Beobachtungen zur öffentlichen dörflichen Festkultur im Verlauf des
20. Jahrhunderts.
Fritz Schellack

"Man muß froh sein, wenn man zu Hause bleiben kann", so äußern sich manche "festmüden" Zeitgenossen im ausgehenden 20. Jahrhundert, einige sprechen sogar von Streß im Zusammenhang mit dem schier unübersehbaren Angebot des jährlichen dörflichen und kleinstädtischen Veranstaltungskalenders: Generalversammlungen, Fastnacht, Frühlings-, Sommer-, Herbstkonzerte, Ostereierschießen, Kirmes, Markt, Preisskat, Oldie-Disco, Nature One, Sport- und Schützenfest, Suppen-, Hühnchen-, Spießbraten-, Klöße, usw.-, essen, Oktoberfest, Open-air, Volkswanderung, St. Martin, Halloween, Weihnachtsfeier, Kindergarten-, Schulfest, Betriebsfeier, Jahrgangstreffen, Seniorentag, Fischer-, Stadt-, Straßen, Brunnen-, Backes-, Brücken-, Kartoffel-, Fischer-, Feuerwehrfest, Waldkirmes, Bulldog-Treffen, 25. bis 100. Geburtstag, 650 bis 1200 Jahrfeier, Mega-Millenium-Party, es ließe sich weiteres addieren.

Aus einer bloßen Aufzählung indes lassen sich nur andeutungsweise Rückschlüsse auf Veränderungen und Neuerungen in der öffentlichen dörflichen Festkultur ziehen. Um gewissermaßen meßbare Anhaltspunkte zu erhalten, bedarf es einer konkreten Analyse der historischen und gegenwärtigen Festkultur, auf der Basis von Quellenstudium und empirischer Arbeitsweisen, mit Forschungstechniken wie sie in der wissenschaftlich betriebenen Volkskunde seit vielen Jahren üblich sind.


Festzug, 1200-Jahr-Feier Biebern.
Foto: G. Schellack

Insbesondere in den zwanziger Jahren unseres Jahrhunderts wurden im Zuge der Kulturraumforschung, von Hermann Aubin, Theodor Frings und Josef Müller der Versuch unternommen, kulturelle Phänomene zu kartieren in der Annahme, aus diesen Karten Rückschlüsse auf Veränderungsprozesse und die räumliche Verteilung bestimmter Phänomene zu erhalten. Die aus diesem Forschungsansatz heraus entsandenen Karten warfen allerdings mehr Fragen auf als durch sie beantwortet werden konnten. Aufgrund dieser Forschungstradition, die in der Gegenwart durch den geschichtlichen Atlas der Rheinlande nach wie vor fortgesetzt wird, kann man das Rheinland als ein sehr gut kartierte Region bezeichnen wie wohl kaum eine andere Deutschlands.

Es gibt zudem weitere Karten im Zusammenhang mit anderen Forschungsprojekten, die heute hilfreiche Anhaltspunkte für die Veränderung von Festkultur liefern. Zu denken ist dabei insbesondere an den Atlas der Deutschen Volkskunde, der ebenfalls in den zwanziger, dreißiger und in der neuen Folge nach 1945 fortgeführt wurde.2 An der Mainzer volkskundlichen Abteilung des Deutschen Instituts wurde 1984/85 eine große Umfrageaktion gestartet, die Grundlage für neue Kartierungen gelegt hat und aus der inzwischen viele Einzelergebnisse publiziert worden sind. Darüber hinaus wurde von Mainz aus seit den siebziger Jahren die Frage der Kultur im ländlichen Raum über viele Jahre hinweg in Forschungsprojekten untersucht, wobei die Frage demographischer und sozio-ökonomischer Bedingtheiten für das Phänomen ländlicher Kultur immer mehr in der Vordergrund rückte. Zuletzt wurden diesbezügliche Forschungsergebnisse in der Studie "Kleine Gemeinden in Rheinland-Pfalz" veröffentlicht.2

Die Veränderungen von Festterminen und von Festkultur findet, dies sei vorweg schon betont, in einem komplexen, von gesamtgesellschaftlichen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Mechanismen bestimmten sehr dynamischen Prozeß statt, der es im Prinzip immer nur erlaubt, einen temporären Zustand zu beschreiben. In diesem Zusammenhang ist die Kartierung bestimmter Festkulturphänomene überaus hilfreich, wenn sie aus verschiedenen Zeitstellung vorliegen. Im folgenden soll anhand der in der Fachliteratur bekannten Forschungsergebnisse punktuell auf einige Veränderungen in der dörflichen Festkultur hingewiesen werden.

Politische Feste und Gedenktage
Neben den sogenannten Traditionsterminen wie der Kirmes, den Tanzlustbarkeiten an Weihnachten, Ostern und Fastnacht, Jahr- und Wochenmärkten, den seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstehenden Vereinsfesten, etablierte sich bereits seit Beginn des 19. Jahrhunderts vermehrt der Typus der politisch motivierten Feste, die ebenfalls in den Dörfern begangen oder gefeiert wurden.4 Im Verlauf von über 100 Jahren ist in Deutschland ein beachtlicher Terminkalender entstanden, doch sind viele dieser Fest-, Feier- und Gedenktage in Vergessenheit geraten bzw. durch die Veränderung der politischen Grundlagen abgeschafft worden.

Königs- und Kaisergeburtstage, Feiern anläßlich eines Sieges in einer Schlacht, Regierungsjubiläen, das waren in der Zeit des Kaiserreiches in den Dörfern große Festtage mit einer hohen Beteiligung all derer, die "fest und treu" zum Kaiserhaus und der monarchischen Staatsform standen. Nach der Abdankung des Kaisers im November 1918 änderten sich die Termine für staatsbezogene Feiertage.
Nachdem der 1. Mai einmalig im Jahr 1919 als deutscher Nationalfeiertag in der Weimarer Republik bestimmt worden war, wurde der 11. August als Verfassungstag von Weimar seit 1921 als Nationalfeiertag begangen. Jedenfalls wurde versucht, diesen Tag im Bewußtsein der Bevölkerung zu Verankern. Die größte Breitwenwirkung wurde anläßlich des 10. Jahrestages der Weimarer Verfassung im Jahre 1929 erreicht. Seit 1923 begann sich infolge des Ersten Weltkrieges die Tradition des Volkstrauertages am Sonntag Reminiscere (5. Sonntag vor Ostern) zu etablieren. Eine erste reichsweite Wirkung hatte der Volkstrauertag nach dem Tod von Reichspräsident Friedrich Ebert im Jahre 1925.

Das seit 1933 mit großem propagandistischen Aufwand begleitete NS-Feier-Jahr mit dem zum Heldengedenktag umgestalteten Volkstrauertag, dem 1. Mai als Tag der Arbeit, dem Reichsparteitag in Nürnberg, dem Erntedanktag auf dem Bückeberg (bis 1938), dem Marsch auf die Feldherrnhalle (9. November) und zahlreichen weiteren Veranstaltungen, beeinflußte ebenfalls die traditionelle dörfliche Feierkultur.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde seit 1952 der Volkstrauertag auf dem 3. Sonntag im November wiederbegründet. Dem Volksaufstand in der DDR im Jahre 1953 gedachte man in der alten Bundesrepublik am 17. Juni, am Tag der deutschen Einheit. Der 1. Mai, den die Nationalsozialisten in Deutschland zum Feiertag erklärt und für ihre propagandistischen Ziele okkupiert hatten, blieb nach dem Zweiten Weltkrieg als Feiertag bestehen und erhielt seine ursprüngliche Sinngebung zurück.

1990 veränderte sich der deutsche nationale Feiertagskalender erneut. Zur Erinnerung an die Wiedervereinigung Deutschlands wird seit 1990 der 3. Oktober als Tag der deutschen Einheit begangen, der 17. Juni und die Staatsfeiertage der DDR wurden kurzerhand abgeschafft.5

In dieser kurzen Übersicht sind einzelne oder einmalig begangene Ereignisse von nationaler Bedeutung nicht aufgelistet, z.B. das 25. Regierungsjubiläum Kaiser Wilhelms von 1913, die rheinische Jahrtausendfeier von 1925, die Rheinlandbefreiung von 1930, der Tag von Potsdam am 18. Januar 1933 , der 50. Geburtstag Hitlers 1939.6


Festzug, 700-Jahr-Feier Alterkülz
Foto: G. Schellack

Die Übersicht ist geeignet, Wandel zu verdeutlichen, zugleich wurde mit diesen politisch motivierten Feiern seit Beginn des 19. Jahrhundert hinsichtlich des Ablaufs ein Muster geschaffen, an dem sich bis zur Gegenwart alle Veranstaltungen orientieren. Insbesondere die Vereine folgten später diesem Archetypus staatlicher Feiern. Exemplarisch dafür stehen Gottesdienst, Umzug, Festkommers, Lied- und Gedichtvortrag, Ansprachen, Festrede und Vorführungen.

Doch nicht von allen genannten, politisch motivierten Terminen wurde der dörfliche Feierrhythmus nachhaltig berührt, und zwar aus mehreren Gründen.

Während seit 1871 Schul- und Gemeinderatsprotokolle und Berichte der Bürgermeister an die Landratsämter Jahr für Jahr von den örtlichen Feiern an den Kaisergeburtstagen berichten, von Schulfeiern, von Festkommersen, -essen, Illuminationen und Umzügen, sieht die Situation nach 1990 in den Dörfern deutlich anderes aus. Während das frohe Ereignis der deutschen Wiedervereinigung von 1990 zunächst noch mit Baumpflanzungen und spontanen örtlichen Veranstaltungen begleitet worden war, wird der neue Feiertag 10 Jahre später in den allermeisten Fällen lediglich mit einer Flaggenhissung in der Ortsmitte angedeutet.

Eine alljährlich stattfindende besondere Schulfeier zum 3. Oktober ist mir im Hunsrück bisher nicht bekannt geworden, und die Dorfschulen, die dafür Handlungsort sein könnten, sind in ihrer Mehrzahl aufgelöst worden. Die Lehrer, die noch bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts Hauptakteuere bei dörflichen Veranstaltungen waren ( als Dirigenten, Theaterregisseure, Festredner, usw.), privatisieren, wie alle anderen Arbeitnehmer, Beamten und Angestellten an diesem arbeitsfreien Tag. Die Kaisergeburtstage (Wilhelm I. am 22. März, Wilhelm II. am 27. Januar), das Sedansfest am 2. September waren im übrigen für das Gros der Bevölkerung zwischen 1871 und 1918 keine arbeitsfreien Tage. Die zentralen Feiern in der Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober in Berlin und abwechselnd in den Landeshauptstädten der Bundesländer werden dank der technischen Möglichkeiten via Funk und Fernseher übertragen.

Die Möglichkeit, die in den zwanziger und dreißiger Jahren noch in den Kinderschuhen steckende Rundfunk- und Fernsehtechnik propagandistisch einzusetzen, hatten die Nationalsozialisten schnell für sich erkannt und setzten sie erstmals in großem Stil für ihre Zwecke ein. Der Lautsprecher auf dem Dorfplatz oder der Volksempfänger und dazu die Wochenschau im Kino ließen die Menschen an den Großveranstaltungen in Berlin oder Nürnberg teilhaben, und sie ließen sich zugleich durch die damals neue Technik begeistern. Ein sehr gewichtiger Unterschied zur Zeit nach 1945 betraf jedoch die Teilnahme an diesen Veranstaltungen. Diese geschah zwischen 1933 und 1945 unter Zwang, auch wenn es viele waren, die diesen Zwang direkt nicht verspürten. Wer dem Umzug fernblieb, der Rede des Führers nicht zuhörte oder das Radio nicht einschaltete, mußte sich erklären oder entschuldigen, im kleinsten Dorf oder im Wohnblock in Berlin.

Dörfliche Gedenkveranstaltungen zum Volkstrauertag haben, wenngleich in unterschiedlicher formeller und inhaltlicher Intention (z.B. als Heldengedenktag), zu großen Teilen die politischen Veränderungen dieses Jahrhunderts überstanden, denn der Volkstrauertag war nach dem Ersten Weltkrieg aus einem weitverbreiteten Bedürfnis entstanden, den Millionen von Toten und Opfern dieses Krieges zu gedenken. In den meisten Dörfern entstanden Gedenkstätten (Kriegerdenkmäler) mit Tafeln, auf den die Namen der gefallenen Soldaten aufgeschrieben waren. Nicht selten standen die Denkmäler in der Ortsmitte und keine dörfliche Veranstaltung konnte ohne den Marsch zum Denkmal und eine Totenehrung beginnen. Das war vor dem Ersten Weltkrieg nicht so. Die öffentliche Totenehrung verbreitete sich erst seit den zwanziger Jahren Eingang in die dörflichen Festkultur.


Vereinsfest. Fünfziger Jahre.
Repro: F. Schellack


Alter Dorfsaal in Mengerschied.
Foto: G. Schellack

Bei den Generationen, die nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, ist - wie in manchem Gespräch deutlich wird - der Ursprung dieses Gedenktages und auch der Sinn der Veranstaltung nicht mehr gegenwärtig - fälschlicherweise wird auch seine Entstehung mit des NS-Zeit in Verbindung gebracht. Trotz der offiziellen Gedenk-veranstaltungen an den dörflichen Ehrenmälern, die im Zuge von Straßen-sanierungen, Dorferneuerungsprogrammen verschwanden, um- und neugestaltet oder auf den Friedhof verlagert wurden, ist ein Rückgang der Beteiligung zu registrieren, auch über Inhalte der Feier wird diskutiert.

Hinsichtlich des Ablaufs einzelner Feiern soll an dieser Stelle nicht mehr weiter ins Detail gegangen werden, ich verweise auf entsprechende Publikationen, welche die regionale politische Festkultur beschreiben. Es soll aber betont sein, daß diese kurz skizzierte politische Festkultur in einem ständigen Austausch mit sogenannter traditioneller, volkstümlicher und privater Festkultur steht, und das politische Festkultur, in welcher Form auch immer, eine instrumentalisierte ist. Dafür sei ein Beispiel genannt, das sich in den zwanziger Jahren regional begrenzen läßt. Es handelt sich um die Einführung der Sonnwendfeiern, die sich aus einem ganz konkreten politischen Hintergrund im Hunsrück bzw. im Mitterheingebiet auszubreiten begannen.

Die Hunsrücker Zeitung berichtete z.B. am 25. Juni 1928: "Sonnwendfeiern der Turngemeinden Neuerkirch-K., Chümbdchen-Keidelheim und Simmern. Wer könnte sich doch der magischen Kraft einer Sonnwendfeier entziehen. Durch die Seele geht ein geheimnisvolles Ahnen, Sehnen, Hoffen: Brüder, überm Sternenzelt muß ein lieber Vater wohnen, der alle Menschen mit gleicher Liebe erfaßt. Uns als Volk zusammenzuführen ist der tiefer Sinn der Sonnwendfeier. [...]."

Dieser Brauch- bzw. Feuertermin hatte sich im Verlauf der Jahre mit dem Termin der Johannisfeuer vermischt. Johannisfeuer finden sich seit dem 15. Jahrhundert belegt und gewannen im Verlauf des 19. Jahrhunderts in ganz Deutschland zunehmende Popularität. Im ausgehenden 19. Jahrhundert interessierten sich insbesondere sozialistische Gruppen, die Naturfreundebewegung und die seit 1900 bestehenden Wandervögel für diesen Feuertermin. Für Veranstaltungen national orientierter Vereine finden sich vor 1918 aber nur wenige Belege. Eine große Verbreitung begann dann aber in den zwanziger Jahren über verschiedenste gesellschaftliche Gruppierungen, die den Feuerbrauch mit unterschiedlichen Ideen in Verbindung brachten, darunter die Turnvereine. Um 1925 erging für die Turnverbände am Mittelrhein und auf dem Hunsrück die Anordnung, Sonnwendfeuer abzubrennen. Auf diese Weise drang dieser Brauch auch in ein Gebiet, wo er vorher wenig bzw. gar nicht verbreitet war. Dies geschah vor dem konkreten Hintergrund der Planungen für die rheinische Jahrtausendfeier, die der rheinischen Identitätsstiftung gegenüber dem französischen Einfluß dienen sollte. Ein verhältnismäßig alter und unpolitischer Brauchtermin wurde auf diese Weise deutlich instrumentalisiert. Die National-sozialisten verstanden es anschließend, diesen durchaus beliebten Feuerbrauch im Sinne ihrer Ideologie zu besetzen. Dies wiederum trug dazu bei, daß der Termin nach dem Zweiten Weltkrieg seine in den zwanziger Jahren gewonnen Akzeptanz wieder verlor und zumindest im Hunsrück in Vergessenheit geriet.7

Jubiläumsfeiern
Betrachten wir noch einen anderen Bereich öffentlicher Festkultur. Es sind die dörflichen Jubiläumsfeiern, die sich im Hunsrück seit 1947 zunächst in wenigen Fällen, dann seit 1983 in rasanter Abfolge ausgebreitet haben. Die 600-Jahr-Feier der Stadt Simmern im Jahre 1930 sei in diesem Zusammenhang nur erwähnt. Kirchberg beging - auch wenn, wie es sich herausstellte, der Termin falsch war - 1947 ein großes Jubiläum, Biebern folgte 1954. Alterkülz übernahm 1983 dann für viele der folgenden Jahrhundert- und Jahrtausendfeiern Beratungs- und Vorbildfunktion. Die Inszenierung der eigenen Geschichte im Festzug oder im Dorffest erreichte eine publikumswirksame Beliebtheit, die bis zur Gegenwart ungebrochen erscheint. Sie geht einher mit einer Art Mittelalterrenaissance, die sich für den Hunsrücker Raum in folkloristischen Veranstaltungen z.B. auf der Ebernburg, in Oberwesel, auf der Burg Rheinfels oder der Ehrenburg in mannigfaltiger Gestaltung ausdrückt und entwickelt hat. Dieses neue Interesse an einem lange Zeit für "dunkel" erklärten Zeitalter drückte sich auch aus in dem großen Zuspruch zu bekannten Ausstellungen über die Wittelsbacher, die Staufer und die Salier. Während sich Wissenschaftler über populäre historische Zuordnungen und daraus resultierende "neue" Epochenaufteilungen die Haare raufen, wird die Vergangenheit für ein froh gestimmtes Publikum zu einem bunten Historienspektakel gestaltet und in aller Regel idealisiert.

Die Beteiligung an solchen Veranstaltungen und Aktivitäten, das zeigen die dörflichen Jubiläumsfeiern, ist sehr hoch und überaus engagiert und sie erreichen zumindest temporär den Zweck, ein hohes Maß an Identität von Bürgerinnen und Bürgern mit ihrer Wohngemeinde zu stiften. An diese Art von Feiern hat man zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in den Hunsrückdörfern offensichtlich noch nicht gedacht. Vielleicht sind sie auch ein Phänomen eines verstärkten demokratischen Bewußtseins, das in Deutschland erst nach 1945 eine bisher friedvolle Entwicklung nehmen konnte.


Frühschoppen am Kirmessonntag in Mengerschied, 1975.
Foto: G. Schellack

Allgemeine Tanzveranstaltungen, Kirmes, Gemeindetage
Wenden wir uns nun den allgemeinen Lustbarkeiten und Tanzveranstaltungen zu.
Der dörfliche Festkalender vor 100 Jahren wurde in vielen Hunsrückdörfern bestimmt durch traditionelle Tanzveranstaltungen am 2. Weihnachtstag, zu Neujahr, mancherorts an Fastnacht, und am 2. Ostertag. "Es lädt ein, Familie.... Für Speisen und Getränke ist bestens gesorgt. Es spielt die Kapelle...." In diesem Stil finden sich über Jahrzehnte fast gleichlautende Annoncen in der lokalen Presse. Regel-mäßigkeit, Gewohnheit und Routine spricht daraus, doch wurde dieses Veranstaltungssystem der Dorfwirte spätestens in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts unmodern.

Einen ersten Einbruch in diese traditionelle und termingebundene dörfliche Wochenendkultur brachten die Angebote der amerikanischen Militärstandorte, in Baumholder, am Flugplatz Hahn (Lautzenhausen) und im Umfeld der Flugplatzes Pferdsfeld. Der Barbetrieb hielt Einzug auf dem platten Land und ließ Jugendliche und Ehemänner die in den sechziger Jahren oft noch strengen dörflichen Konventionen vergessen. Nächtliche Ausflugsfahrten im Zuge der steigenden Motorisierung wurde zum Initiationsritus für viele, und für manche auch eine Fahrt in den Tod.

Es wäre ein Trugschluß, anzunehmen, früher wären die Leute in ihren Dörfern geblieben und nicht in die Nachbarschaft gewandert, gelaufen oder mit dem Fuhrwerk, Fahrrad oder Motorrad gefahren, ohne daß es Unglücksfälle gegeben hätte. Aber es waren offensichtlich weniger, und es war nicht der tragische Unfalltod mit dem Auto aus ganz bestimmten Gründen.

Die steigende Mobilität seit Ende der fünfziger Jahre brachte den Tanzlokalen und ersten Discos in den Mittelzentren den wirtschaftlichen Nährboden.

Bauauflagen und Sicherheitsvorschriften leiteten parallel dazu das Ende der Wirtshaussäle ein. Zu steile Saaltreppen, mangelhafte sanitäre Einrichtungen, Küchen, ungenügende Brandschutzvorrichtungen und Fluchtwege wurden beanstandet. Die Investition zur Erfüllung der Auflagen stand für viele der alt eingesessenen Wirtsfamilien nicht mehr im Verhältnis zur Gewinnerwartung. Der in der idealisierten Erinnerung "gemütliche" Saal wurde - meist unter großem Bedauern des Publikums - geschlossen. Aber auch das Publikum stellte zunehmend andere höhere Ansprüche an den Komfort der Räumlichkeiten. Wer wollte noch auf der Saalbank ohne Kissen und Rückenlehne sitzen, wer wollte noch über den Hof zur Toilettenanlage gehen, neben dem überheißen Holz- oder Ölofen sitzen und ab fünf Uhr Platz für die Freunde freihalten, weil der kleine Saal ohnehin viel zu eng war, für alle, die kommen wollten? Wer wollte kaltes Essen, das den weiten Weg über ungeheizte Treppenhäuser von unten nach oben oder oben nach unten lange Wege getragen werden mußte?

Die Raumfrage für solche Veranstaltungen hat sich in vielen Ortschaften dahingehend gelöst, daß einerseits, und zugleich mit langer Tradition, Festzelte aufgebaut wurden und werden, andererseits in den alten oder auch neuen Gemeindehäusern und -hallen zeitgemäßer Raumbedarf entstanden ist, nachdem die Tanzsäle nicht mehr existierten oder den neuen Bedürfnissen nicht mehr entsprachen.

Der Aufbau der Festzelte - das ist vielfach vergessen - erfolgte bis in die fünfziger und sechziger Jahre noch mit Holzstangen, die zusammengebunden und genagelt wurden, darüber kamen schwere Segeltuchbahnen. Dann erst kam die Generation der Zelte aus Eisenkonstruktionen, die nunmehr durch leichteres Metall ersetzt ist. Daß die Festzelte allgemein mit Böden ausgelegt werden, ist erst eine Entwicklung seit den achtziger Jahren, vorher genügten Sägemehl und Kies oder der einfache Wiesenboden.

Wie eine Zeltkirmes vor hundert Jahren ausgesehen hat, davon berichtet Elisabeth Glasmann aus Kümbdchen:

"Jedes Jahr, den 3. Sonntag im Juli, war Chümbdcher Kirmes. Das war für uns Kinder fast die einzige Abwechslung und wurde deshalb mit Freuden begrüßt. Die Tage vorher hatten für uns fast mehr Wert als das eigentliche Fest. Uns gerade gegenüber auf den Wiesen wurden zwei Doppelzelte aufgeschlagen. Dann kam jedes Jahr das große Karussell von Schäfer aus Kreuznach, Schießbuden und kleine Zuckerwarenverkäufer. Die holten sich am Sonntag dann nicht ganz einwandfreie Türen in der Nachbarschaft, legten sie auf einen Pflugschlitten, breitetet ein weißes Tuch darüber, und dann legten sie ihre Zuckerwaren zum Verkauf darauf. Ja, was gab es an diesen tagen für uns Kinder viel zu sehen, bis alles aufgebaut war, vor allem das Karussell.

Die Jungen vom Karussell und den Buden fingen im Bach Fische und Krebse. Zu unserem Schrecken sahen wir, wie sie den Butterkrebsen bei lebendigem Leibe Klauen und Schwänze ausrissen und sie verzehrten, das war doch unmenschlich!
Wenn dann der Sonntag kam, war großer Betrieb; in zwei Zelten gab es Tanzmusik. War schönes Wetter, dann kam die halbe Stadt Simmern angezogen. Für Kümbdchen und Keidelheim wären zwei große Zelte nicht nötig gewesen. Heute ist die Kümbdcher Kirmes das lange nicht mehr, was sie damals war, heute schlägt nur der Dorfwirt ein Zelt auf; damals hatten wir keinen Dorfwirt, was nicht von Schaden war. Kuchen und Braten, vor allem Birnenfladen, gab es auch bei den Wirten zum Verkauf für die Simmerner; auch verschmähten sie nicht Kaffee und Kuchen bei bekannten Dorfbewohnern. Vielmals gab es zum Schluss noch eine Rauferei und blutige Köpfe; gewöhnlich entstand der Streit um ein Mädchen. Wenn aber zwei Kirmestage um waren, wurde alles abgebrochen und wieder abgefahren, und dann kam der Alltag zu seinem Recht, und mancher wird mit Bedauern seinen leeren Geldbeutel betrachtet haben."8

Über die Entwicklung der Kirmes im Hunsrück wurde in den Hunsrücker Heimatblättern bereits berichtet, so daß an dieser Stelle einzelne Elemente oder Brauchformen nicht mehr vorgestellt werden müssen. Es vermehren sich allerdings die Anzeichen, daß dieses über Jahrzehnte hinweg typische und wichtige Dorffest im Hunsrück in einigen Fällen dabei ist, seine frühere Bedeutung zu verlieren.

Es finden sich keine Veranstalter, weil es keine Dorfwirtschaft mehr gibt, Vereine sind hin und wieder als Organisatoren der Kirmes aufgetreten. Die Ellerner Holzkirmes zeigt seit 1993 aber eine neuere Kirmesentwicklung, die aufgrund ihrer Zuspruchs beim Publikum ein wahrscheinliches Muster für die Hunsrücker Dorfkirmes in den nächsten Jahren sein könnte. Das Fest wurde unter ein Motto gestellt, mit Vorführungen und neuen Attraktionen versehen. Damit hebt sie sich von den Veranstaltungen der Umgegend ab.

Zu prägnanten Entwicklungen der vergangenen zwanzig Jahre gehört auch die Ausbreitung bayerischer Folklore im Zusammenhang mit Kirmes- und Tanzterminen. Für den Hunsrück hat das Horbrucher Oktoberfest eine gewisse Vorbildfunktion für die vermehrt stattfindenen Oktoberfeste oder sogenannte "Wies'nkirmessen", z.B. in Fronhofen. Die Popularität dieses bayerischen Stils wird ergänzt durch viele bekannte Musikgruppen aus Österreich, Bayern oder dem Allgäu. Die Lederhose, die in den fünfziger und sechziger Jahren von den Schulbuben getragen wurde, ist mancherorts zur Kirmesfesttagskleidung geworden. Der gute Anzug oder das neue Kirmeskostüm, mit manchmal einzwängender Wirkung, sind bei der Mehrzahl der Festbesucher seit den siebziger Jahren einer lockeren und bequemen Freizeitkleidung gewichen.

Noch ein Hinweis auf die im Hunsrück verbreiteten Gemeindetage. Diese ursprüngliche aus dem dörflichen Recht geborene Einrichtung lebt im Hunsrück in ausgeprägter Form fort. Dabei hat sich die reine Bürgerversammlung, die in einigen Gemeinden erst seit 25 Jahren durchgeführt werden und in deren Verlauf der Bürgermeister und Gemeinderat Rechenschaft ablegen und das Ortsgeschehen diskutiert wird, auch zu einer geselligen Veranstaltung entwickelt - in der Brauchforschung ein bekannter Vorgang. Gemeinden in der Verbandsgemeinde Kastellaun (Uhler, Roth oder Gödenroth, z.B.) pflegen seit jeher ihren jeweiligen Gemeindetag in besonderer Form, mit einer Versammlung am Vormittag und mit Essen und Tanzmusik. Die Kommune ist als Organisator dörflicher Kultur seit etwa 1970 vermehrt in Erscheinung getreten. Inwieweit hier ein direkter Zusammenhang zwischen der damaligen Verwaltungsreform und gemeindlichen Identitätsfragen besteht, ist nach meinem Kenntnisstand noch nicht näher untersucht worden. Wenn ein Bürgermeister mit dem Faßanstich die Kirmes oder den Markt eröffnet, oder die Ortsgemeinde den Kirmesbaum aufstellt, dann zeigt sich, wie Brauchelemente z.B. von München in den Hunsrück wandern und daß informelle Eröffnungsriten früherer Jahre durch offizielle abgelöst werden. Ob der ursprünglich rechtshistorische Zusammenhang einer solchen Zeremonie, habe sie offiziellen oder informellen Charakter, den Zuschauern oder auch den Beteiligten bekannt ist, diese Frage mag dahingestellt bleiben.


75-jähriges Vereinsjubiläum des TSV Mengerschied, 1989
Foto: G. Schellack

Vereinsfeiern/ Theaterspielen
Ein weitere Festtradition ist zu erwähnen. Es sind die Feste und Feiern der Vereine, die sich im Hunsrück, im Vergleich zu Städten und verkehrsbegünstigten Regionen, verspätet seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert entwickelt haben. Es waren zunächst die Kriegervereine, dann in der Reihenfolge, die Gesang-, die Turn-, Musik- und Schützenvereine, Freiwillige Feuerwehren und Landfrauen, die dazu beige-tragen haben, daß dörfliche Festkultur im ausgehenden 20. Jahrhundert ohne Vereine und ihre vielfältigen Aktivitäten kaum noch denkbar scheint; obwohl - wie ich mangels einer verläßlichen Statistik vermute - die Mehrzahl der Hunsrücker Vereine noch keine hundert Jahre alt ist und mancher Verein diese Altersgrenze nicht überschritten hat bzw. überschreiten wird.

Im Kaiserreich finden sich in der lokalen Presse vereinzelte Hinweise auf erste Jubiläumsfeiern von Vereinen, insbesondere auf Stiftungsfeste der Kriegervereine. Eine der ersten Großveranstaltungen nach dem Ersten Weltkrieg war das Mosel-Hochwald-Hunsrück-Fest des Hunsrückvereins in Simmern, verbunden mit der Veranstaltung des 1. Festes der Gesangvereine des neugegründeten Hunsrücker Sängerbundes.

In den zwanziger Jahren verzeichnen die Vereinschroniken ein stetiges Anwachsen kleiner vereinsinterner Veranstaltungen: Winterfeste, Neujahrsbälle und Theaterspielen. Zu Beginn der dreißiger Jahre wurden wegen wirtschaftlicher Krisen jener Jahre in vielen Ortschaften Feste in aller Bescheidenheit gefeiert oder sogar abgesagt. Nach der Lockerung der durch die Alliierten im Jahr 1945 ausge-sprochenen Vereinsverbote begann nach dem Zweiten Weltkrieg eine relativ schnelle Blüte der Vereinslebens. Vor allem das Theaterspielen entfaltete sich bis zu Beginn der sechziger Jahre bis der Fernseher dieser Art von Abendunterhaltung den Rang ablief.9 Fernsehsendungen waren in dieser Zeit so wichtig, daß sogar Dia-Vorträge unterbrochen wurden, um dem Publikum in der Gastwirtschaft das Anschauen eines Fortsetzungskrimis zu ermöglichen.10

Die Vereinsfestkultur war bis auf wenige Ausnahmen bis in die sechziger Jahre hinein an die Räumlichkeiten der Ortsgemeinden oder Gastwirte gebunden. Auf dem Backes, im Schulsaal, im Gemeindesaal, auf dem Wirtshaussal fanden die Feste und Vorführungen der Vereine statt. Die Wirtshaussäle enstanden wohl in der überwiegenden Zahl im ausgehenden 19. Jahrhundert, sind aber unterdessen umfunktioniert, oder abgerissen worden.

In vielen Dörfern sind Berichte und Erinnerungen überliefert, wonach die Leute in den zwanziger Jahren bei Vereins- oder Gemeindefeiern das Holz zum Heizen und ihre Sitzgelegenheit selbst mit in die Säle mitgebracht haben. Im Laufe der Jahre begann eine deutliche wirtschaftliche Verselbständigung der Vereine. Sie drückte sich zunächst darin aus, daß sich die Vereine auch von der Bewirtschaftung durch die Vereinswirte loslösten und den Getränke- und Essensverkauf in eigener Regie übernahmen. Im nächsten Schritt erfolgte der Bau von Vereinsheimen, insbesondere von Sportlern und Schützen. Damit wurden neue Räumlichkeiten und Versammlungsorte geschaffen, die in der Gegenwart in einigen Ortschaften das Dorfwirtshaus ersetzt haben. Außer den Jubiläumsfeiern, die seit den fünfziger Jahren in festem Rhythmus von 10 oder 25 Jahren folgten, ergänzen die Vereine die dörfliche Festkultur mit weiteren Veranstaltungen: Sommerfeste, Fastnachtsbälle, Skatturniere, Beachparties, während die traditionellen Tanztermine an Weihnachten und Ostern ihre Bedeutung verloren haben.

In engem Zusammenhang mit Vereinsfesten stehen weitere dörfliche Feste, die von informellen Gruppen bzw. Clubs unterschiedlichen Alters organisiert werden, zu denken ist an Backes- oder Mühlenfeste, die ebenfalls erst seit Beginn der achtziger Jahre modern geworden sind. Das Dorfbackhaus und die alte Mühle am Bachlauf erlebten im Zuge einer Rückbesinnung auf die eigenen Dorfgeschichte eine nie geglaubte Aktualität. Die Renovierungsaktion löste Gemeinschaftserlebnisse aus, der Geruch von selbstgebackenem Brot ließ Erinnerungen wach werden. Die Dorfjugend fand in den Backhäusern Räumlichkeiten - der Backes wurde zum Jugendraum und Treffpunkt, in Ergänzung zu weiteren informellen Treffs der Jugend in alten Stallungen und Scheunen, die zu Partykellern ausgebaut worden waren. Da machte man es den Erwachsenen nach, die sich seit den sechziger Jahren in ehemaligen Kokskellern ihre privaten Partyräume bauten und eine eigenständige Feierkultur im engeren Freundeskreis zelebrierten. Dieser Rückzug in die Privatsphäre des Eigenheims bedeutete zugleich das Aus, jener zumindest halböffentlichen Feier- und Festkultur in den Dorfgaststätten, an der sich an Samstagabenden die jüngeren Leute und auch ältere Ehepaare trafen und wo Musikanten aus dem Dorf spontan zu ihren Instrumenten griffen.


Kuhlotto beim Feuerwehrfest in Mengerschied, 1996
Foto: H. Roller

Die angedeutete Segmentierung der Freizeitgestaltung im Jugendraum, im Partykeller, in der Disco seit den sechziger Jahren ist ein winziger Indikator dafür, wie gesellschaftliche Differenzierungsprozesse ablaufen und die dazu beitragen können, daß der Dialog zwischen einzelnen Gruppierungen und Altersschichten nicht mehr funktioniert oder stattfindet.

Umgekehrt hat sich die Beteiligung der Geschlechter in den veragenen zwanzig Jahren sicherlich zugunsten der Frauen verschoben, denn so manches Vereinsfest, das früher ausschließlich in männlicher Regie organisiert und durchgeführt wurde, würde ohne die Beteiligung der Frauen nicht mehr funktionieren. Mancher um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts gegründete Männerchor würde längst nicht mehr existieren, hätten die Sangesbrüder nicht dem Fortbestand des Vereins in einem gemischten Chor zugestimmt. Diese deutlich zu registrierende Beteiligung der Frauen am dörflichen Festgeschehen wird exemplarisch an dem großen Zuwachs von Mitgliedern in den Landfrauenvereien, die sich für alle Frauen im ländlichen Raum geöffnet haben.

Differenzierungen nach Alter und Geschlecht oder gesellschaftlichen Hierarchie sind in der dörflichen Festkultur auf den ersten Blick - am wenigsten für Außenstehende - nur schwer zu registrieren. Aber Sie haben eine ungebrochene Tradition. Jede Dorfwirtschaft hat ihre Klientel, es gibt immer noch Tisch- und Sitzordnungen bzw. Privilegien. Hier sorgen die informellen Systeme der dörflichen "Gemeinschaft" dafür, daß jeder seinen "richtigen" Platz findet. Wer sich in diese Mechanismen nicht einzufügen weiß, hat es schwer - das war früher nicht anders als heute.
In den Neubaugebieten der Dörfer, die seit den sechziger Jahren in großen Stil erschlossen wurden und in einigen Fällen starke Zuwanderung von außen brachten, versuchte man, mit Straßenfesten nach städtischen Vorbildern nachbarschaftliche Kontakte herzustellen. Dieser Feieranlaß genügte aber, um auch alte Nachbarschaften zu neuem Festgeschehen anzuregen, wodurch das Straßen- und Nachbarschaftsfest ebenfalls eine nicht unerhebliche Blüte erlebt.

Brauchtermine
Martinstag, Nikolaus, Weihnachten, Bündelchestag, Neujahr, Fastnacht, Ostern zahlreiche Brauchformen haben sich um diese Termine entwickelt. An lediglich einem Beispiel soll die Dynamik der Veränderungen aufgezeigt werden. Es ist der Martinstag, der zu Beginn des 20. Jahrhundert zeitlich versetzt zum rheinischen Karneval (seit 1823) seinen Vorwärtsritt entlang des Rheines antrat. Um 1900 hatte der Brauch von Norden kommend die Gegend um Hirzenach erreicht. Der Bopparder Schulrat berichtet: "Mehrere Wochen vor dem 10. November ziehen Schulknaben und aus der Schule entlassene Knaben in den Wald, um Brennmaterial zu suchen [...]. Bei Abenddämmerung des 10. November ziehen die Knaben, jeder mit einem Bund Brennmaterial versehen nach der für das Feuer bestimmten Stelle. Unterwegs wird noch mitgenommen, was zu haben ist, namentlich Bohnenstangen und Weinbergspfähle. An dem bestimmten Orte angelangt, wird alles auf den schon vorhandenen Haufen geworfen. Dann stellen sich alle in einem Kreise um den Holzstoß und erwarten den Augenblick, in welchem angezündet wird. Lauter Jubel erschallt, wenn die Flammen auflodern, und je höher sie steigen, desto lauter der Jubel. Mit an dem Feuer angezündeten Pechfackeln schlagen die Knaben Kreise in die Luft, springen um das Feuer auf dem Felde umher, wobei das übertröpfelnde Pech nicht selten Brandwunden und Beschädigungen an den Kleidern hervorruft. Die erlöschenden Fackeln und die glühenden Holzstücke aus dem Feuer werden in großen feurigen Bögen weggeschleudert, wobei wieder leicht Verletzungen vorkommen. Ist das Feuer verloschen, so zieht der Haufen nach dem Ort zurück. Erwachsene beteiligen sich an dem Martinsfeuer nicht, sehen höchstens dasselbe aus der Ferne an. Daß der Jugend, da sie jeder Leitung entbehrt außer den bereits erwähnten Ungehörigkeiten auch noch Ungebührlichkeiten anderer Art vorkommen, liegt auf der Hand."11

Der Bericht macht den Unterschied zum Martinstag des ausgehenden 20. Jahrhunderts augenscheinlich. Längst hat der Brauch sämtliche alten Konfessionesgrenzen überschritten und die Altersgrenzen der Teilnehmer verschoben. Ordnung ist eingekehrt in das wilde Treiben der Jugend, aber diese bürgerliche Ordnung war Ziel der von Düsseldorf ausgehenden Brauchreform. Die heranwachsende Jugend steht nun eher etwas abseits, wenn die Eltern mit den Kleinkindern durch die dämmrigen Straßen ziehen, angeführt von einem St. Martin auf dem Pferd, begleitet von einer Musikgruppe, verkehrsgesichert durch die Freiwillige Feuerwehr. Erwachsene, die vor 100 Jahren noch abseits standen, stehen heute dicht am Glühweinstand in sicherer Entfernung vom Feuer, wenn die Kinder mit ihren Lampions und angeknapperten Weckmännern längst zu Hause sind. Orts- und Kirchengemeinden, Kindergärten und Feuerwehren zählen in erster Linie zu den Brauchorganisatoren, der seinen informellen Charakter schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts verloren hatte. Der einst wilde Brauch der Jugendlichen in katholischen Gebieten hat sich als gut bürgerlich reformierter Brauch ausgebreitet, analog zum Karneval und in gewisser Weise auch zum Nikolaustag und Weihnachtsfest. Alle die hier genannten Bräuche sind im Verlauf des 19. Jahrhunderts verbürgerlicht worden, wobei zu Weihnachten noch zu bemerken ist, daß sich dieser Festtermin von einem früher halb öffentlichen zu einer rein privaten Familienfeier entwickelt hat.12

Noch eine Bemerkung ist notwendig. Brauchkultur lebt von Brauchträgern, Organisatoren und von gesellschaftlicher Akzeptanz. In Dörfern, in denen es keine Kinder unter zwölf Jahren gibt oder nur zwei, wird wahrscheinlich kein Martinszug stattfinden, vielleicht nur ein gemütliches Beisammensein der Freiwilligen Feuerwehr. Wenn ein Brauch, z.B. das der Hammeltanz zur Kirmes, als abwegig und unmodern eingestuft wird, dann wird der Brauch verschwinden. Brauchelemente oder neue Bräuche breiten sich aber in rasantem Tempo aus, wenn sie für ihre Umgebung populär werden, zu denken ist an Strohfiguren oder -feste.

Zusammenfassung
Es erscheint schwierig, die Vielzahl der Komponenten eines dynamischen Veränderungsprozesses zu beschreiben und insbesondere in ihrer begrenzten und oft ineinander verlaufenden Dauer zu charakterisieren und zu analysieren. Um meßbare Anhaltspunkte zu gewinnen, ist es erforderlich, in bestimmten Zeitabständen Umfragen durchzuführen, wie dies für Rheinland-Pfalz in den Jahren 1984/85 zuletzt geschehen ist. Ein buntes Mosaik von Fakten ist allerdings auch aus einer mehr oder weniger subjektiven Sicht zu beobachten und wird in einer künftigen systematischen Untersuchung zu verifizieren sein:

1. Die Zahl der öffentlichen dörflichen Feste und Feiern ist gestiegen. Der Benennung und dem Anlaß im Einzelfall setzt die Phantasie keine Grenzen. Urlaubsreisen und Fernsehsendungen inspirieren seit etwa 1990 die dörfliche Festszene mit Beach- und Mallorca Parties, Griechischer-, Spanischer-, Italienischer- Abend - Dorfkultur erhält internationale Impulse.

2. Dörfliche Festkultur dient der Identitätsstiftung und der Repräsentation nach außen (Dorf-, Gemeinde-, Jubiläumsfest).

3. Vereinsfeste sind zunehmend in den Sog wirtschaftlicher Zwänge geraten, während die gesellschaftlichen Zwänge zur Teilhabe an dieser Festkultur zunehmend obsolet werden.

4. Musik vom CD-Player oder aus dem Computer (1-Mann-Band) löst die alten Tanzkapellen ab (Oldie-Disco, Disco).

5. Vielseitige dörfliche Festkultur ist abhängig von einer ausgewogenen stabilen demographischen und sozialen Struktur.

6. Der Zuspruch zu dem großen Angebot von Veranstaltungen erscheint geteilt, in einigen Bereichen ist eine gewisse Festmüdigkeit zu registrieren.

7. Hinsichtlich gesetzlicher Vorschriften (Sicherheit, Hygiene, Steuer, usw.) fühlen sich insbesondere Vereine reglementiert. Festreglementierung sind allerdings eine sehr typisches Phänomen, das sich bis in das 16. Jahrhundert zurückverfolgen läßt.

8.Verstärkte Verkehrskontrollen im Zusammenhang mit Tanzveranstaltungen haben zu einer stärkeren Disziplinierung der autofahrenden Jugend beigetragen.

9.Die Lautstärke von Musik erfährt zumindest bei älteren Festteilnehmern eine zunehmende Ablehnung. Handfeste Auseinandersetzungen (Schlägereien) sind im Verlauf der Jahre zurückgegangen.

10.Die Kirmes als dörfliches Hauptfest im Hunsrück verliert zunehmend an Bedeutung.

11.Der Entfernungsradius, in dem sich Festteilnehmer bewegen, wird immer größer. Lokale Bindungen verlieren ihre frühere Bedeutung.

12. Neue Feste begründen bei entsprechender Akzeptanz neue Traditionen und möglicherweise auch neue Brauchformen.

13.Durch die Vorbildfunktion von Rundfunk und Fernsehn wird dörfliche Festkultur einerseits immer stärker nivelliert und professionalisiert, andererseits ist sie in der Lage, diesen Tendenzen eigenes Profil entgegenzusetzen, z.B. im Bereich des Theaterspiels oder in der Betonung des Lokalkolorits, z.B. in der dörflichen Fastnacht.

14.Strukturelle Veränderungen im Arbeitsleben, der Arbeitsrhythmus, arbeitsrechtliche Konsequenzen und wirtschaftliche Verhältnisse beschränken eine spontane Fest- und Feierkultur.

Anmerkungen
1 Der Beitrag versteht sich als eine Übersicht zu einer überaus komplexen Thematik und soll lediglich dazu dienen, einige grobe Entwicklungslinien aufzuzeigen. Ich verzichte deshalb im folgenden auf die Angabe ausführlicher Literaturbelege (mit Ausnahme der Zitate) und verweise punktuell auf relevante Publikationen. Meine Ausführungen beziehen sich auf eigene Untersuchungen im Rahmen von Ortsgeschichten und auf zahlreiche Gespräche, die ich in den vergangenen Jahren in verschiedenen Hunsrückorten mit Informanten unterschiedlichen Alters geführt und aufgezeichnet habe. Darüber hinaus erlaube ich mir aufgrund der eigenen Wahrnehmung und Teilhabe an einer lebendigen dörflichen Festkultur, diese Beobachtungen wiederzugeben. Für einzelne diesbezügliche Beiträge in den Hunsrücker Heimatblättern verweise ich auf den Registerband Hunsrücker Heimatblätter Nr. 1-100 und auf Beiträge im Rhein-Hunsrück-Kalender, welche die Festkultur des Hunsrücks betreffen.
2 Atlas der Deutschen Volkskunde. Neue Folge aufgrund der 1929-1935 durchgeführten Sammlung im Auftrag der deutschen Forschungsgemeinschaft in Zusammenarbeit mit H.L. Coy, Gerda Grober-Glück und Günter Wiegelmann hrsg. v. Matthias Zender. Erläuterungen. Marburg 1985.
3Niem, Christina/ Schneider, Thomas: Zukunft kleiner Gemeinde in Rheinland-Pfalz. Ergebnisse eines interdisziplinären Forschungsprojektes. Mainz 1995. (Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz, Bd. 18).
4 Düding, Dieter/ Friedemann, Peter / Münch, Paul: Öffentliche Festkultur. Politische Feste in Deutschland von der Aufklärung bis zum Ersten Weltkrieg. Rheinebck 1988. (Kulturen und Ideen).
5Zum 3. Oktober 1990. In: Volkskunde in Rheinland-Pfalz. Informationen der Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz e.V. 5 ,2/1990, S. 50 - 54. Vgl. auch ders.:Versuche nationaler Identitätsstiftung auf regionaler und lokaler Ebene. In: Volkskunde in Rheinland-Pfalz. Informationen der Gesellschaft für Volkskunde in Rheinland-Pfalz 8, 2/1993, S. 24-34.
6 Vgl. Fritz Schellack, Nationalfeiertage in Deutschland von 1871 bis 1945. Frankfurt/M., Bern, New York, Paris 1990. [Diss. Mainz 1989]. (Europäische Hochschulschriften, Reihe III, Bd. 415).
7 Zum Sonnwendfeuer vgl. Matthias Zender, Volksbrauch und Politik. Lichterumzüge und Jahresfeuer von 1900 bis 1934. In: Rheinische Vierteljahrsblätter 38,1974, S. 331-358. Auch Herbert und Elke Schwedt, Jahresfeuer, Kirchweih und Schützenfest, Beiheft XI/3-XI/4. Geschichtlicher Atlas der Rheinlande, XII. Abteilung Ib Neue Folge. Köln 189 S. 21-23.
8 Zitiert nach Maria Elisabetha Glasmann, Tagebuch meines Lebens. Eine Familiensaga vom Hunsrück 1860-1942. Hg. von Hajo Knebel und Walter Göhl. Frankfurt 1983. (Nachdruck der Ausgabe Simmern 1973). S. 27-28.
9 Willi Wagner, Zusammenbruch und Neubeginn. Die Ereignisse im heutigen Landkreis Rhein-Hunsrück in der Zeit von 1945 bis 1950. Simmern 1990. (Schriftenreihe des Rhein-Hunsrück-Kreis, Nr. 6).
10Erinnerungen von Gustav und Waltraud Schellack an Vortragsabende in den sechziger Jahren.
11LHAKo, Best. 441, Nr. 26129, Sammlung der Berichte des Schulinspektors aus Boppard, 1882.
12Vgl. z.B. Ingeborg Weber Kellermann, Das Weihnachstfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit. München, Luzern 1978. N.D.1987. Schwedt, Herbert und Elke: Bräuche zwischen Saar und Sieg. Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz. Zum Wandel der Festkultur in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Mainz 1989. (Studien zur Volkskultur in Rheinland-Pfalz, Bd. 5).