferneuerung oder -entwicklung die Förderung typischer und ortsbildprägender Akzente propagiert und in diesen Zusammenhängen über landschafts- oder ortstypische Bauweisen referiert wurde und wird, so finden sich darin vom Grundsatz her manche ahistorische, von einem statischen Geschichtsbild geprägte Sichtweisen, z. B. bei Empfehlungen zur Dacheindeckung mit Naturschiefer. Bekanntermaßen hat sich das z.B. im Hunsrück verbreitete Schieferdach für den überwiegenden Teil der Wohn- und Wirtschaftsgebäude erst im 18. und 19. Jahrhundert - nicht zuletzt aufgrund hartnäckig verfolgter obrigkeitlicher Bauvorschriften und Brandschutzverordnungen - durchgesetzt. Im Landeshauptarchiv in Koblenz und in kommunalen Bauarchiven befinden sich ganze Bündel von Akten, die Bittschriften von Bauherrn enthalten, das bisherige Strohdach nicht mit einem Schieferdach ersetzen zu müssen oder von Versuchen der Behörden, aus feuerpolizeilichen Gründen, die bisher üblichen Strohdächer abzuschaffen. Das heute landschafts - bzw. ortstypische Bild ist somit das Ergebnis einer noch nicht besonders alten, rund zweihundertjährigen Entwicklung, die dazu geführt hat, daß die noch im 19. Jahrhundert übliche funktionelle Nutzung des Rohstoffes Stroh fast völlig aus dem öffentlichen Bewußtsein verdrängt wurde. Eine der wenigen Abbildungen von strohgedeckten Gebäuden im Hunsrück findet sich in seiner Dissertation über das Hunsrücker Bauernhaus vom Beginn der dreißiger Jahre, darüber hinaus sind nicht mehr verortbare Fotos aus dem Bildarchiv eines kleinstädtischen Fotografen im Fotoarchiv der Verbandsgemeinde Simmern zu nennen.

Stroh als Bestandteil von Brauchhandlungen
Als dritter Aspekt ist die Verwendung von Stroh bei Brauchhandlungen zu nennen. Diese Nutzungsform hat im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu zahlreichen mythologischen Erklärungsversuchen geführt, die nach heutigem Kenntnisstand sehr kritisch zu prüfen sind und vielfach des schlüssigen Beweises entbehren. Eine in diesem Zusammenhang beispielhafte Untersuchung legte in den sechziger Jahren die Marburger Volkskundlerin Ingeborg Weber-Kellermann vor. Sie unterzog nämlich das Erhebungsmaterial einer der ersten großen volkskundlichen Erhebungen über Erntebräuche, die der Grimmschüler und Mythologe Johann Wilhelm Emanuel Mannhardt (1831-1880 ) 1865 durchgeführt hatte, einer Sekundäranalyse und konnte damit die von Mannhardt in seinem Werk ?Wald- und Feldkulte? dargelegten Ergebnisse von ihrer damaligen mythologischen Interpretation befreien.
Ingeborg Weber-Kellermann fragte nämlich nach den sozialhistorischen Bedingungen der Landarbeit im 19. Jahrhundert und stellte dabei fest, daß z. B. die gemeinsame Arbeit von Frauen und Männern in bestimmten Phasen der Ernte nicht als fruchtbarkeitskultische Handlung zu interpretieren sei, sondern daß notwendige Arbeiten und sinnvolle Arbeitsaufteilung bzw. Zusammenarbeit verrichtet wurden. Zudem verwies die Marburger Volkskundlerin auf den Wert der Mannhardt-Umfrage, die durch die ADV-Erhebung 70 Jahre später in sinnvoller Weise ergänzt wurde: ?Es wäre sehr reizvoll, diesen Weg weiter zu beschreiten, dem man könnte nun dank Mannhardt in der Gestalt zweier Querschnitte, die einen Zeitraum von zwei Generationen umfassen, die Bewegung und Entwicklung bestimmter Denk- und Glaubensvorstellungen verfolgen, wie es uns in derartig unbestechlicher Genauigkeit sonst nicht möglich ist.?

Ein zweites Beispiel für inzwischen selbstverständliche im Fach Volkskunde übliche Arbeitsweisen liefert eine Untersuchung über Bräuche zwischen Saar und Sieg, in der u.a. über die Verbreitung von Strohfiguren bei verschiedenen Bräuchen im Verlauf des Jahres auf der Basis einer großen schriftlichen Umfrage berichtet wird. Strohgestalten bzw. -figuren finden sich an Weihnachten, zur Fastnacht, an den Sonntagen Laetare und Oculi, zu Pfingsten, in der Erntezeit oder zur Kirmes. Die Strohfiguren treten dabei in unterschiedlichen Erscheinungen auf und in Verbindung mit unterschiedlichen Brauchelementen. Strohbären, das zeigen ältere Belege, waren in der Gegend von Wadern, im Warndt, in Rheinhessen, im Westerwald, in der Eifel und im Hunsrück weitaus mehr verbreitet als noch heute. In der älteren Literatur wurde in diese Figuren vielfach Wintersymbolik hineininterpretiert. Die naheliegende und eher funktionelle Interpretation, daß mit Stroh ein preisgünstiges und jederzeit verfügbares Verkleidungselement vorhanden war, wird nur wenig berücksichtigt. Herbert und Elke Schwedt verweisen zudem auf die Nachahmung von Tanzbären, die von Wanderschaustellern als besondere Attraktion mitgeführt wurden.
Solche Strohfiguren sind im Mittelgebirge Hunsrück zu verschiedenen Terminen und Anlässen in der Literatur belegt, jedoch nur noch in wenigen Beispielen in die Gegenwart zu beobachten. Zu denken ist dabei an die Strohbären bei Kirmesumzügen in Neuerkirch und in Horn. Unterdessen macht es Schwierigkeiten, den Strohbären zu maskieren, denn langwachsendes Stroh, das sich gut binden läßt, ist keineswegs mehr ein übliches Abfallprodukt nach der Getreideernte. Auch der Anbau von Hülsenfrüchten ist zurückgegangen, so daß eventuell noch das Stroh von Ölfrüchten wie Flachs oder Raps zu Einsatz kommen könnte. Umgekehrt wurde über neue Nutzungsformen des Strohs nachgedacht.

Stroh als Werbeträger
Die Erfindung von Heu- und Strohpressen in den USA datiert ins 19. Jahrhundert. In den zwanziger Jahren begannen sich solche Maschinen auch in der deutschen Landwirtschaft zu verbreiten und lösten langsam die bisher weit verbreiteten und gefährlichen Strohhäcksler ab. Bisher sind mir keine Beispiele bekannt geworden, daß vor den achtziger Jahren Strohballen oder -rollen zu Werbezwecken benutzt wurden. Die Ausbreitung der großen Strohfiguren scheint deutlich mit neueren technischen Entwicklungen zu korrespondieren, nämlich dem direkten Pressen des Strohs in Form von Ballen und Rollen auf dem Feld. Die ersten leicht fahrbaren Maschinen diesen Typs verbreiteten sich seit etwa 1960 in der deutschen Landwirtschaft. Der Einsatz moderner Großballenrollpressen begann in unserem Raum etwa in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre. Seither gehören Stroh- oder Heurollen in der jeweiligen Erntesaison zu einem interessanten Landschaftsbild - weiß, grün oder gar nicht verpackte Riesenrollen auf Feldern und Wiesen, bevor sie zu ihren Lagerplätzen gebracht werden. Solche Strohpakete als Werbeträger, beschriftet mit Hinweisen auf Hotels oder Tankstellen, finden sich entlang vieler Verkehrsachsen in ganz Europa. Auf diese Weise wird in recht geschickter Manier die insbesondere in Deutschland stark reglementierte Werbung entlang der Straßen unterlaufen.
Eine weitere weithin bekannte Variante - ich bitte den kleinräumigen Blickwinkel zu verzeihen - breitete sich im Gebiet des Hunsrücks seit Beginn der neunziger Jahre aus. Nach bisherigem Kenntnisstand gilt eine Strohfigur bei Klosterkumbd als eine der ersten dieser Art Figuren im vorderen Hunsrück. 1990 wurde sie als Werbung für das örtliche Feuerwehrfest an einem an der Straße von Simmen nach Kastellaun liegenden Feld aufgebaut. Nach Erinnerung des Wehrführers der Freiwilligen Feuerwehr Klosterkumbd wurde man durch einen Artikel in der Deutschen-Landwirtschaftszeitung inspiriert. Hier wurden Möglichkeiten zur ?künstlerischen? Nutzung von Strohrundballen vorgestellt. Aus der Vorlage heraus entwickelten die Festorganisatoren dann eigene Vorstellungen und stellten eine Strohwerbefigur auf, die auch von der etwas entfernt liegenden Kreisstraße gut wahrgenommen werden konnte. Zunächst blieb es in Klosterkumbd bei einer Figur, später warben zwei, und einmal baute man unter großem Aufwand eine Katze aus Stroh. Diese Art von Werbung machte Schule und kann unterdessen zum festen Bestandteil neuerer Festkultur gerechnet werden. Zahlreiche Strohfirguren im rheinhessischen Raum werben ebenfalls für Feste und Straußwirtschaften. Solche letztgenannten Beispiele für gewerbliche Werbemaßnahmen scheinen erst seit kürzerer Zeit auf dem Vormarsch zu sein, z. B. eine überdimensionale Kuh an der Hunsrück-Höhenstraße bei Thalfang, die für die Hunsrücker Land- und Milchwirtschaft warb, oder für einen Gastronomiebetrieb, z.B. an der B 50 bei Gensingen. Die Liste der Beispiele und Verbreitung verschiedenster Figuren ließe sich leicht erweitern, eine systematische Auflistung wäre noch zu leisten, um trotz der scheinbaren Uniformität der Strohrundballen auch den Formenreichtum der Figuren und den Erfindungsreichtum ihrer Erbauer zu dokumentieren.
Diese neuere Nutzungsform von Stroh findet offenbar nicht immer ungeteilte Akzeptanz. Eine anläßlich des 550. Nunkircher-Marktages, dem großen und traditionellen Hunsrücker Volksfest, aus Stroh nachgebildete Nunkirche stand nur für wenige Stunden an der B 50 bei der Abzweigung nach Riesweiler. Unbekannte Täter zündeten das Bauwerk aus Stroh an. Von einem zweiten negativen Beispiel dieser Art bei Bodenheim berichtete am 4. Juli 1997 die Mainzer Allgemeine Zeitung und auch eine der beiden großen Strohenten, die für die 700-Jahr-Feier des Dorfes Pleizenhausen warben, wurde angezündet.
Die Vorfälle zeigen einen Aspekt im weiteren Umfeld von Brauchformen, der in gut bürgerlichen Brauchvorstellungen in der Gegenwart gerne übersehen wird. Es handelt sich um eine oft belegbare, manchmal sanktionierte, manchmal aber auch unkontrollierte Gewalttätigkeit, wenngleich aus sehr unterschiedlichen Motiven heraus. Es bleibt abzuwarten, ob sich das Abbrennen von Werbestrohfiguren analog zum ritualisierten Abschneiden von Maibäumen entwickeln wird.
Neben dem neueren Werbemotiv ist auf eine weitere Verwendung der großen Strohfiguren hinzuweisen: Die Strohfigur als Zeichen des Protests bzw. der Mahnung. Als zu Beginn der neunziger Jahre in den Kreisen Alzey-Worms, Mainz-Bingen und Bad Kreuznach der Standort neuer Mülldeponien bzw. Verbrennungsanlagen sehr kontrovers diskutiert wurde und ein breitangelegter Bürgerprotest aufkam, standen auf privatem Landbesitz an vielen Straßen und Kreuzungen die Strohpuppen und trugen Transparente mit Protestformeln- bzw. -slogans. Diese zuletzt kurz skizzierte Verwendung von Stroh zeigt m. E. Parallelen zu seiner älteren rechtshistorischen Verwendung, als Verbots- und Mahnzeichen. Zugleich hat diese Protestaktion einen weiteren Beitrag dazu geleistet, das Modell ?Strohfigur? im rheinhessischen Raum zu verbreiten.
Abschließend ist darauf zu verweisen, daß die künstlerische Gestaltung von Strohballen Anlaß bot, große Strohfeste zu organisieren, beispielsweise im fränkischen Raum, im thüringischen Stadtroda oder im rheinland-pfälzischen Donnersbergkreis. Ich habe bisher noch keine ?Ursprungsuche? unternommen, wo und wann das erste Strohfest in Deutschland durchgeführt wurde. Nach Auskunft der Stadtverwaltung Stadroda fand das erste bundesweite dieser Art im Ortsteil Gernewitz vom 12. bis 14. September 1997 statt. Zu dieser Veranstaltung kamen nach Auskunft der Stadtrodaer Zeitung 14000 Menschen, den ersten Platz im Strohwettberwerb belegte der Jugendclub ?Rodsche Möhre e.V.? mit der Figur ?Schuhmacher auf Ferrari.? Die Redaktion des Guiness Buchs der Rekorde bestätigte der Stadt, daß im Rahmen des Festes von 1997 die bislang größte Sammlung von Strohfiguren (49) entstanden war.
Eine weitere sachkundige Beobachtung, Beschreibung und Darstellung der Diffusion dieser Feste in der Gegenwart könnte kommende Generationen von Volkskundlerinnen und Volkskundlern eventuell davor bewahren, die Strohfiguren des ausgehenden 20. Jahrhunderts als fruchbarkeitskultische Symbole und Fetische der untergehenden postmodernen Gesellschaft zu interpretieren.
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Um die Anmerkungen gekürzte Fassung eines Beitrages zum Thema ?Stroh? von Dr. Fritz Schellack, Schulstraße 23, 55576 Sprendlingen, gedruckt mit freundlicher Genehmigung des Autors. Der vollständige Beitrag ist zu lesen in: Frieß-Reimann, Hildegard/ Niem, Christina/ Schneider, Thomas (Hrsg.): Skizzen aus der Mainzer Volkskunde. Festgabe für Herbert Schwedt. Mainz 1999. (Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz, Bd. 25), S. 281-293.