Erzählungen von W.O. von Horn

Der Freiersmann

 Eine Hunsrücker Dorfgeschichte


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1.

Wer nicht selber freien kann,
hole sich den Freiersmann.

Volkslied.

Je entfernter eine Gegend von den großen Straßen des Weltverkehres liegt, desto länger erhalten sich Sitten und Gebräuche, ererbt von den Vätern, bei denen sie sich je nach Eigenthümlichkeit des Charakters, der Lebensweise und des Herkommens fest und bestimmt ausgeprägt.

Zu solchen Gegenden ist der Hunsrücken zu rechnen, jenes zwischen Rhein, Mosel und Nahe gelegene Hochland, das an Fruchtbarkeit, Naturschönheit und historischen Denkmalen reich, sehr unverdient in dem Rufe steht, eine rauhe, unwirthbare Gegend zu sein.

Wenn auch hier die moderne Cultur hin und wieder zu lecken beginnt, wenn auch hier die Zeit leider nicht allzu ferne sein dürfte, wo die alte Sitte moderner Verflachung weichen wird, so ist doch zur Zeit noch das Alte in Ehren, so liegt im biederen, treufrommen Charakter des Volkes noch ein mächtiger Damm, und da es kaum zu erwarten steht, daß eine Eisenbahn diese Höhen und Thäler, Fluren, Wälder und Wiesen durchschneide, so wird auch der entsittlichende und nivellirende Touristenweltstrom kaum seine Wogen ausbreiten. In diesem frischen und schönen Landstriche, fast in der Mitte der angegebenen Flußgrenzen, liegt eines jener stattlichen Dörfer, denen man den Wohlstand von ferne ansieht, wenn auch die wohlbestellten Fluren, die saftigen Wiesengründe, der jene und diese fast von allen Seiten dunkel begrenzende Hochwald einen solchen Schluß nicht von vornherein rechtfertigten.

Inmitten des Dorfes steht auf einer hügelartigen Erhöhung die Kirche, deren Bauart zwar nichts Bedeutendes hat, deren schmucke Erscheinung aber auf den Werth schließen läßt, welchen das Kirchspiel auf die Stätte seiner Anbetung legt.

Vor der Kirche, wenn auch etwas tiefer, breitet sich ein freier Platz aus, in dessen Mitte die uralte, an Höhe mit dem Kirchthurme wetteifernde Linde steht, unter deren schützenden Aesten seit mehr denn einem Jahrhunderte die Gemeinde tagt, wenn der Schöffe sie zu gemeinsamen Berathungen ruft.

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Nicht regelmäßig reihen sich die Häuser in langen, geraden Gassen an die Kirche, sondern Gärten liegen dazwischen; Wiesengärten mit Obstbäumen schließen sich hinten an die Häuser. Dadurch tritt eines zurück, das andere rückt vor; aber es ist frisches Grün zwischen den Gehöften, und das Wohnen darin ist anmuthig und gesund. Nachbarn sind sich nahe genug zur Hülfe und ferne genug zum Streite.

In diesem Dorfe, dessen Namen aus Gründen nicht genannt wird, die darin liegen, daß von Lebenden nicht gut reden ist, wohnte ein Bauer, der Michel mit seinem Taufnamen geheißen, und seine Frau Eva. Aus beiden Vornamen der Eltern bildet sich meist die Bezeichnung der Familie im alltäglichen Verkehre. So hieß die Familie Evemichel’s im ganzen Dorfe. Daß der Name der Frau voransteht, ist allgemeiner Brauch.

Evemichel’s waren reich, Wo ein Acker sich zu einem oder mehreren Morgen dehnt, da war er Evemichel’s; wo eine fette Grummetwiese lag, da gehörte sie ihnen. Und daß der alte Evemichel auch Kapitalien auf Handschriften ausstehen hatte, war kein Geheimiß. Die glänzendsten und größten Kühe, die stattlichsten Pferde und in der Regel die schönsten Fohlen, die bei der Probebesichtigung mit R gebrannt wurden, hatte er.

Evemichel’s hatten nur zwei Kinder, einen Sohn, Evemichel’s Jakob, der in Berlin bei der Königsgarde diente, was schon selbst soviel heißt, als er war einer der schönsten Bursche, denn zur Garde nahm die Departementscommission nur die größten und schönsten unter der waffenfähigen Mannschaft, und eine Tochter, Margreth, die unstreitig das schönste Mädchen auf zwanzig Stunden war. Sie konnte sich in der Ernte den ganzen Tag der Sonne aussetzen und blieb weiß wie Schnee. Man meinte, die bräunende Sonnengluth habe ordentlich Scheu, solche Haut zu bescheinen. Ihre großen Augen, so mild in ihrem Ausdrucke, waren blau wie der Himmel. Ein Borsdorfer Apfel hat so rote Bäckchen nicht wie Margreth, und der schöne Flachs, den ihr Vater zog, konnte sich mit der reichen Fülle ihrer blonden Haare nicht vergleichen lassen; denn sie hingen wie ein glänzender Mantel um sie und reichten bis zur Hüfte. Dabei war sie gewachsen wie eine Tanne. Kurz, wer etwas an ihr tadeln wollte, müßte ihr Feind oder ein Narr gewesen sein, der nicht gewußt hätte, was schön sei.

Ueber Margreths Schönheit ging ihr Ruf. Fleißig wie ihre Mutter, sittig und sittsam wie diese gewesen, sanft und stille und gegen die Armen so gibbelgäbig wie nur Jemand im Dorfe, - so war sie von Allen anerkannt. Nichts wunderte aber die Leute so sehr, als daß sie keinen Bursch hatte. Es war auch zu verwundern. Wo ist denn heutzutage ein Mädchen, das jung, schön und reich ist, das nicht auch seinen Schatz hat? Manche Bursche, die fix mit dem Maule waren und gerne utzten, nannten sie eine Nonne, weil sie Abends nicht in Maien (1) kam und an der Kerwe (2) nur bis zehn Uhr beim Tanze blieb. Das Mädchen kümmerte sich darum nicht.

Manche meinten: sie habe eine Kartoffel, wo Andere das Herz hätten, und wollte ledig bleiben, aber da irrten sie. Margreth hatte das poppernde Mädchenherz so gut in der Brust wie jede Andere, und sah mit ihren blauen Augen auch, daß Martins Fritz schöner war als Barthels Franz und Caspers Andres, und die alle Drei gingen ihr zu gefallen.

Ihre Mutter sagte: „Margreth fang’ mir mit Keinem ein Gehänge an. Es darf Dir Einer besser gefallen als der Andere, ich kann aber das Gehänge nicht leiden!"

Dem gehorchte sie; allein sie schlief hinten hinaus und alle Abend schlich der hübsche Martins Fritz in den Grasgarten oder die Pütz, wie er auch heißt, und fing mit ihr zu plaudern an, wenn sie im Fenster lag, das war ja kein Gehänge! Das wußte auch kein Mensch im Dorf, und die zwei verriethen auch einander nicht. Nun sie waren Nachbarskinder; waren mit einander in die Schule gegangen und mit einander confirmirt worden, und jetzt gefielen sie sich noch viel besser wie damals. Martins Fritz war auch ein kreuzbraver Bursch, ein reicher Bursch, ein einziger Sohn - aber gegen seinen Vater, als er noch lebte, trug der Evemichel einen Groll; denn er hatte über die Dachtraufe seiner Scheuer, die in Martins Garten fiel, mit ihm prozeßt und er den Prozeß verloren, das vergaß er nicht. Martins Fritz hauste mit seiner Mutter, und die starb ihm an der hitzigen Brustkrankheit. Da mußte er heirathen. Er hatte auch unter der Königsgarde gedient und war nun in der Landwehr, konnte also heirathen.

Eines Abends sagte er:

„Margrethchen, jetzt muß ich heirathen. Nimmst Du mich?"

Margreth wurde roth bis in die Ohrläppchen und schwieg.

„Magst Du mich nicht?" fragte er besorgt. „Sag’!"

„Geh zu meinem Vater!" flüsterte sie rasch und machte das Fenster zu.

Das war ihm genug gesagt und er ging fröhlich heim; aber daheim fiel ihm das Herz in die Schuhe, denn er dachte an Evemichel’s Haß gegen seinen verstorbenen Vater, der auch auf ihn überging, denn er hatte müssen einen Kandel an’s Scheuerdach machen und das hatte ihn viel Geld gekostet. Was war da zu thun?

Jede Ehe wird auf dem Hunsrücken noch durch einen Freiersmann geschlossen. Zu solchem Geschäft eignet sich nicht Jeder, weil es manchem sonst braven Mann an der nöthigen Würde und Beredsamkeit fehlt. Meist gewinnt Einer als Freiersmann Ruf und Ansehen, und weiß er sich darin zu behaupten, so wird sicherlich selten eine Ehe geschlossen, ohne daß er Freiersmann gewesen ist. Dieses Geschäft ist vorteilhaft. Es bringt ein stattliches Trinkgeld ein, berechtigt zum Hochzeitsschmaus und sichert lebenslänglichen Einfluß in der neu gegründeten Familie.

Wenn man von der Kirche rechts in die Borngasse einbog, so stand neben dem Backhaus am Brunnen ein schönes Haus. Darin wohnte der rothe Balthes. Das Bonmot „Roth" kam von den Haaren, die jene Farbe trugen, welche man flammend nennen konnte, und die gekräuselt waren, wie die eines Negers. Obgleich man das Sprüchwort hat: „Rothe Haare und Erlenholz wachsen auf üblem Boden," so ist’s doch nicht allemal wahr. Der Balthes war trotz seiner rothen Haare ein ordentlicher Mann. Er verstand aber das Freien aus dem FF und hatte ein Plauderment wie ein Winkeladvocat oder sogenannter Ferkelstecher. Was der nicht rund brachte, blieb eckig in alle Ewigkeit. Schon gar manche recht glückliche Ehe hatte er fertig gebracht. Daher kam’s, daß er aller Welt Freiersmann war und in dem Geschäftsfach eines Rufes genoß, den er mit Keinem theilte.

Sonntags Mittags saß der rothe Balthes am Tische. Vor ihm lag die große Baseler Bibel, darin er den Text las. Seine Frau hatte das Gesangbuch. Kinder hatte der rothe Balthes nicht.

Da ging die Thüre auf und Barthels Franz, der Wagner, trat herein und sagte: „Guten Tag, Cumpeer!"

Balthes, der im Sonntagsnachmittagswamms und im grauen Sammtkäppchen, das mit Marderpelz verbrämt war, dasaß, grüßte: „Großen Dank!" und rückte das Käppchen.

„Was bringst Du, Franz?" fragte er. „Du kannst bei meiner Frau reden; Du weißt, sie hört nicht gut!"

Dem war so und Franz sagte: „Cumpeer, ich bringe nicht viel, aber mein Vater will, ich soll heirathen."

„Da hat er Recht!" sagte Balthes.

„Da soll ich Euch fragen, ob Ihr mein Freiersmann werden wolltet gegen Erkenntlichkeit."

Dabei legte er zwei Thaler in Balthes’ Hand.

„Das läßt sich hören, sprach der Taube, als er eine Ohrfeige bekam," - entgegnete der rothe Balthes und steckte schmunzelnd die zwei Thaler in die Tasche.

„Wer ist denn Deine Auserwählte?"

„Evemichel’s Margreth!" versetzte Franz.

 

„Ei sieh’ mal da!" rief Balthes. „Du bist kein Narr und auch kein Esel. Wenn ich meine Frau nicht hätte, gefiel die mir auch, denn sie ist die Krone der Mädchen weit und breit. Will sehen, Franz, was ich mache, und glückt’s, so soll mich’s freuen."

Damit wollte Franz sich schieben, aber Balthes sagte: „Komm’ auf den Sonntag wieder, so sollst Du hören, wie es steht."

Nun ging er mit freundlichem Adjes und empfahl noch die Sache mit den Worten: „Sparet keine Worte, Cumpeer, es soll auch weiter Euer Schaden nicht sein."

Als er draußen war, besah Balthes die Thaler mit Vergnügen und sagte zu seiner Frau: „Das ist verdient, Agnes," und sie nickte lächelnd.

Gleich darauf geht die Thüre auf und Kaspers Andres trat herein, grüßte freundlich und meinte, es sei schön Wetter heute.

„O ja," versetzte der rothe Balthes und sagte: „Setz dich Andres. Du kommst auch nicht um des schönen Wetters willen zu mir. Geb’ Acht, ich rath’s!"

„Rathet einmal!" sagte lachend Andres.

„Du hast drüben zu F. ein Körbchen gekriegt und nun soll ich wieder einen Henkel dazu machen!"

„O nein," versetzte Andres. „Das kann ich selbst. Eine reiche und hübsche Frau sollt Ihr mir verschaffen. Den Korb könnt Ihr für Euch behalten."

„Da hätt’ ich was Rechts!" rief der Balthes.

„Nun, wenn Ihr einen Korb wollt, so kauft Euch einen, hier ist ein Thaler!" Damit drückte er ihm einen Fünffrankenthaler in die Hand.

„Da will ich’s versuchen," sprach lachend Balthes; „obwohl der noch nicht recht schön wird."

„Ei, hintennach zahl’ ich, daß er Euch gefällt" - ergänzte der Andres.

„Aber sag’ ‘mal," hob Balthes an, „ich meine, Du führtest Schneider’s Lene nach?"

„Nachführen und heirathen ist zweierlei," sagte Andres mit einem pfiffigen Schmunzeln.

„So?" war Balthes Antwort. „Recht ist’s nicht! Das Mädchen, das man nachführt, soll man auch heiraten."

„Wollt’s auch" sagte Andres ernst; „aber mein Vater will einmal, ich soll Evemichel’s Margrethchen heirathen."

„Und da machst Du nicht viel Sprenzpfeffer, nicht wahr? Glaub’s auch. Das Mädchen ist wie aus einem Kaufladen, so hübsch und nett."

Das sagte Balthes lachend, und der Andres meinte: er habe so weit nicht vom Ziele getroffen, denn das Mädchen habe es Allen angethan; nur sei sie so strüf (3) und man meine, sie könne keine drei zählen; aber er hab’s doch herausgeknöchelt, daß sie eine Tochter Eva’s sei, denn er meine, der Martins Fritz wisse, wie ein Küßchen von ihr so süß sei.

„Was?" fragte Balthes eifrig. „Meinst Du? Sollt’ das sein? Meiner Treu! das wär ein Paar, wie’s die Tauben feiner nicht zusammentragen."

„Der Martins Fritz soll sich’s aber vergehen lassen!" rief der Andres. „Wenn er auch ein schön Sachspiel (4) hat, so hat der alte Evemichel den Dachtraufprozeß noch in den Gedärmen liegen wie einen harten Stein. Ihr wisset, daß der lieber Alles vergißt, als verlorenes Geld. Nun, er hat auch Recht. Was hätt’s dem Martin gethan, wenn er die Traufe hätt’ in seinen Garten fallen lassen? Man muß nicht so obstinat sein."

„So?" sagte Balthes. „Hätt’ mein Lebtag nicht geglaubt, daß Du so ein Lämmchen wärst, das sich so stille scheeren ließe! Man versieht sich doch an Niemand mehr wie an den Leuten! Um was handelte es sich doch, als Du den Barthel den Arm entzwei schlugst?"

„Der hat angefangen!" rief Andres, „und es war auf dem Nonnkircher Markte, wo es, wie Ihr wißt, selten glatt abgeht."

„Ich meine," sagte der Balthes, „er hätte ein Fenster in seine Stube brechen wollen, das in Eure Pütz ging?"

„So war’s auch," sagte Andres; „aber es war doch kein Prozeß!"

„Freilich," entgegnete Balthes, „Du zahltest den Gregorius (5) und die Salben in der Apothek und ackertest ihm sein Feld, weil er nicht konnte. Nun das war nichts als ein Stopfen in’s Maul! - Kostete aber viel!"

„Ob nun der fette Vergleich oder dort der magere Prozeß mehr war, weiß ich nicht; das weiß ich aber, daß der Barthel des Evemichel’s Schwager ist."

„Himmel und Erde!" rief Andres, „das wäre schlimm, wenn er noch dran dächte!"

„Kurze Gedanken und lange Bratwürste sind hübsche Sachen," versetzte der rothe Balthes, „aber ich glaub’, der Evemichel hat beides lang."

„Meint Ihr?" fragte Andres.

„Was kann man meinen?" war Balthes’ Antwort. „Wart’s ab, sagt der Jekuf."

Nicht ganz geheuer war’s dem Andres, als er ging.

Balthes sagte zu seiner Frau: „Zwei Thaler und ein Thaler macht drei Thaler und noch zehn Groschen. Das ist ein guter Taglohn heute, Agnes, meinst Du nicht?"

„Du hast aber dem Andres den Kümmel gerieben!" sagte sie.

„Das ist ein frecher Bub’ und meint, er wäre überall Hahn im Korbe," sagte der Balthes; „dem muß man ein bischen aufpochen. Weißt Du, wem ich das Mädchen gönne? Dem Fritz! Ob es wahr ist, daß es die zwei miteinander haben, wie die Buben die Vogelsnester?"

Als er eben diese Worte geredet, trat Fritz herein. Er war des Balthes naher Verwandter.

„Ei, Vetter," rief ihm der Balthes zu, „Du siehst ja drein wie geronnene Milch! Hat Dich der Evemichel bei dem Margrethchen ertappt?" - Er dachte: frischweg kommst Du der Sache auf den Grund!

„Vetter, scherz nicht," sagte Fritz, aber er war roth geworden wie ein Mädchen. „Wie sollt’ der mich ertappen? Ich habe nichts mit dem Mädchen!"

„Es vielleicht mit Dir," bemerkte spottend Balthes. „Das kostet ein Geld."

„Wie kommt Ihr zu solchen Reden?" fragte Fritz ärgerlich.

„Der Andres sagte eben, Du wüßtest, wie ein Kuß von ihren rothen Lippen schmeckte."

„Der Esel!" rief zornig der Jüngling. „Wart’ ich stopf’ ihm sein böses Maul. Das ist Grimm, weil das Mädchen dem Krakeeler abschlug, mit ihm auf die Kerwe zu gehen!"

„Mit Dir wär’s wohl lieber gegangen?" fragte listig Balthes.

„Wer weiß es?" war Fritzens Antwort.

„Ich!" rief Balthes.

„So wißt Ihr mehr wie ich," versetzte Fritz.

„Oder weniger!" fiel ihm der Balthes schnell in’s Wort. „Vorgestern Abend stand Einer bei dem Margrethchen am Hinterfenster, der meinem Vetter Fritz glich wie ein Haar dem anderen auf meinem Kopfe, denn sie sind alle roth. Meinst Du, ich wäre blind, Bübchen?" setzte er lachend hinzu, „brauchst nicht roth zu werden, ich hab’s gerade so gemacht. „Gelt, Agnes? Und einen Kuß in Ehren kann Niemand wehren."

Der Fritz stampfte mit dem Fuß auf. „Verdammt!" rief er. „Ich kam zu früh."

„Glaub’s auch," sagte Balthes. „Also sonst kamst Du später? Aha, der Vogel sitzt im Meisenkarren, Agnes!"

Beide lachten laut auf; am Ende lachte Fritz mit.

„Weil’s Euch denn bekannt ist, will ich’s nicht leugnen," sagte er. „Ja, Vetter, wir haben uns lieb, und darum komm’ ich, Euch um Euer Wort beim Evemichel zu bitten. Ich will’s kurz machen."

„Ach, Du armer Fritz," sagte Balthes, „Du bist der Dritte, der heute kommt und um das Mädchen will gefreit haben."

Fritz erbleichte. „Wer ist’s denn gewesen?" fragte er.

Balthes nannte sie. „Alle Beide schwere Bursche," sagte er. So schwer wie Du auch! Und der alte Evemichel hat auf Deinen Vater einen alten Pik. Hält er den noch, dann steht’s schlimm."

Fritz saß lange still da und sah in eine Ecke. Dann seufzte er tief auf und Agnes meinte, es habe so feucht in seinen Augenwinkeln geglänzt.

„Vetter," sagte er, „Ihr seid mein nächster Verwandter, habt stets wie ein Vater an mir gethan. Glaubt Ihr, daß sie eines Andern Frau wird?"

„Kind, Kind," sagte Balthes, „Du vergißt, daß ich des Menschen Gedanken nicht kenne. Die sind nur Gott bekannt. Aber gesetzt auch, es schlüge fehl, willst Du auf und davon gehen?"

„Ja," sagte Fritz fest; „dann capitulir’ ich und werde Soldat. Mir kräht kein Hahn nach!"

„Aber ein Paar schöne Augen weinen Dir nach," sagte Agnes.

„Aber," entgegnete Fritz, „ein Paar schöne Augen dürfen mir dann nicht mehr lächeln!"

„Das ist wahr," sagte Agnes, die Base. „Es sollte mir leid um Euch Beide thun. Balthes", wandte sie sich an diesen: „Rede süß wie Honig und beweglich wie der Pfarrer, wenn er über den Jüngling von Naim predigt. Ein Menschenherz ist kein Wacken (6) und Dir ist schon Manches gelungen."

Balthes strich durch die rothen Haare: „Könnt ich Euch zusammenbringen, so wollt ich hüpfen vor Freude! Ich will Alles überlegen und - verlaß Dich drauf, was ich Dir thue, thue ich Niemanden sonst."

Fritz drückte seine Hand und ging. Geld gab er nicht. Es wäre eine Beleidigung gewesen.

Abends paßte der Andres auf; aber Fritz ahnte es und kam nicht. So war’s auch an den folgenden Abenden. Und da Balthes im Wirthshause den Andres einen Lügner nannte, so zerschlug sich das Gerede bald wieder. Dem Fritz aber empfahl er Vorsicht, denn erfuhr’s der Alte, so war vollends Feuer im Dache.

 2.

 Wie lang bleibt doch der Freiersmann,
Ich kann es kaum erwarten.

Freischütz.

 

„Gut Ding will Weile haben," sagte der rothe Balthes, als seine Frau, die Agnes, sagte: „Du vergißt ja ganz Deiner Freierei!" „Für Drei an Einer freien!" rief Balthes, „das ist mir noch nicht vorgekommen. Meinst Du, das wär’ so leicht, als Haselnüsse krachen? Da es aber heute Sonntag ist, so geh’ und hole mir den Hochzeitsrock, und ich will sehen, wie’s ablauft."

Agnes holte den Rock und den Hut, und Balthes schritt ganz pathetisch in Evemichel’s.

Margrethchen sah ihn am Fenster. Als er aber sein spitzbübisches Gesicht machte, mit den Augen blinzelte und ihr zunickte, da floh sie wie ein gescheuchtes Reh in ihr Stübchen und betete leise weinend zu Gott, daß er ihrer Eltern Herz zu ihrem Glücke wende.

Die Alten, Eva und Michel, waren allein.

Die Sitte fordert, daß man den Freiersmann, wenn er willkommen ist, mit Ehren empfange. Heißt ihn die Mutter sich setzen, so ist das eine gut Vorbedeutung. Trägt sie Butter, Käse und ein Glas Schnaps auf, so ist hundert gegen eins, sofern man um den werbenden Jüngling weiß, daß ihm ein Korb bevorsteht.

Balthes trat mit Würde und Anstand ein. Er grüßte sehr höflich.

„Großen Dank, Cumpeer," sagte Michel, und Mutter rückte einen Holzstuhl und sagte: „Setzt Euch, Cumpeer Balthes;" aber sie holte kein Essen.

Das geht gut! dachte dieser und sagte: „Geht’s bald an’s Flachsbrechen und an’s Dreschen?"

„Mit dem Flachsbrechen," sagte Michel, „wird meine Eve und Margreth fertig, aber zum Dreschen fehlen die zwei Arme in Berlin."

„Freilich," entgegnete Balthes, „aber ich wüßte Rath?"

„Welchen?" fragte Michel.

„Schafft Euch zwei andere an die Stelle, Cumpeer!" sagte Balthes.

„Ihr habt Recht," sagte Michel, der wohl verstand, wohin Balthes steuerte, aber der Sitte gemäß ausbeugte: „ich will mir zu Weihnachten Kuhhirtens Peter als Knecht dingen; das ist ein tüchtiger Kerl, der Armenschmalz und guten Willen hat."

„Dem müßt Ihr vierzig Thaler und die Kost nebst doppeltem Zubehöre geben," sprach Balthes; „mein Rath ist besser. Ein Schwiegersohn schaffet umsonst."

„Ihr habt gut reden," sagte Michel. „Wo soll der herkommen?"

„Ich habe Drei für Einen im Sacke," sagte Balthes.

„Wenn ich auch das für einen Scherz nehme," sagte Michel, „so dürft’ ich eben auch im Scherze sagen: so stellt sie auf den Tisch."

„Cumpeer," sagte Balthes und stand auf, „diesmal hat der Scherz ein Ende. Es ist so. Ich komme für Drei als Freiersmann."

„Ihr treibt Euren Spaß weit!" versetzte Michel.

„Bei Gott, ich scherze nicht!" rief Balthes.

„Ach Du lieber Gott!" rief die Mutter aus und schlug die Hände zusammen. „Drei! da würde unser einem ja die Wahl schwer!"

„Unversucht schmeckt nicht," entgegnete Balthes. „Darf ich reden?"

„Redet, Cumpeer, ich höre!" versetzte Michel, und die Spannung seiner Seele leuchtete aus jedem seiner Züge.

„Für’s Erste," hob Balthes an, „hat Euch Gott mit einer Tochter gesegnet, die ihres gleichen sucht und nicht findet, sowohl an Schönheit der Leibesgestalt, als an Fleiß, Sittsamkeit und Tugend. Da ist es kein Wunder, wenn außer den Augen der jungen Bursche auch die der Väter und Mütter auf so eine Perle fallen. Da ist zuerst der Barthel im Unterviertel, der hat einen braven Sohn, den Franz. Er hat gedient, ist in der Landwehr, versteht sein Ackern und Säen und hat sein schönes Haus nebst Zubehör, wie Ihr wißt, und sein gutes Handwerk. Dreißig Morgen Aecker sind sein Erbe, und zehn Morgen Wiesen sind auch ein Wort. Im Rech grenzt Ihr an ihn, im Langberg, im Graben, und wenn ich alle die Aecker nennen wollte, wo er neben Euch liegt, und wo also die jungen Leute gleich ein schönes Stück zusammenliegen hätten, so hätt’ ich viel zu thun; Ihr wißt das besser. Drum komm’ ich und werbe für ihn um Euer Kind und wünsche, daß Ihr ja saget."

„Das Wort ist gut," sagte Michel mit ernster Miene, aber Ihr sprachet von Drei, Cumpeer; ich will Keinen auf die Zehen treten. Laßt hören, wer die zwei Anderen sind, damit ich meinen Entschluß fasse."

„Nun," hob der rothes Balthes wieder an, „der Andere ist Kaspers Andres. Zwar ist er ein wenig ein Krakeeler, aber die raufigen Bursche geben die besten Männer. Jugend hat nicht Tugend, das Alter aber Weisheit auf dem Kopf und Weisheit drin. Es ist Mancher ein tüchtiger Hausmann und Ehemann geworden, der ein lustiger und trutziger Bursche war und auf dem Nonnkircher Markte stark dreinschlug. Ich denke," sagte Balthes mit einem schalkigen Lachen, „das wißt Ihr am besten an Euch selbst. Was aber seine Sach’ betrifft, so wißt Ihr, daß er ein reicher Bursch ist und nur mit zwei theilt."

„Alles wahr," sagte Michel. „Wer ist der Dritte?"

„Das ist der bravste, schönste, fleißigste Jungbursch im Dorfe, der Herr seiner Sach’, Herr im eigenen schönen Hause, Scheuer und Hof ist; der unstreitig die schönsten Aecker und Wiesen hat, der nie Streit und Schlägerei hatte, nie vor Amt war, niemals besoffen gesehen wurde, und der Euch, seine Schwiegereltern auf den Händen tragen würde; ich meine Euern Nachbar, Martins Fritz."

Als Balthes den Namen aussprach, blickte Eva mit dem Ausdrucke der Besorgniß auf Michels Gesicht. Er sah kalt und gleichgültig zur Erde, doch zuckte ein unverkennbarer Unmuth über die Züge, als Balthes den Namen nannte. Kein Wort kam indeß über die Lippe.

Balthes griff in die Tasche und zog ein Papier heraus, das er Michel hinreichte. „Ihr wißt," sagte er dabei, „wir haben keine Kinder und keine nahen Erben. Wir können mit unserer Sach’ machen, was wir wollen. Da haben wir’s denn dem braven Fritz vermacht. Das bleibt aber unter uns hier gesagt!"

Der Alte las es durch und gab’s zurück, ohne seine Miene nur ein kleinwenig zu verändern.

Balthes wartete eine Weile, dann sagte er: „Nun, wie steht’s?"

„Wie soll’s stehen?" sagte Michel. „Laßt mir acht Tage Bedenkzeit. So etwas will überlegt sein."

Damit mußte sich der Balthes zufriedengeben. Er blieb noch ein Weilchen, dann sagte er gute Nacht und ging heim.

„Das ist eine kuriose Geschichte! sprach kleinlaut Eva. „Andere kriegen keine, Margreth drei auf einmal. Soll ich’s ihr sagen?"

„Drückt’s Dir schon wieder das Herz ab?" fragte Michel zornig. „Kann doch so eine Weibszunge nicht ruhen noch rasten, bis sie gepappelt hat, was sie weiß. Ich sage Dir, das Mädchen darf nichts wissen, und Du schweigst!"

Das war eine kräftige Ordre, die sie sich zu Herzen nahm. In ihrer Ehe bestand Frieden, denn Eva war eine kluge Frau. Sie wußte, wo sie schweigen mußte, und that’s. Wenn sie auch die Hosen nicht hatte, so ging doch gar Vieles nach ihrem Sinn, ohne daß es Michel merkte. Sie wußte so geschickt die Sache einzufädeln, daß er meinte, ihre Gedanken seien seine eigenen und das ist so die rechte Art pfiffiger Weiber. Diesmal schwieg sie, aber als sich Abends Michel im Bett herumwarf, sagte sie: „Hast Du Leibpein? Soll ich Dir ein Schnäpschen holen?" Sie wußte aber recht gut, wo die Pein saß.

„Nein," sagte er, „die verfluchte Geschichte geht mir im Kopfe herum, daß ich gar nicht einschlafen kann. Der Franz gefiel mir am besten, aber seine Mutter ist eine Kratzbürste. Da ist mir mein Kind zu lieb, als daß es als Schnerch (77) solch einer Zaun-scheere zwischen die Messer kommen sollte. Die sollt’s wüß (8) beschneiden und ihm das Muß auf dem Kopfe hacken. Sie ist ein rauhelich (9) Weibsbild, die mit Niemand im Frieden lebt. Der Bub’ ist sonst so so - la la!"

„Ach, leider ja," sagte Eva. „Ich sehe doch, wie Du ein recht treuer Vater bist. Obgleich Du Herr im Hause bist, so muß ich doch auch sagen, der gefiele mir gar nicht für unser schönes Kind."

„Und der Andres," fuhr, geschmeichelt durch das Anerkenntniß seiner Hausherrschaft, Michel fort, „ist ein grober Krakeeler, der den Leuten gleich Arm und Beine entzweischlägt. Denkst Du noch an die letzte Geschichte?"

„Freilich denk’ ich dran!" seufzte Eva. „Der würde mit seinem Hitzkopf auch ‘mal unser Kind traktiren." (10)

„Er hat keinen Respect vor dem Alter," fuhr Michel fort, „und am Ende schlüg er mir selbst ‘mal eins über’s Dach." (11)

„Du gäbst ihm zwar Kapital und Zins zurück," versetzte Eva, „aber es wäre doch erstaunlich schlimm, wenn wir so den Leuten im Mund herumgingen, und wer sich die Nase abschneidet, schändet sein Angesicht, sagt das Sprüchwort."

„Und vollends der Fritz," fuhr Michel fort, „ich kann den Prozeß nicht vergessen!"

„Den hat er ja nicht geführt," bemerkte Eva, „und - "

„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamme," fiel ihr der Mann in die Rede.

„Aber er ist brav," sagte sie.

„Er ist so ein Duckmäuser, und die haben’s Alle hinter den Ohren!" sagte er.

„Bedenk’ aber einmal, es ist keine Schwiegermutter im Hause, das Gehöfte grenzt an uns. Er hat herrliche Aecker und das Vermächtniß!"

„Alles gut," entgegnete der Michel, „aber der rothe Balthes hat böse Milch getrunken und - rothe Haare! Der kann’s noch hundertmal umstoßen - und in Summa - ich will Den nicht zum Eidam, dessen Vater mich vor Amt brachte; denn meine Eltern und Großeltern konnten zu ihrem Ruhme sagen: sie seien nie vor der Herrschaft gewesen, und um den Ruhm hat mich sein Vater gebracht. Still von Dem, da wird nun und nimmer etwas draus!"

Damit legte er sich herum.

„Aber was willst Du denn thun, Michelchen?" fragte die Frau mit einem Seufzer.

„Nichts!" war die Antwort.

„Aber was soll das heißen?" fragte sie noch einmal.

„Sie kriegen Alle einen Korb und damit holla!" Das Holla war immer das letzte Punktum. Hatte Michel das ausgesprochen, so biß keine Maus mehr einen Faden ab. Fünf Minuten später schnarchte er, und das war das sichere Zeichen tiefen Schlafes.

„Armes Kind!" seufzte die Mutter, denn sie allein ahnte, daß Fritz ihres Kindes Herz besaß.

 3. 

Es könnte wohl ein Jawort sein,
doch ist es jetzt ein Nein;
Es ist ein kitzlich Ding das Frei’n,
Drum rath ich, laß es sein!

Volkslied.

Der rothe Balthes war richtig nach acht Tagen wieder da, seinen Bescheid zu holen, aber er sah schon an Michels krauser Stirne, daß das Wetter nicht klar war, und Margrethchens rothgeweinte Augen waren auch keine Freudenboten. „Es muß gewagt sein," hatte er zu sich selbst gesagt, und so trat er fest in die Stube, wo sein Gruß höflich erwiedert wurde.

Alsbald kam Eva, setzte Butter, Käse, Brod und ein Glas Branntwein auf den Tisch und lud Balthes ein, zuzulangen.

„Danke," sagte er; „ich sehe schon, woher der Wind weht. Macht’s kurz, Cumpeer Michel, macht’s kurz, denn mir braucht man nicht mit den Scheuerthor zu winken. Also alle Drei abgewiesen?"

„Fragen und antworten macht die Rede," sagte Michel. „Seht Ihr, Cumpeer Balthes, ich hab’ mir die Sache überlegt. Mein Kind ist noch jung; die Mutter will’s noch besser in der Haushaltung anführen. Es ist aller Ehren werth, was Ihr mir angetragen, aber ich möchte von den Burschen keinen beleidigen. Darum mein’ ich so, es wär’ besser, ich gäb’ das Mädchen keinem von den Drei."

„Ihr habt Euern freien Willen," sagte Balthes: „aber Mädchen und Eier soll man nicht lang aufheben, sagt das Sprüchwort. Doch - thut, was Ihr wollt. Das Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wär’ ich an Eurer Stelle, ich hätt’s dem Fritz, gegeben, der ist der bravste von Allen."

„Der?" fiel ihm Michel in die Rede; „nein, der kriegt sie niemals. Ich kann den Prozeß nicht vergessen."

„Der Christ soll vergessen," sagte Balthes. „Unser Herrgott kann einen heimsuchen, Cumpeer, vergeßt das nicht! Doch, ich habe’ hier nichts mehr zu thun."

Er nahm seinen Hut und ging mit kurzem Gruß.

Abends kam der Franz.

„Wie steht’s?" fragte er.

„Du hast einen Korb," sagte Balthes. „Tröste Dich."

Franz kratzte sich hinter den Ohren. „Wenn’s nur niemand erfährt," sagte er.

„Sollt’ ich Dir rathen, so freitest Du morgen schon an des Müllers Stinchen. Das ist auch ein hübsches Mädchen, und kriegt was Schönes mit."

„Meiner Seel! Ihr habt Recht," sagte Franz. „Mein Vater meint das auch, wenn’s etwa mit der Evemichel’s Margreth nichts wäre. Thuet mir den Gefallen und freiet für mich bei ihr."

Als er fort war, sagte Balthes: „Agnes, wie gefällt Dir das?"

„Er ist leicht getröstet," antwortete sie, „ und die Lieb’ ist nicht weit her. Er hat die Aecker heirathen wollen, das Mädchen nicht. Wohl ihr!"

Nicht lange danach kam auch der Andres. Er lachte laut auf, als er eintrat.

„Ich komme, mein Urtheil zu holen, steht’s gut?"

„Hätt’st Du nicht den Arm zerschlagen," sagte Balthes.

wpe29.jpg (34196 Byte)„Ei, Du alter Spitzbube!" rief Andres. „Hat er daran gedacht. Also nichts! Pah, was mach ich mir draus! Schneiders Lene bleibt mir doch, und heute hab’ ich einstweilen den Alten gefragt. Dem ist’s Recht. Sagt dem Evemichel, er sollt’ mir aus der Bahn bleiben, sonst steh’ ich ihm nicht für seinen Arm! Das Mädel soll er in den Glasschrank stellen, daß es nicht rostig wird. Kommt, Balthes, geht mit mir in’s Wirtshaus, ich zahl’ ein paar Schoppen."

„Mag heute nicht," sagte Balthes.

„Dann Adjes!" rief Andres, seinen Zorn verbergend, und ging.

„Auch leicht getröstet, obgleich der Schimpf ihm nahe geht," sagte Batlhes zu seiner Frau.

„Der verdient’s nicht besser," meinte Agnes. „Es ist mir lieb um das schöne Mädchen."

„Aber gebt Acht, das Schwerste kommt noch."

Es war mittlerweile die Dämmerung gekommen. Jetzt schlich Fritz in die Stube.

„Wollte Gott, ich könnt’ Dir Gutes sagen," nahm Balthes das Wort, als sich Fritz still in die Ofenecke setzte; „aber der Alte ist hart wie Stein. Von Dir will er nichts wissen, weil Dein Vater ihn vor Gericht gebracht. Schlag’ Dir das Mädchen aus dem Sinne, Fritz!"

„Ich kann nicht," sagte Fritz, und seine Stimme zitterte.

„Ist alle Hoffnung aus?" fragte er nach einer Weile.

„Ja," war Balthes’ kurze, aber entscheidende Antwort. „Du kriegst das Mädchen nicht mit seinem Willen."

„Und ohne ihn nimmt sie mich nicht," sagte Fritz. So bleibt mir nichts übrig, als was ich gesagt. Mein Gut verpacht’ ich, mein Haus miethet der Leinenweber Peter und ich geh’ unter die Soldaten. Trifft mich eine Kugel, so ist’s aus und Hab‘ und Gut verschreib’ ich der lieben Margreth."

Agnes schluchzte leise. Balthes saß stille da. „Fritz," sagte er endlich, „mach keine Bubenstreiche, die Dich heut’ oder morgen reuen. Ich weiß, das Mädchen bleibt Dir treu. Laß Gras darüber wachsen. Wer weiß, wie bald sich die Gestalt der Sachen ändert. Man muß nicht gleich verzagen, wenn einem nicht Alles nach Sinn geht. Die Mutter, das hab’ ich weg, ist Dir gut. So ein Tröpflein nach dem anderen höhlt auch den härtesten Stein aus. Halte Dich still, thue Deine Arbeit und laß Gott sorgen. Sollst Du sie haben, und der Pfarrer sagt ja, die rechten Ehen würden im Himmel geschlossen, so mag der Alte sich drehen, wie er will, Du kriegst Dein Mädchen doch. Soll’s nicht sein, so hast Du zum Fortlaufen immer noch Zeit, und die Welt ist Dir nicht zugenagelt. Das ist so meine Meinung, und sie ist gut."

„Gewiß," sagte Agnes. „Ich bin mit der Eva confirmirt worden, ich will mit ihr reden. Du kannst Dich drauf verlassen."

So und mit noch viel anderen Reden brachten sie endlich den Fritz herum, daß er seinen Plan vorerst aufgab; aber es war ein tiefes Leid in seiner Seele, und als er wegging im Dunkel, sagte Agnes mit Thränen; „Da sieht man die rechte Lieb’, die warm im Herzen sitzt. Ich habe wohl das leise Wort gehört, das er so heraushauchte: Ach, wär sie doch bettelarm! Siehst Du, Balthes, der will das Mädchen und nicht sein Geld und seine Aecker, und nicht, weil’s sein Vater will!"

„Weiß es wohl," sagte Balthes, „drum thut’s mir auch leid. Der Alte vergißt niemals eine Beleidigung, aber ich hab’ ihm gesagt, der liebe Gott könnt’ Einen knassen, (12) daß man mürbe würde, der meint aber, reiche Leute treffe der liebe Gott nicht. Es ist auch noch nicht aller Tage Abend da! Mich jammert das schöne, gute Mädchen so viel wie der Fritz. Die Zwei sind offenbar für einander geschaffen, denn ein schöneres und braveres Paar kenne ich nicht. Was ich thun kann, thue ich gewiß, sie zusammenzubringen."

All die gute Meinung des Freiersmannes blieb aber ohne Erfolg. Der alte Evemichel wankte nicht; Agnes redete mit Eva und sagte ihr, wie Margreth und Fritz sich lieb hätten. Eva seufzte. „Weiß es wohl," hatte sie gesagt, aber hinzugefügt: „Meines Mannes Sinn ist nicht zu brechen. Mein Kind seh’ ich mit Herzeleid hinwelken und kann nicht helfen. Er ist wie mit Blindheit geschlagen, er sieht des Kindes Leid nicht und wie seine Wangen bleichen. Gott helfe uns!"

Der Fritz ging still und traurig herum. Man sah ihn nicht in den Maien der jungen Leute. Er saß bei Balthes. An der Kerwe war er nicht bei der Musik, sondern über Feld gegangen. Mit der Margreth durfte er auch nicht kosen am Fensterlein, denn der Andres paßte ihm auf, und hörte es der alte Evemichel, so war der Teufel ganz los, und Margreth hatte die Geschichte auszutunken.

Margreth litt viel. Alle Lebenslust schien aus der munteren Seele gewichen. Sie sang nicht mehr zu ihrer Arbeit, sie mochte nicht mehr Maien gehen, sie weigerte sich, an der Kerwe die Musik zu besuchen, sie blieb daheim, und die Mutter mochte ihr zureden, wie sie wollte, ihre Thränen flossen.

Die beiden anderen Freier hatten sich über das empfangene Körbchen bald getröstet; denn etwa sechs Wochen später hielt Franz Hochzeit mit der Müllerstocher, und nicht lange danach Andres mit Schneider’s Lene.

Für Margreth fehlte es an Freiern nicht, aber Balthes sagte zu ihnen;: „Gebt’s auf, Ihr kriegt das Mädchen nicht," und sie ließen’s. Ein auswärtiger Bursche hatte auch gefreit, und der alte Evemichel hätt’s gern gesehen, aber das Mädchen sagte: „Ich heirathe nicht!" Und dies Wort sprach sie mit solcher Bestimmtheit, daß der Michel erschrak. Dann sagte er: „Meinetwegen, so mag sie der Jakob in die Haushaltung schlachten!" (13)

Er war ein harter Mann.

Im Advent aber ereignete sich ein Unglück, dessen Umfang Niemand ahnte.

In einem Häuschen in der Borngasse brach Feuer aus. Dort standen noch Häuser und Scheuern, die Strohdächer hatten, rechte Träger der Flammen. Unglücklicherweise grenzte an Evemichel’s Haus eines Nachbars Scheuer, die noch ein solches Dach deckte. Im Zeitraum einer Virtelstunde standen zwölf Gebäude, volle Scheuern und Häuser, in lichten Flammen. Es war ein Feuermeer wie man es niemals erlebt. Ein wilder Nordwind blies mit unwiderstehlicher Macht und trug die Büschel brennenden Strohes weit über die Brandstätte hinaus. Alle Leute hatten den Kopf verloren, und wenn nicht die Nachbarn von anderen Dörfern herbeigeeilt wären, würde ohne Zweifel das ganze Dorf eine Beute des Feuers geworden sein.

Als, trotz alles Arbeitens, auch die Scheuer neben Evemichel’s Haus zündete, stürzte Fritz in Evemichel’s Haus. „Rettet, was Ihr könnt," rief er. „Schaffet alles in mein Haus, das steht frei und sicher!"

Michel stand leichenblaß da und rief: „Faß an, Fritz, und helf’ uns!" Auch Balthes und Agnes kamen. Man trug Kisten und Kasten, Betten, Weißzeug, Zinn, Alles von Werth, hinüber in Fritzens Haus, aber es half nichts.

Als sie noch unten räumten, brannte schon die Scheuer und oben das Haus, und als der eisigkalte Morgen tagte, war Alles ein rauchender Trümmerhaufen.

Es ist in der That so, wie der rothe Balthes gesagt hatte: Ein reicher Bauer meint, des lieben Herrgotts Arm reiche nicht zu ihm hinan; Unglück sei nur für Bettelleute. Trifft’s darum einmal so Einen, so geberdet er sich wie unsinnig. Gerade so ging’s mit dem alten Evemichel, der hatte auch den Kopf vollends verloren. Es schien, als sei er innerlich zusammengeknickt. Immer klang des rothen Balthes Wort ihm in den Ohren: Der liebe Gott kann einen knassen; man muß verzeihen!

Morgens holte Balthes alle Drei, den Michel, die Eva und Margrethchen in sein Haus und machte einen Kaffee, wie Kindtaufkaffee so stark. Der erquickte sie; aber aus Eva’s Augen rieselten Thränen, Margreth saß stille da und Michel starrte in eine Ecke, und hörte und sah nicht.

Als der Kaffe getrunken war, ergriff Balthes Michels Hand und sagte: „Cumpeer, ich meine, jetzt sollte man in die Zukunft denken, nämlich, wo Ihr eine Unterkunft findet. Es ist Winter, da ist nicht zu spassen, und zum Bauen ist’s keine Zeit."

„So?" sagte Michel ganz verwirrt. „Ja, aber, wo sollen drei Menschen und ihre gerettete Sach’ unterkommen, wo? frag ich."

„Ich weiß Rath," sagte Baltes.

„Du!" rief Michel.

„Ja, ich," entgegnete Balthes. „Der Martins Fritz ist bei mir gewesen," sagte er. „Der will Soldat werden freiwillig, und da er dann sein Haus nicht braucht, will’s der Jung Euch geben, ohne Zins, bis Ihr gebauet habt, und wenn’s drei Jahre währt."

Michel war geizig. An die Möglichkeit eines solchen Anbietens hätte er in seinem Leben nicht gedacht; darum überraschte es ihn über die Maßen. Er glaubte es nicht.

„Balthes," sagte er, „zum Stußmachen (14) ist jetzt keine Zeit, und bin zu alt dazu, daß so ein Milchbart Spott mit mir treibt."

„Seid Ihr toll, Cumpeer?" fragte eifrig der rothe Balthes. „Meint Ihr, der Fritz spasse, oder ich treibe Stuß mit Euch oder Utz (15) in Eurem Unglück? Fehlgeschossen! Wir Zwei sind keine Buben mehr, die Schneeballen machen! Ich sag’ Euch, es ist purer steifer Ernst."

Margreth zerdrückte zwei heiße Thränen, und doch lag etwas Frohes in ihrer Brust, denn Fritz handelte brav.

„Umsonst wohnen Bettelleute," sprach Michel, bei dem sich Fritz gegenüber, der Bauernstolz dehnte. „Soll ich wohnen in Martins Fritz seinem Hause, so will ich Zins geben. Ein Bettler bin ich noch nicht. Warum will aber der Bub’ Soldat werden?"

„Weil Ihr ihm die Margreth nicht geben wollt," sagte rasch Balthes.

Margreth eilte weinend hinaus.

„Das ist so Bubentrotz," rief der Alte. „Was liegt aber mir dran? Er mag gehen und sich die Hörner ablaufen."

„Ich möcht’s nicht auf meinem Gewissen haben, aus Haß gegen den verstorbenen Vater den Sohn in die Welt und in den Krieg zu treiben, wo er todtgeschossen werden kann, oder krumm und lahm," versetzte Balthes. „Meiner Seel! Ihr seit doch geknast worden vom lieben Gott. Ist denn Euer harter Sinn noch nicht erweicht? Seht zu, seht zu, daß Euch Gott nicht noch härter heimsucht." Mit diesen Worten ging er hinaus.

Wer in Evemichel’s Seele hätte lesen können, würde einem mächtigen Kampf begegnet sein. Daß Balthes sein Unglück als ein Strafgericht Gottes dargestellt, das über ihn gekommen sei wegen seines harten Kopfs und Herzens, das fuhr wie ein zermalmender Blitz in seine Seele; daß er an des Martins Fritz seinem Unglücke sollte Schuld sein, das ergriff ihm mit Gewalt und rüttelte sein Gewissen auf’s Neue aus dem Schlummer der Selbstgenügsamkeit auf. Und nun sollte er in sein Haus ziehen, zu ihm? Da strebte der Stolz entgegen. Und doch - wohin sonst? Es waren neun Familien obdachlos. Er hatte viel gerettet. Wo sollte er’s bergen, wo wohnen? Und es war Winter.

Das ging in seiner Seele durcheinander, wie wenn der Sturm die Wellen hebt und senkt, und heftig durcheinander wirft und rüttelt.

Eva saß in der Ecke und weinte. Sie sah, daß die Seele ihres Mannes viel arbeitete, darum wagte sie’s nicht, jetzt mit ihm zu reden. Sie meinte auch, es sei besser, ihn sich selbst zu überlassen, damit sich der Sturm friedlich lege. Wußte sie doch aus Erfahrung, daß, wenn sie jetzt ihm zuredete, er gewiß das Entgegengesetzte von dem wählen würde, wofür sie redete.

Er stand auf, ging auf und nieder, rückte das Käppchen von einem Ohre zum anderen, kratzte sich, brummte halblaut, ohne daß zu verstehen war, was er sagte. Zuletzt knöpfte er seinen Brustlatz (16) auf und der Länge nach wieder zu. Das war das Zeichen der heftigsten Gemüthsbewegung.

„Soll ich bei dem Sohne meines Feindes wohnen, umsonst wie ein herumziehender Kesselflicker?" rief er plötzlich stillstehend aus. „Nein! Lieber will ich unter freiem Himmel campiren! (17) Schmach und Drangsal ist über mich gekommen, aber betteln will ich nicht, lieber sterben!"

Das Wort schnitt Eva durch die Seele, und ihr Inneres empörte sich; „Michel, Michel," rief sie aus, die Hand des Herrn hat Dich gefaßt, aber Dein Hochmuth ist noch nicht gebeugt, Dein hartes Herz noch nicht gebrochen. Meinst Du, er könne Dich nicht noch tiefer knassen und knicken? Siehe zu, Gott läßt sich nicht spotten!"

Michel fuhr zusammen, als schlüg’ ihn Jemand auf den Kopf. Er mochte geglaubt haben, er sei allein in der Stube. Das Wort Eva’s hatte ihn erschüttert. Eine Weile stand er wie eine Bildsäule da; dann fragte er kleinlaut: „Was soll ich denn thun?"

Das war noch nicht vorgekommen. Eva war klug und benutzte den glücklichen Augenblick. „Vergib," sagte sie, „daß Dir Gott vergebe!" Er setzte sich still in die Ecke. Sein Gesicht war bleich. Darauf stützte er den Kopf in die Hand. So saß er gewiß eine Viertelstunde. Er schnaufte ordentlich, so schwer athmete er aus der belasteten Brust. Endlich schien’s ihm leichter zu werden. Er stand auf und rief zur Thüre hinaus: „Balthes, Cumpeer!"

Balthes kam herein.

„Ich seh’s wohl ein, ich muß in Martins ziehen. Geht doch ‘mal zu dem Fritz und frag nach dem Jahrzins. Umsonst will und kann ich nicht wohnen."

„Der Fritz war bei mir," sagte Balthes. „Er hat sein Bett oben in unsere Stubenkammer aufgeschlagen."

„Warum?" fragte Michel erstaunt.

„Ei, wie fragt Ihr noch so dumm," rief Balthes. „Meint Ihr, der Fritz wolle Euch das Herzeleid machen, ihn alle Tage zu sehen?"

Michel ließ den Kopf sinken.

„Meiner Seel! fuhr Balthes fort, „der hat auch Ehr’ im Leib und will nicht, daß der, der ihn haßt -"

„Wer sagt denn das?" fragte kleinlaut Michel.

„Ha, ha, ha!" lachte Balthes. „Am Ende soll er meinen, wenn Ihr ihm eine Ohrfeige gebet, es sei geschmeichelt."

„Wer thut denn das?" fragte noch kleinlauter Michel.

„Wer?" rief Balthes. „Soll ich antworten wie die kleinen Kinder: der Vetter Bär? - Ich denke, wir sind Beide keine Buben mehr. Entweder müßt’ ich vergessen haben, was seit vier Wochen vorfiel, oder Ihr habt mit dem Gedächtnisse den harten Kopf verloren. Doch will ich thun, was Ihr sagt." Er ging in’s Dorf.

Während dieses Gesprächs und der nun folgenden Stille weinte Eva heiße Thränen.

Endlich sagte sie: „Der Fritz denkt besser wie Du. Er will aus Deinem Unglücke keinen Vortheil für sich ziehen. Er will selbst nicht in Margreths Nähe bleiben, um ihren guten Ruf nicht in’s Gerede zu bringen. Du bist blind in Deinem Stolze. Geh’ an die rauchenden Trümmer Deines Hauses und brüste Dich! Du bist ein verbrannter Mann wie die Anderen auch; die sind demüthig. Du dankst nicht Gott, daß er Dir Mittel ließ Dir wieder ein Haus zu bauen, Du legst den Starrkopf nicht ab, nicht den Hochmuth, nicht den Haß und Zorn. Du bringst Unheil über uns Alle."

Was sie hier sagte, hätte sie ihr Lebtag nicht zu sagen gewagt, und zu anderen Zeiten hätt’s ein Donnerwetter mit Blitz und Donner gegeben. Jetzt ließ er’s stille über sich ergehen und seufzte nur.

Nach einer halben Stunde kam Balthes.

„Nun, wie steht’s?" fragte Michel.

„Wenn Ihr’s anders nicht thun wollt, so sollt Ihr den Miethzins selbst bestimmen; aber Fritz will ihn nicht, sondern er schenkt ihn dem Schusterandres, der arm und am härtesten durch den Brand geschlagen ist.

„Gott lohn’s ihm!" rief Eva aus und faltete ihre Hände wie zum Gebete.

„Gut," sagte Michel, „so zahl ich zwanzig Gulden."

Das war ein hoher Miethzins nach Ortsgebrauch und Balthes sah ihn mit Erstaunen an.

„Ist’s wahr?" fragte er.

„Freilich!" war Michels Antwort.

 4.

Heut’ ist nicht gestern und gestern nicht heut’,
Und was ich gestern that, heute mich reu’t;
Aber daß ich Dich noch gestern geküßt,
Reu’t mich nicht, wenn ich auch sterben heut’ müßt!

 

Am Neujahrstage war’s, als der Balthes mit einem „Prost Neujahr" in Michels Stube trat, das heißt in Martins Fritz seinem Hause, in das er gezogen war.

Nachdem der Wunsch erwiedert war, sagte Balthes: „Das war aber eine Schießerei (18) diese Nacht. Ihr müßt ja gar nicht haben schlafen können."

„Ich hab’ sie bei den Henker gewünscht," sagte Michel.

„Und Euch doch gefreut," setzte Balthes hinzu, „denn es ist doch eine Ehre für Euer Kind."

Das konnte er nicht leugnen. „Ich möcht’ wissen, wer’s war," sagte er.

„Wer’s war?" fiel Balthes ein. „Das kann ich Euch sagen, Cumpeer; es war der Fritz."

Drauf schwieg Michel stockmäuschenstille und sah zum Fenster hinaus. Gerade zur Seite des Gartens lag Michels Scheuer, die der Brand verschont hatte. An der Seite derselben, wo der Kandel in Folge des Prozesses lag, stand eine Reihe prächtiger Obstbäume.

„Ich muß doch sagen," fing er nach einer Weile an, „dem Martin that ich doch Unrecht, daß ich ihm den Prozeß so übel nahm. Wenn die Dachtraufe in seinen Garten fiele, so hätt’ der die schönen Bäume nicht setzen können."

Eva, die am Ofen saß, fuhr ordentlich herum, als erschrecke sie, und sah ihren Mann an.

„Seht Ihr das doch ein?" sagte Balthes schmunzelnd. „Ich hab’s schon lang eingesehen. Hättet Ihr’s denn geschehen lassen?"

„Nein," sagte Michel fest.

„Aha!" rief Balthes. „Ich merke immer an meinen Birnen, wenn die anderer Leute reif sind. Der Reichthum macht aber die Augen blind, das Herz hart, und wer zum Frieden räth, dem weist man die Thüre."

Der Michel ging hinaus und sagte kein Wort. Aus der Kammer trat rosig und holdselig Margrethchen jetzt heraus zu Balthes und der Mutter.

„Eva" sagte Balthes schelmisch lachend, „wißt Ihr auch warum Eures Kindes Backen heut’ so roth sind?"

„Nun?" fragte sie lächelnd.

„Für jeden Schuß einen Kuß! Himmel, da brennt’s!" rief Balthes.

Das Mädchen grollte. „Ihr wißt doch Alles besser, als andere Leute," sagte sie verweisend, „Schämt Euch!"

„Eh!" rief Balthes und neigte sich vor, daß er ihr in die Augen sehen konnte, - „stand ich nicht an der Scheuer? Sah ich’s nicht? Du kannst mir’s glauben, den Fritz reut’s nicht!"

Wie der Blitz war die glühende Jungfrau zur Thüre draußen.

Balthes lachte laut auf. Er neigte sich aber zu Eva und sagte: „Merkt Ihr, daß der Wind umgeschlagen hat? Es gibt Thauwetter. Heut’ Mittag komm’ ich als Freiersmann wieder." und mit dem Wort lief er zur Thüre hinaus.

Mittags saßen die zwei Alten wieder allein; da kam Balthes im Hochzeitsrock.

Michel machte große Augen.

„Ich will’s kurz machen," sagte Balthes. „Martins Fritz möchte nochmals geziemend um Euer Margrethchen werben."

Eva schlich zum Mann und flüsterte ihm in’s Ohr: „Soll ich die Eier backen?"

„Meinetwegen," flüstere Michel entgegen, „schneid aber tüchtig Speck hinein, ich esse das gern."

Nun eilte die Mutter hinaus und ließ die zwei Männer allein verhandeln.

Als sie ein prasselnd Feuer gemacht, die Pfanne aufgestellt, Speckschnitten hineingelegt, daß sie zischten, und nun die Eier ungezählt in die Pfanne schlug, kam Margreth und sah staunend die Anstalten.

„Was gibt’s, Mutter?" fragte sie.

„Es ist ein Freiersmann da," entgegnete ernst die Mutter.

Da erbleichte das blühende Mädchen zur Todesblässe und mußte sich an dem alten Küchentische halten, daß sie nicht zusammenbrach. „Ach Gott!" seufzte sie. „Mutter, wer ist’s denn?"

„Der Balthes," sagte die Mutter.

„Für wen freit er denn?" hauchte kaum hörbar das Mädchen.

„Für Deinen lieben Fritz!" platzte die Mutter heraus, aber sie hatte es zu bereuen, denn der plötzliche Uebergang von der Todesangst zur Himmelslust war zu gewaltig, als daß die Wirkung hätte ausbleiben können. Sie sank nieder. Sie schrie laut auf, und die Männer stürzten herbei.

„Was gibt’s?" riefen Beide in großer Angst.

Eva erzählte.

„O, die Freude tödtet so leicht nicht," sagte Balthes, und ließ sich Essig geben, womit er sie anwusch.

Als Margreth die Augen aufschlug, löste sich ein tiefer Seufzer aus Michels Brust. „Gott sei Dank!" rief er aus, „daß Du lebst. Wir hätten ja sonst heut Abend keinen Handstreich (19) halten können."

„Eilt das so?" fragte die Mutter.

„Ich will’s," sagte Michel. „Backe Kuchen, und Balthes, Ihr könnte die Freunde laden."

„Juchhei!" rief Balthes und rannte, gegen alle Gravität des Freiersmannes sündigend, und Speck und Eier im Stiche lassend, davon.

Im Hause Evemichel’s wurde aber nun in aller Eile Teig eingerührt, und Margrethchen ging’s wie Pulver von der Hand. Schon vor acht Uhr kamen die mürben, dampfenden Kuchen aus dem Ofen im Haus, und waren meisterlich gerathen. Die Gäste kamen, und um halb neun Uhr drückte der glückliche Bräutigam das reiche Handgeld (20) in die Hand der verschämten, aber seligen Braut.

In vier Wochen war Hochzeit, und gerade am Abend vorher kam Jakob von Berlin zurück. Er hatte ausgedient. Fritz aber trug zwischen Tag und Dunkel sein Bett wieder aus Balthasars in sein Haus zurück, denn nun brauchte er ja das liebe Mädchen nicht mehr zu meiden - sie war sein liebes Weib!

Michel sagte später zu Eva, als sie wieder im neuaufgebauten Hause wohnten und auch der Jakob eine brave Schnerch [Schwiegertocher] in’s Haus gebracht: „Du hattest Recht, ich war blind! Gottlob, daß ich sehend wurde, und die Unglücksflammen meines Hauses haben mir auf den rechten Weg geleuchtet."

„Das ist Alles wahr," sagte Eva, „vergiß aber nicht, daß der Freiersmann Dir eine gute Augensalbe bereitete." Und Balthes, der Freiersmann, blieb allezeit in hohen Ehren bei den Alten wie bei den glücklichen Jungen.

1) Abendgesellschaft, besonders an Sonntags-Abenden.
2) Kirchweihe.
3) Spröde.
4) Viel Habe.
5) Chirurgus.
6) Quarz.
7) Schwiegertochter.
8) Häßlich.
9) Inbegriff alles dessen, was zu verabscheuen ist.
10) Durchprügeln.
11) Kopf.
12) Beugen, schwer treffen.
13) Eine beliebte Redensart, die aus dem bäuerlichen Leben genommen ist, wenn auch sehr trivialen Ursprunges.
14) Spaß.
15) Spott.
16) Weste.
17) Der Hunsrücker hat manche Worte von den Franzosen gelernt, die ihn lange genug gequält haben.
18) Das Schießen am Neujahrstag ist eine Liebesprobe. Wird dem Mädchen recht toll geschossen, so weiß Jeder, daß des Schatzes Liebe stark ist.
19) Verlobung, weil Braut und Bräutigam die Hände zusammenfügen.
20) Eine alte Sitte. Je lieber er die Braut hat, desto reicher ist das Handgeld.

Unveränderter Nachdruck aus W. O. v. Horn’s „Gesammelte Erzählungen", Neue Volksausgabe.
4. Band, Frankfurt a. M. 1861, S. 135 - 166.